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Familie
08.02.2024

Eltern-Kind-Entfremdung: Wie eine Mutter jahrelang um ihre Tochter kämpft

Was, wenn das eigene Kind plötzlich nicht mehr nach Hause kommt? Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr bis zu 60.000 Kinder den Kontakt zu einem Elternteil abbrechen.
Foto: Monkey Business, Imago

Von einem Tag auf den anderen bricht eine 13-Jährige ohne Vorwarnung den Kontakt zu ihrer Mutter ab. Über ein Phänomen, das gar nicht so selten ist.

Rund 15 Kilometer liegen zwischen Monika König und ihrer Tochter Emma, doch genauso gut könnten es Welten sein. Seit drei Jahren hat die Mutter ihre Tochter nur aus der Ferne gesehen. Seit dem Tag, an dem die damals 13-Jährige wie so viele Male zuvor zu ihrem Vater ging, um das Wochenende bei ihm zu verbringen, und nicht mehr zu ihrer Mutter zurückkehrte. Einfach so, ohne Vorwarnung und ohne jede Erklärung.

Monika König hat bis heute keine. Sie heißt eigentlich anders, will aber anonym bleiben, um ihre Tochter zu schützen und die Wiederannäherung nicht zu gefährden, auf die sie so sehr hofft. Die Frau, die in einem Dorf im Allgäu lebt, erzählt von Emmas Geburtstagsparty am Wochenende, bevor ihre Tochter sie im Februar 2021 verlassen hat, von der ausgelassenen Stimmung. "Das war so schön damals." Die 50-Jährige sitzt in ihrem gemütlichen Wohn-Ess-Zimmer, in dem so vieles an Emma erinnert – Fotos, Selbstgebasteltes, ein Armband mit ihrem Namen, das an der Lampe baumelt –, auf dem Tisch einen dicken Ordner, in dem sie all die Unterlagen der vergangenen drei Jahre gesammelt hat. Sie kämpft mit den Tränen, die immer wieder in ihr aufsteigen, während sie ihre Sicht der Dinge schildert. Gut möglich, dass die Geschichte anders klingen würde, wenn Emmas Vater sie erzählt.

Zu den Großeltern und den Freunden von damals hat sie keinen Kontakt

Gerade hat Emma wieder Geburtstag gefeiert, zum dritten Mal ohne ihre Mutter – und ohne die Freunde von damals. Auch zu ihnen hat sie den Kontakt abgebrochen, hat sich aus allen Vereinen zurückgezogen, auch von allen Verwandten mütterlicherseits. Den Diplom-Psychologen Stefan Rücker überrascht das nicht. Er ist Experte für Kindeswohl und Umgangsrecht – und für ein Phänomen, das Eltern-Kind-Entfremdung genannt wird: Nach der Trennung überzeugt ein Elternteil das gemeinsame Kind offen oder unterschwellig davon, dass Mama oder Papa sich nicht gut genug kümmert, nicht liebenswert ist und auch das Kind nicht liebt, davon, dass es besser ist, wenn es den Kontakt abbricht. Ziel ist, den Ex-Partner aus dem Leben des Kindes zu tilgen. Um das sicherzustellen, manipulieren die Mütter oder Väter die Kinder so, dass sie auch mit Verwandten und Freunden brechen, über die ein Kontakt zum anderen Elternteil denkbar wäre.

Video: dpa

Als eine der prominentesten Betroffenen von Eltern-Kind-Entfremdung nennt der Psychologe die "Block House"-Erbin Christina Block, deren Fall kürzlich Schlagzeilen machte. Sie hat Ähnliches erlebt wie Monika König: Ihre beiden jüngsten Kinder kehrten von einem Besuch bei ihrem Vater in Dänemark nicht mehr zu ihr zurück. Der Streit gipfelte in der Silvesternacht 2023 darin, dass Unbekannte die Kinder entführten und zu ihrer Mutter brachten. "Die Kinder wurden vom Vater in Dänemark festgehalten und sind heute vollkommen überzeugt, die Mutter hätte Gewalt ausgeübt", sagt Rücker. Für diesen Vorwurf gebe es aber keinen objektivierbaren Anknüpfungspunkt. 

Wenn Eltern sich trennen, wird der Streit zwischen den Eltern zu oft auf den Schultern des Kindes ausgetragen.
Foto: Frank Leonhardt, dpa

Das Schwierige daran: Kinder könnten oft noch nicht unterscheiden, ob sie etwas erlebt haben, ob man es ihnen erzählt hat oder ob sie es geträumt haben. Wenn das Kind dann noch leicht beeinflussbar sei, "kann sich im Kopf des Kindes das Bild verfestigen, dass der andere Elternteil schadhaft ist – obwohl unter Umständen überhaupt keine Verfehlungen stattgefunden haben", sagt der Psychologe. Natürlich müsse man in solchen Fällen sehr genau hinsehen. Wenn ein Kind etwa angibt, nicht mehr zum Vater zu wollen, weil es dort viel zu lange fernsehen dürfe, sei das zu dünn, um einen Kontaktabbruch zu rechtfertigen. Werden die vermeintlichen Argumente dann noch stereotyp wiederholt, ohne emotionale Schwingungen oder Affekte, die für Schilderungen typisch sind, die auf echten Erlebnissen basieren, wird er hellhörig. 

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Emma will ihre Mutter nicht sehen, nicht mal für ein Gespräch zusammen mit dem Vater

Andere nennen so wie Emma gar keine Gründe, sagen nur, dass sie auf Mama oder Papa eben wütend seien, sie sie doof finden und nicht mehr zurückwollen. "Aber das taugt nicht für einen vollständigen Kontaktabbruch zu einer primären Bindungsperson", sagt Rücker. "Es ist ja nicht irgendwer, der da abgelehnt wird, es ist ja ein Elternteil." Er verweist auf die rund 40.000 Kinder und Jugendlichen, die jedes Jahr in Deutschland von Jugendämtern aus ihren Familien herausgenommen werden, weil sie schwer misshandelt oder vernachlässigt wurden. "Die kommen aus wahren Martyrien heraus, die sind wirklich geprügelt und gepeinigt und die wollen fast alle nach wenigen Tagen wieder zurück nach Hause zu ihren Eltern." Emma aber will das nicht. Sie will ihre Mutter nicht sehen, nicht mal zusammen mit ihrem Vater für ein Gespräch mit dem Jugendamt, sagt Monika König. Weil Emma inzwischen 16 Jahre ist, hat ihre Weigerung Gewicht. 

Video: dpa

Als sie im Februar 2021 bei ihrem Vater blieb, war das für die Mutter ein Schock, aber die Hoffnung groß, dass Emma bald zurückkommen würde. Sie wartete deshalb erst einmal ab, wollte Emma Zeit geben. "Aber dann kam das Frühjahr und Ostern und sie war wie vom Erdboden verschluckt", erzählt Monika König. Im Sommer sollte es dann endlich ein Gespräch mit allen Beteiligten geben, das ihr Ex-Mann eine Woche vorher jedoch abgesagt habe. Weitere Termine platzten – oder fanden ohne Emma statt. 

Weil sie und ihr Ex-Mann nach wie vor das gemeinsame Sorgerecht für ihre Tochter haben, stellte Monika König im Oktober 2021 einen Antrag auf Regelung des Umgangsrechts beim Familiengericht. Die Richterin verlangte dafür ein Gutachten, das erst fast ein Jahr später im September fertig war. Es folgte ein Ergänzungsgutachten, das im Januar 2023 vorlag. Eine Entscheidung sollte dann im März fallen, tatsächlich wurde es aber Ende Juni. Ergebnis: Der Mutter wurde empfohlen, sich ein weiteres halbes Jahr zurückzuziehen, um ihrer Tochter Zeit zu geben. Das hat sie getan. Weil sie alles tun würde, was ihr ihre Tochter zurückbringen könnte. Und weil sie auch keine Kraft mehr hatte. Doch geändert hat sich nichts.

Rückblickend würde Monika König nicht mehr so viel Zeit verstreichen lassen – wenn es denn in ihrer Hand läge. "Die Zeit schafft Fakten. Man wird sich ja wirklich fremd – nach drei Jahren." Sie wünscht sich, dass Familiengerichte schneller entscheiden, dass sie und die Jugendämter genauer hinterfragen, warum ein Kind den Kontakt zu einem Elternteil so plötzlich und umfassend abbricht, und dass es Treffen von offizieller Seite gäbe, bei denen ihre Tochter dabei sein müsste. Mit all diesen Wünschen ist sie nicht allein: Betroffene haben die Petition "2023 ist Schluss" gestartet, die rund 14.500 Menschen unterzeichnet haben. Sie wollen auf das Phänomen der Eltern-Kind-Entfremdung aufmerksam machen und erreichen, dass diese wie in anderen Ländern als Form psychischer Gewalt anerkannt wird. 

Die Entfremdung hinterlässt auch langfristig Folgen bei den Kindern

Schätzungen zufolge brechen jedes Jahr in Deutschland zwischen 50.000 und 60.000 Kinder den Kontakt zu einem Elternteil ab, hinzu kommen Großeltern und andere Verwandte. Rücker kritisiert, dass im Familienrecht der Fokus immer auf dem Kindeswillen liege – "auch wenn er selbstgefährdend ist". Schließlich hinterlasse die Entfremdung bei den Kindern Spuren: Der permanente Loyalitätskonflikt beeinträchtige die sozial-emotionale Entwicklung. Betroffene Mädchen zeigten sehr häufig Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten sowie Symptome einer Depression. "Bei Jungs sind es eher Störungen im Sozialverhalten.

Die geraten mit Gleichaltrigen in Schwierigkeiten, mit Lehrerinnen und Lehrern, mit dem Elternteil zu Hause." Später kämen teils Alkohol und Drogen hinzu, auch Sachbeschädigung oder Diebstähle. "Und bei beiden ist immer auch der Beziehungsaufbau erschwert." Weil sie nicht noch einmal eine wichtige Person verlieren wollen und weil sie ihren Gefühlen nicht vertrauen. Wenn man als Kind einen Menschen ablehnen soll, obwohl man ihn eigentlich liebt, sorgt das im emotionalen Bereich für Verwirrung: Wahrnehmung und Bauchgefühl passen nicht zusammen.

Schon heute ist gesetzlich festgelegt, dass Eltern alles unterlassen müssen, was das Verhältnis des Kindes zum anderen Elternteil beeinträchtigt. Und auch, dass Eltern den Kontakt zum anderen Elternteil fördern müssen. Regeln gäbe es in der Theorie also. Doch wenn sich Eltern in der Praxis nicht daran halten, bleibt das meist folgenlos – schon allein, weil Familienrichter, Jugendamtsmitarbeiter, Sachverständige und Verfahrensbeistände oft viel zu wenig über pathologische Familiendynamiken wüssten, glaubt Rücker. 

Er wünscht sich deshalb Weiterbildungen für die beteiligten Fachkräfte und eine Regelung, wie es sie in Österreich gibt: Wenn sich dort Eltern mit minderjährigen Kindern trennen, müssen sie mindestens drei Beratungsstunden in Anspruch nehmen, bei einer sehr konflikthaften Trennung mindestens zehn. "Das halte ich für völlig zumutbar, um eine Kindeswohlgefährdung zu verhindern", sagt Rücker. Denn letztlich seien es immer die Konflikte der Eltern, die auf den schmalen Schultern der Kinder ausgetragen würden. 

An Weihnachten und zum Geburtstag stellt sie ihrer Tochter Geschenke vor die Tür

Auch Monika König und ihrem Ex-Mann wurde nahegelegt, ihren Konflikt therapeutisch zu klären. Im Laufe der Jahre – 14 sind seit der Trennung vergangen – gab es immer wieder das, was die Profis Elternarbeit nennen. Doch gerade hat Emmas Vater angekündigt, nicht mehr an den Treffen teilzunehmen. Dazu gezwungen werden kann er nicht – anders als etwa in Australien, Skandinavien, Großbritannien und Nordamerika: Eltern, die die Mitarbeit verweigern, wird in diesen Ländern angedroht, ihnen das Sorge-, Umgangs- oder Aufenthaltsbestimmungsrecht zu entziehen. Das, so Rücker, erhöhe die Motivation ganz erheblich. 

Das Argument von Müttern und Vätern, dass sie ihre Kinder ja nicht zum Kontakt mit dem anderen Elternteil zwingen könnten, lässt er nicht gelten. Denn wenn das Kind plötzlich nicht mehr essen oder zur Schule gehen würde, sähen sich Eltern durchaus in der Lage einzugreifen. Warum also nicht auch, wenn es um den Kontakt zum anderen Elternteil gehe? 

Monika König will keine weiteren Anträge stellen, aber auch nicht aufgeben. In ihren WhatsApp-Status stellt sie immer wieder Erinnerungen und die Botschaft: "Ich bin immer für dich da, du kannst jederzeit zurückkommen." Sie stellt Emma an Weihnachten und an ihrem Geburtstag Geschenke vor die Tür und versucht, den Schmerz so gut es geht zu verdrängen. Und doch ist er immer da, "und das wird auch nicht besser". 

Monika König will stark bleiben bis zum Tag, an dem ihre Tochter zurückkommt. Dass dieser Tag kommen wird, davon ist sie überzeugt. Sie ist in mehreren Selbsthilfegruppen aktiv und hat dort Eltern kennengelernt, die ihr Kind zurückbekommen haben. Ein Vater kann seinem Sohn nach vier Jahren Funkstille immerhin regelmäßig Briefe schreiben, auch das wäre für Monika König ein kleiner Fortschritt. An der Garderobe in ihrem Flur hängt ein Mantel, den Emma vor drei Jahren dort zurückgelassen hat. Sie kann ihn nicht abhängen. "Solange der Mantel da hängt, ist Emma noch da", sagt sie und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. 

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