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Bad Wörishofen

17.07.2013

Zwischen Hoffen und Bangen: Tierarzt Dr. Hof untersucht Kühe auf Tuberkulose

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Die Selbstfanggitter im Laufstall von Manfred Hintner erleichtern den Test erheblich. Sonst hätte er alle 137 Kühe eigenhändig anbinden müssen. „Da ist die Laune dann auf dem Tiefpunkt“, ist Hofs Erfahrung.
Bild: Sandra Baumberger

Tierarzt Dr. Matthias Hof besucht im Auftrag des Veterinäramts Ställe in der Region, um die Kühe auf Tuberkulose zu untersuchen.

Manfred Hintner steht zwischen 180 Kühen in seinem Stall bei Schlingen. Tierarzt Dr. Matthias Hof begrüßt er mit einem herzlichen „Grias di.“ Derzeit ist das erwähnenswert. Hof ist nämlich im Auftrag des Veterinäramts zu Hintner gekommen, um die Kühe auf Rinder-Tbc breitet sich aus , kurz Rinder-Tbc zu untersuchen. Und das kommt nicht bei jedem Landwirt gut an.

Da ist zum einen die Anspannung: Drei Tage dauert es, bis klar ist, ob eine Kuh gesund ist oder möglicherweise den Tbc-Erreger in sich trägt. Das sind drei Tage, in denen der Landwirt damit rechnen muss, dass eines oder mehrere seiner Tiere geschlachtet und – sollte sich der Tbc-Verdacht bestätigen – sein Betrieb für 16 Wochen gesperrt wird. In dieser Zeit darf er kein Vieh verkaufen und bekommt für die Milch je nach Vertrag deutlich weniger Geld. Außerdem muss er den Stall desinfizieren, den Festmist, die Gülle – alles in allem ein Riesenaufwand.

Testergebnisse sind oft zweifelhaft

Und zum anderen ist da das Testverfahren selbst, der sogenannte Simultantest: Die Gefahr, dass er positiv ausfällt, obwohl das Rind kerngesund ist, ist verhältnismäßig hoch. Im Unterallgäu gab es bislang in 34 Betrieben positive oder zweifelhafte Ergebnisse. Aber nur in zwei Fällen bestätigte die Laboruntersuchung den Tbc-Verdacht. „Die Landwirte sind verunsichert, weil es kein Testverfahren gibt, das hundertprozentig sagt: Tbc, ja oder nein“, erklärt Matthias Hof und fügt – beinahe entschuldigend – hinzu: „Wir müssen mit Wahrscheinlichkeiten rechnen. Das ist in der Medizin immer so.“

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Auch Manfred Hintner rechnet mit Wahrscheinlichkeiten, nämlich der, dass höchst wahrscheinlich keine seiner Kühe krank ist. „Ich kauf nichts zu, ich hab keine Weidehaltung“, sagt er. Wo also hätten sich seine Tiere anstecken sollen? „Und wenn’s so ist, sortieren wir die Kranken halt aus. Dann bin ich wieder tuberkulosefrei.“ Das klingt einfacher, als es in der Praxis ist. Weil die Landwirte an den Tieren hängen, die sie füttern und melken und von denen sie schließlich leben. „Das ist ein hochemotionales Problem“, ist die Erfahrung des Tierarztes, der sich selbst nicht ausnimmt. „Ich bin nach drei Tagen genauso erleichtert wie die Landwirte.“

Gewissheit nur durch Laboruntersuchung

Mit einem lila Rasierapparat schert er der ersten Kuh an zwei Stellen hinter der Schulterblattgräte das Fell. Anschließend greift Hof zu einem Messschieber, einem sogenannten Federkutimeter, zwickt eine Hautfalte ein und misst, wie dick die Haut an diesen Stellen ist. Die Werte trägt er in eine Liste ein. Anschließend spritzt er dem Tier in den unteren kahlen Fleck 0,1 Milliliter Rinder-Tuberkulin. Weil das aber auch auf eine Infektion mit der völlig harmlosen Geflügel-Tuberkulose reagieren würde, injiziert er in die rasierte Stelle darüber zur Sicherheit auch noch dieses Allergen.

72 Stunden später wird die Hautdicke dann erneut gemessen. Ist dann zum Beispiel die Rinder-Teststelle um mehr als zwei Millimeter angeschwollen, die Geflügel-Teststelle aber nicht, gilt das Ergebnis als zweifelhaft. Die Kuh könnte infiziert sein oder auch nicht. Klarheit bringt dann entweder die Laboruntersuchung, für die die Kuh jedoch geschlachtet werden muss, oder ein weiterer Test nach sechs Wochen. Ist die Rinder-Messstelle mehr als vier Millimeter dicker angeschwollen als die Geflügel-Teststelle, gilt der Flächendeckende Tests auf Tbc laufen an als positiv. Gewissheit gibt aber auch hier erst die Laboruntersuchung.

Auch ein äußerlich gesundes Tier kann krank sein

„Ist das Tier mit Tbc infiziert, muss es noch keine Krankheitserscheinungen zeigen“,  erklärt Hof. Die Tuberkelbakterien werden nämlich in den Lymphknoten abgekapselt. Äußerlich wirkt die Kuh dann noch gesund, sie kann in seltenen Fällen aber schon ansteckend sein. Gefährlicher ist die, allerdings sehr seltene, offene Tbc, bei der die Lymphknoten aufbrechen und die Bakterien ausgeschieden werden.

Ein Alt-Landwirt, der in den Stall dazukommt, versteht die Aufregung nicht. „So einen Schmarrn wie jetzt hat man noch nie gemacht“, schimpft er. „Jetzt ist der Hof nicht gesperrt, aber wenn man was findet, dann schon. Das ist doch unlogisch.“

Deutschland gilt seit 16 Jahren als tuberkulosefrei

Immerhin wird der Betrieb seit Kurzem nicht mehr automatisch sofort gesperrt, wenn ein positiver oder zweifelhafter Befund vorliegt, sondern erst, wenn die Laboruntersuchung den Verdacht bestätigt. Auf dieses Vorgehen haben sich auf Anregung von Landrat Hans-Joachim Weirather die Landkreise Unter-, Ober- und Ostallgäu sowie Lindau geeinigt. Sie hielten die sofortige Sperrung für unverhältnismäßig. Eine Gefahr für die Verbraucher gebe es schließlich nicht.

Die für die Wirtschaft ist größer: Seit 1997 gilt Deutschland als tuberkulosefrei. „Wenn wir diesen Status verlieren, haben wir beim Export ein ganz großes Problem“, sagt Tierarzt Hof. Die Tiere von Manfred Hintner können die Händler jedoch weiterhin ohne Bedenken kaufen. Drei Tage nach Hofs erstem Besuch steht fest: Alle Kühe sind tuberkulosefrei.

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