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Kreis Unterallgäu

18.10.2017

Wie ein Mindelheimer Erdogan die Stirn bietet

Wer den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert, muss mit gravierenden Folgen rechnen. Diese Erfahrung hat auch ein Türke aus Mindelheim gemacht.
Bild: Depo Photos/Zuma Press, dpa (Archivfoto)

Wegen eines Posts auf Facebook ist ein Türke aus Mindelheim ins Visier der türkischen Justiz geraten. Die Geschichte nahm aber ein gutes Ende – bis jetzt.

Der Fall Mesale Tolu sorgt seit Monaten international für Schlagzeilen. Die junge Journalistin aus Ulm ist im Mai in der Türkei unter dem Verdacht verhaftet worden, „Terrorpropaganda“ zu betreiben. Auch ihr zweijähriger Sohn Serkan sitzt seither in Haft.

Wer Kritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan übt, geht ein hohes Risiko ein. Jeder Türke, auch in Deutschland, weiß das inzwischen; auch Mesut S. aus Mindelheim. Und doch lässt er sich den Mund nicht verbieten. „Ich muss reden“, sagt er, „das bin ich meinen Kindern schuldig“. Erdogan gebe nur vor, ein gläubiger Muslim zu sein. In Wirklichkeit „führt er ein Luxusleben wie ein König“. Mesut S. sagt, ihm gehe es um die Demokratie, um die 50 Prozent der Türken, die eben nicht hinter dem Präsidenten stehen.

Die anderen 50 Prozent sehen in Recep Erdogan einen guten Politiker, der die türkische Wirtschaft vorangebracht habe, Straßen baue und sich um die Anliegen der kleinen Leute kümmere. So habe der Präsident die Renten erhöht. Und er bekämpfe konsequent den Terror. Dem türkischen Selbstbewusstsein hat ein Präsident Erdogan aufgeholfen. Wer in Mindelheim gegenüber türkischen Landsleuten auch nur leise Kritik an Erdogan übt, muss damit rechnen, dass er sich sogleich in einem hitzigen Wortgefecht wiederfindet. So mancher, der nicht wie die Regierungspartei denkt, schweigt lieber.

An der Grenze wird er aufgehalten

Mesut, dessen Namen die Redaktion geändert hat, ist aus anderem Holz geschnitzt. Angst kennt dieser kräftige Mann nicht. Und Angst hatte er auch nicht, als er sich Ende August mit dem Auto in sein Heimatland aufmachte. Vier Wochen wollte er daheim in der Kleinstadt verbringen, in der er aufgewachsen ist. Es sollte eine unvergessliche Reise werden.

Am 21. August hatte Mesut S. nach langer Autofahrt von Deutschland die bulgarisch-türkische Grenze passiert. Die Uhr zeigte 6 Uhr in der Früh, als Mesut S. von türkischen Grenzern gebeten wurde, rechts ranzufahren.

Die Polizisten seien sehr höflich und zuvorkommend gewesen. Aber sie hätten eben auch einen Haftbefehl vorliegen gehabt – gegen Mesut S., den Mindelheimer mit türkischem Pass. Was ihm vorgehalten werde, wussten sie allerdings nicht zu sagen. Mesut kam zuerst in eine Haftzelle, in der er sogar sein Handy behalten durfte. Das nutzte er für ein Selfie-Foto, das er auf Facebook mit den Zeilen „Der Dieb ohne Diplom hat mich festgenommen“ postete. Alle wissen, wer damit gemeint ist, sagt Mesut.

Nach drei Stunden kam Zivilpolizei und nahm ihn mit in die nächste größere Stadt. Er sei festgenommen worden, weil er Präsident Erdogan beleidigt habe. Mesut bekam einen Rechtsanwalt an die Seite, der ihm riet zu sagen, er wisse von dem Post nichts. Denn sonst drohten zwei Jahre Gefängnis. Davon wollte Mesut aber nichts wissen und schickte den Anwalt weiter. Ohne Rechtsbeistand wurde er gegen Abend dann einem Richter vorgeführt.

Es könnte zu einem Prozess kommen

Statt alles abzustreiten, wie dieser offenbar erwartet hatte, gibt Mesut zu, noch viel mehr gepostet zu haben. Es sei allgemein bekannt, dass Erdogan kein rechtmäßiges Diplom besitze. Er habe also nur die Wahrheit geschrieben. Den Richter machten solche Aussagen offenbar zunehmend nervös. „Alle haben Angst in der Türkei“, sagt Mesut. Jeder fürchtet, selbst ins Visier zu geraten. In dem Protokoll der Vernehmung stand am Ende, Mesut habe nicht gewusst, dass seine Aussagen strafbar seien. Er durfte gehen. Sein Handy allerdings versagte zehn Tage lang den Dienst. Mesut vermutet, dass die Polizei eingegriffen hat.

Noch ist die Geschichte aber wohl nicht ganz ausgestanden. Er ist zurück in Deutschland, aber er rechnet mit einem Gerichtsprozess in der Türkei. Sollte es so weit kommen, „werde ich hinfahren“. Die Sache ist ihm so wichtig, dass er den Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof bringen will, aus Prinzip. Aber vielleicht endet die Geschichte auch folgenlos wie vor dem Vernehmungsrichter in der Türkei.

Die Sorgen um sein Land allerdings bleiben. Wie aber reagieren? Europäische Politiker sollten den Geldhahn zudrehen, findet Mesut Und sie sollten, wann immer es geht, jenen Mut machen, die sich für die Demokratie in der Türkei einsetzen. Nichts anderes will Mesut S. aus Mindelheim.

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18.10.2017

Ich bin jetzt 2 mal mit Türken Taxi gefahren, der Jüngere war voll Erdogan Fan, ein etwas Älterer so um die 40 sprach von einer großen Katastrophe was Erdogan mit der Türkei macht. Der Man aus Mindelheim ist wirklich mutig, er muß aber aufpassen, damit er nicht mal schnell im Knast ist und nicht mehr rauskommt.

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18.10.2017

ein sehr Mutiger Mann !! aber ob es auch sehr schlau ist sich so zu Äusern ist doch Frargwürdig ?? denn es soll vorkommen das der neue Großmogul der Türken auch manche einfach einen Kopf kürzer machen läst , die Gesetze hat er ja schon dazu schaffen lassen !!!

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