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Türkheim

30.01.2019

Wüstenschiffe im Schnee

Wüstenschiffe fühlen sich an der Wertach pudelwohl: Mitten in Türkheim bietet sich ein – zumindest für diese Breitengrade – eher ungewöhnlicher Anblick: Im Stall der Firma Silconform stehen zehn Kamele. Die Tiere sind wichtig für Forschung und Weiterentwicklung der Firma.
Bild: Sabine Schaa-Schilbach

Das Türkheimer Unternehmen Siliconform entwickelt Melkmaschinen für Kamele. Die „Versuchskaninchen“ fühlen sich hier pudelwohl.

Wer sie zum ersten Mal sieht, mitten in Türkheim, möchte an eine Halluzination glauben: Kamele dort auf einer Wiese, wo sonst nur Kühe zu erwarten wären. Und ja, es sind echte Kamele, sie haben einen Buckel (Dromedare hätten zwei) und stammen aus der Familie der Altwelt-Kamele.

Die haben sich einst von Nordamerika aus über eine Landbrücke ostwärts über ganz Asien verbreitet. Das ist lang her, und seitdem hatten die domestizierten Kamele alle Zeit der Welt, sich an die unterschiedlichen Klimazonen und Haltungstraditionen anzupassen. Sie halten es auch hier bei uns im Allgäu gut aus, trotz Winter und Kälte.

Die Türkheimer Kamele frieren leicht und bleiben im Winter auch gerne im Stall

Aber natürlich muss der Mensch helfen. „Wenn es dauernd kalt ist: Das vertragen sie schlecht. Auch Wind und Feuchtigkeit tun ihnen nicht gut“, sagt Eva-Maria Maier, die sich super auskennt mit den Bedürfnissen der Tiere, die zum Betrieb ihre Vaters Jakob Maier gehören, der Firma Siliconform in Türkheim.

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Deshalb haben die zehn Kamele ihrer Herde draußen viel Auslauf, einen windgeschützten Unterstand, ein Extra-Futterraufen-Häuschen und einen wirklich riesigen Innenstall zum Schlafen. Sie haben außerdem „Pflegekräfte“, die Stall und Boden sauber halten und für das Futter sorgen.

Es gibt für die Tiere eine sehr individuelle Einstreu aus mehreren Komponenten, und auch das Futter ist vom Feinsten: ein besonderes Heu mit Strohhäckseln vermischt, dazu Pflanzenkost aus Gras und Kräutern von den betriebseigenen Wiesen, zu Pellets verarbeitet, dazu Mineralien und Kamel-Leckerlis wie Karotten.

Jedes Tier hat seinen Namen, die Damen heißen Samira, Lilly, Luzi, Naomi, Antonia. Hahn im Korb ist Caesar, der einzige, noch junge Mann der Herde. Viermal gab es bisher Nachwuchs, und das ist wichtig, denn die Kamele müssen für ihr gutes Leben in Türkheim auch liefern: ihre Milch.

Die hat einen sehr guten Ruf, nicht nur im Orient. Sie ist nahrhaft, gesund und allergenarm. Aber nie in großen Mengen verfügbar. Eine Kamelstute gibt, anders als eine Kuh, nur dann Milch, wenn sie ein Junges hat. Freiwillig lässt sie sich nur mit ihrem Fohlen melken.

Jakob Maier, in Fachkreisen unter dem Namen „Zitzen-Maier“ bekannt, ist ein Pionier in der Erfindung moderner Melkmaschinen. Selbst aus der Landwirtschaft stammend, hat er lange zweigleisig gearbeitet, bis er sich ganz der Entwicklung, der Herstellung und der Vermarktung seiner Ideen widmete. Sein Name ist untrennbar mit dem Material Silikon für tierschonendes Melken verbunden.

Die Türkheimer Kamele dienen der Forschung und Weiterentwicklung

Seine Kamele waren ursprünglich für ein Projekt gedacht, in dem zusammen mit Fachleuten aus Syrien Melksysteme für Kamele im Orient entwickelt werden sollten. Der Krieg zerstörte diesen Ansatz. Doch für Forschung und Weiterentwicklung bleiben die Türkheimer Kamele wichtig.

„Sie sind unsere Versuchskühe, sagt Eva-Maria Maier, „man kann von ihnen lernen, was einem Tier guttut, und was man anders machen sollte. Eine Kuh lässt sich in der Regel zu viel gefallen, sie ist zu geduldig, bedingt durch die langen Zuchtreihen.“

„Das Kamel ist da viel authentischer“, sagt Geschäftsführer Wilfried Hatzack. Voller Begeisterung für die Kamele wie seine Frau, erzählt er von den Charaktereigenschaften der Tiere, von ihrem „Wissen und einer gefühlten Überlegenheit.“ „Sie haben ein sehr gutes Sozialverhalten. Es gibt keine Rangkämpfe, höchstens mal eine Rangelei. Leittier ist, wer das beste Futter findet. Und welchem Tier kann man so in die wirklich schönen Augen schauen wie einem Kamel? Sie sind friedlich, aber sie haben auch viel Kraft, und wenn sie mal ausschlagen, kann das böse enden. Aber das täten sie nie ohne einen besonderen, schwerwiegenden Grund.“

Er erzählt vom Gedächtnis der Kamele, die sich auch nach Jahren noch an erlittenes Unrecht und Misshandlung und deren Verursacher erinnern, „das sollte man nie vergessen!“

Auch im Vergleich mit Pferden haben die Kamele die Nase vorn. „Sie sind nicht schreckhaft. Sie kämen nie auf die Idee, von dort wegzulaufen, wo sie gut behandelt und versorgt werden. Man kann sie zu Therapiezwecken einsetzen. Sie bringen noch das hyperaktivste Kind runter auf normal. Sie haben gute Ohren und Augen, beobachten genau, was sich um sie herum tut, und sie sind friedlich.“

Zeit- und kostenaufwendig sei die Haltung solcher Tiere hier in Türkheim schon. Aber es komme auch viel zurück. „Von ihnen kann man Effizienz lernen. Sie sind im positiven Sinn phlegmatisch, sie machen keinen Schritt zu viel. Sie leben ja ursprünglich da, wo Wasser und Futter rar sind, und sie verwerten beides optimal.“

Vielleicht ein Hinweis auf die Tierhaltung hierzulande, wenn in fernerer Zukunft das Trinkwasser nicht mehr so problemlos zur Verfügung steht?

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