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Legendäre Spiele

03.12.2020

Als der FC Memmingen den ersten Schritt zum Aushängeschild machte

Das erste Bayernliga-Tor für den FC Memmingen: Reinhold Gögelein (links neben dem Pfosten) hatte präzise geflankt. Siggi Moosmann (Nummer 8) schoss zum 1:1-Ausgleich gegen die Amateure des 1. FC Nürnberg ein.
Bild: Archiv FC Memmingen

Plus Vor 50 Jahren steigt der FC Memmingen in die Bayernliga auf und geht damit ein großes finanzielles Wagnis ein. Dass dies gut geht, hat auch mit dem FC Bayern zu tun.

Vor 50 Jahren schaffte der FC Memmingen erstmals den Aufstieg in die Fußball-Bayernliga und gehört seitdem nachhaltig zu den führenden Amateurklubs im Freistaat, vielleicht sogar in ganz Deutschland.

Vergleichbares findet sich eigentlich nicht. Kurz unterbrochen wurde die Zugehörigkeit zur höchsten Amateurspielklasse lediglich durch zwei Abstiege in die Landesliga, die schnell wieder ausgemerzt wurden, und den Abstecher auf DFB-Ebene in die Regionalliga Süd in den beiden Spielzeiten zwischen 2010 und 2012.

Mitglieder stimmen über Aufstieg ab

Im Jahr 1970 war die Teilnahme an der 1. Amateurliga Bayern, wie sie hier noch offiziell hieß, ein gewagter Sprung, über den der langjährige FCM-Boss Florian Huber die Mitglieder in einer außerordentlichen Versammlung abstimmen ließ. „Kann der FC Memmingen mit seinen bescheidenen finanziellen Möglichkeiten das Abenteuer Bayernliga überhaupt wagen?“, lautete die Frage damals, wie in der Vereinschronik nachzulesen ist. Ein Defizit in fünfstelliger D-Mark-Höhe war befürchtet worden, wenn die kalkulierten 1500 Besucher im Schnitt nicht kämen.

Die große Mehrheit der FCM-Mitglieder war jedoch für das Wagnis, es gab nur eine Enthaltung. Der Beschluss war der verdiente Lohn für die Mannschaft, die vom damaligen Trainer Kurt Helbig von der Bezirksliga über den schwäbischen Pokalsieg zur souveränen Landesliga-Meisterschaft 1969/70 mit zehn Punkten Vorsprung geführt wurde.

Der Trainer war selbst einst Auswahlspieler

Helbig war ehemals „süddeutscher Repräsentativspieler“, sprich Auswahlspieler der SpVgg Fürth, geprüfter Fußballlehrer und war von Huber nach Memmingen gelotst worden.

„Kurt Helbig war ein Menschenfänger und eine Persönlichkeit, die auch Florian Huber mal die Stirn geboten hat, wenn es nötig war“, zollt Siegfried Moosmann seinem damaligen Trainer noch heute höchste Anerkennung. Moosmann war seinerzeit Anfang 20 und hatte die komplette Jugend des FCM durchlaufen.

Helbig baute in seiner insgesamt sechsjährigen Ära viele Talente der schon damals guten FCM-Jugendarbeit ein, konnte aber auch auf gestandene Akteure wie Reinhold Gögelein, Werner Machunze, Manfred Sudeck oder Spielführer Kurt Kramer bauen.

Würzburg statt Aichach, Bayreuth statt Neugbalonz

Die Gegner hießen nun statt Aichach oder Neugablonz in der dritthöchsten deutschen Spielklasse FC Augsburg, Würzburger Kickers sowie SpVgg Bayreuth, die damals schon sehr professionell unterwegs war. Gegenspieler waren plötzlich mit den heutigen Legenden Heiner Schumann (FC Augsburg) oder Manfred Größler (Bayreuth) „richtige Kaliber“.

So präsentierte sich der FC Memmingen 1970 bei seinem ersten Bayernliga-Spiel (von links): Spielführer Kurt Kramer, Josef Dusch, Manfred Sudeck, Hans Bareth, Karl Aust, Werner Machunze, Siegfried Moosmann, Reinhold Gögelein, Walter Scholz und Herbert Wolf (nicht auf dem Bild: Georg Weidle).
Bild: Archiv FC Memmingen

Im ersten Bayernliga-Heimspiel gab es am 8. August 1970 vor rund 1500 Zuschauern einen 3:1-Heimsieg über die Amateure des 1. FC Nürnberg. Nach einem Rückstand erzielte Moosmann den ersten Memminger Bayernliga-Treffer zum 1:1. Der FCA wurde mit 1:0 geschlagen, Bayreuth zeigte beim 0:5 vor fast 3000 Fans den Allgäuern die Grenzen auf.

Die weiten Auswärtsfahrten über Landstraßen (das heutige Autobahnnetz gab es noch nicht) in alle Winkel des Freistaats und bis hoch in den Norden nach Haßfurt und Coburg waren eine Herausforderung. Statt mit dem Bus wie heute wurden die Strecken in den Privatautos der Vorstände und Gönner absolviert. Zigarrenrauchend saß FCM-Patriarch Huber auch selbst am Steuer. „Bei Trunkelsberg hat er den vierten Gang eingelegt und erst in Burghausen wieder runtergeschaltet“, schmunzelt Moosmann noch heute über so manche erlebnisreiche Fahrt.

Aus dem Torhüter Moosmann wird der Stürmer Moosmann

Der 72-jährige hat damals auf zwei völlig gegensätzlichen Positionen gespielt: Weil Huber mit dem Augsburger Sepp Dusch noch einen auswärtigen Torhüter verpflichtete, wurde Moosmann von Helbig aus dem Kasten als „Halbstürmer“ in den Angriff beordert – und das höchst erfolgreich. In der Vorrunde erzielte er neun Treffer, die ihn kurzzeitig sogar für den TSV 1860 München interessant machten. Was sich nach einer nicht mehr so erfolgreichen Rückrunde aber erledigt hatte.

Erfolgsrezepte damals: ein guter Trainer und ein starker Zusammenhalt. „Wir waren ein zusammengeschweißter Haufen. Jeder hat jeden respektiert, auch uns junge Spieler.“ An eine Anekdote vor dem ersten Bayernliga-Auswärtsspiel beim ASV Herzogenaurach erinnert sich Moosmann besonders gerne: „Wir hingen in der Kabine an den Lippen von Helbig und warteten auf eine Ansage für das Spiel. Er sagte einfach: Jetzt geht raus und gewinnt mal schön.“ Gesagt, getan: 4:2 für Memmingen ging’s aus. Es war einer der Siege, die für einen ordentlichen neunten Tabellenplatz am Saisonende und somit den sicheren Klassenerhalt im Aufstiegsjahr sorgten – und den Grundstein für eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte gelegt hat.

Bereits im Alter von 24 Jahren wechselte Moosmann nach Babenhausen, wo er beim TSV als Spieler, Trainer und Funktionär über Jahrzehnte alles gemacht hat. Einige seiner Kameraden von damals, wie Karl Aust, Hans Bareth, Gero Weiß und auch Kramer sind bereits verstorben. Mit den anderen aus früheren Zeiten gibt es normalerweise im Frühjahr und Herbst ein Treffen, organisiert von FCM-Urgestein Dieter „Chef“ Degenhart. Corona-bedingt fielen die Wiedersehen heuer aus.

Ein Gastspiel der großen Bayern spült Geld in die Kasse

Finanziell wurde das Abenteuer Bayernliga übrigens vor 50 Jahren gemeistert, auch weil der FC Bayern München nach langem Bemühen am Jahrmarktsonntag im Oktober endlich ein zugesagtes Freundschaftsspiel in Memmingen einlöste.

Beim 9:2 traf der in Memmingen geborene und in Amendingen aufgewachsene Franz „Bulle“ Roth dreimal für die Münchner. Mit dabei waren alle Stars wie Torhüter Sepp Maier, Paul Breitner, Gerd Müller und Kapitän Franz Beckenbauer. 7500 Zuschauer sorgten für einen neuen Zuschauerrekord im Stadion an der Bodenseestraße und einen warmen Regen in der Vereinskasse, obwohl beim FC Memmingen vorher gebangt worden war, ob sich die hohe Antrittsgage von 12.000 D-Mark überhaupt einspielen lassen würde. (ass)

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