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Rezension

10.12.2014

Der süße Flirt mit dem Abgrund

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2 Bilder
Auch Argentiniens Stürmerstar Mario Kempes war schon einmal zu Gast im Stadion an der Grünwalder Straße.
Bild: dpa

„Sechzig Momente“ ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung an die Löwen. Autor Uli Niedermair bringt auch seine mittelschwäbische Heimat aufs Spielfeld.

Es sei „einfach ein wunderbares Buch“, schwärmt Meisterlöwe Manfred Wagner über das aktuelle Werk des Krumbachers Uli Niedermair. Und tatsächlich ist „Sechzig Momente“ kein bloßes Schwelgen in Anekdoten. Vielmehr serviert der Autor in einer liebevoll zusammengetragenen Sammlung aus Selbsterlebtem und wertvollen Zeitzeugen-Berichten die diversen Alleinstellungsmerkmale dieses Vereins und seiner Fans. Die volkstümliche Nestwärme zum Beispiel, die der TSV 1860 München ausstrahlt und die dem Fußball auf der ganz großen Weltbühne längst abhandengekommen ist. Oder die erfolgs-unabhängige und ansteckende Leidenschaft, mit der die Sechziger-Freunde die wenigen Hochs und vielen Tiefs des Traditionsvereins teilweise seit Jahrzehnten begleiten. Oder die im Gespräch mit Löwen-Sympathisanten jederzeit zu spürende Mischung aus (objektiv unbegründeter) Hoffnung auf neue Erfolge und (subjektiv mitfühlbarer) Niedergeschlagenheit angesichts vieler verpasster Gelegenheiten.

Uli Niedermair, Mittelschul-Lehrer in Pfaffenhausen, Jahrgang 60, sagt über sich selbst, er sei seit Kindesbeinen Fan der Löwen und „generell ein leidenschaftlicher Mensch“. Gründe, genau dieses Buch zu schreiben, gab es aus seiner Sicht entsprechend viele. Der 54-Jährige hat den (nach Lektüre der 262 Seiten darf man anerkennend hinzufügen: geglückten) Versuch unternommen, Halb-Vergessenes wie ein Freundschaftsspiel 1974 gegen die argentinische Nationalelf wiedererlebbar zu machen, indem er es aus seiner ganz persönlichen Perspektive schildert.

Besonders intensiv wird das immer, wenn Niedermair seine mittelschwäbische Heimat einwechselt. Die bringt er aufs Feld, wann immer es sich anbietet – etwa, wenn er an die Zeit erinnert, in der der Ex-Thannhauser Stefan Selig in der Jugendmannschaft der Löwen kickte oder wenn er beschreibt, wie die F-Junioren der SpVgg Krumbach zu einem Gastspiel beim Fan-Tag an der Grünwalder Straße kamen. Ein Moment ist auch den heimischen Fanclubs gewidmet. So nennt er die Mindeltallöwen den „absoluten Vorzeige-Fanclub“.

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Selbstverständlich bleibt in 60 Kapiteln genügend Raum, ein paar Seitenhiebe an die Konkurrenz loszuwerden. Dem Autor erscheinen alle Marktteilnehmer mindestens suspekt, die im modernen Fußball auch nur halbwegs erfolgversprechend arbeiten. Das gilt natürlich in erster Linie für den zutiefst ungeliebten, alles kaufenden, dauersiegenden und deshalb auch total langweiligen roten Nachbarn. Auch den Emporkömmlingen aus Leipzig und Hoffenheim begegnet er mit herzlicher Abneigung. Einen Sonderfall stellt für Niedermair allenfalls der FC Augsburg dar. Dessen Aufstieg müsse „vielleicht sogar als Vorbild genommen werden“, schreibt der 54-Jährige. Das ist eine (und keineswegs die einzige) Einsicht, die den Autor als Beobachter auszeichnet, der die Fan-Brille durchaus auch mal ablegen kann.

Dennoch ist kaum anzunehmen, dass glühende Verehrer anderer Vereine zu Niedermairs typischen Lesern zählen werden. „Sechzig Momente“ ist kein Sachbuch und soll es auch nicht sein. Das Buch richtet sich eher an neutrale Fußball-Romantiker, also an jene Leser, die das wahre Leben gegen die Scheinwelt des Erfolgs setzen. Und natürlich wendet es sich zu allererst an die Fans der Blauen. Die werden sich beim Schmökern an viele Höhepunkte aus annähernd fünf Jahrzehnten erinnern – die bei den Löwen, wie könnte es auch anders sein, allzu häufig mit negativen Spielresultaten einhergehen. Wen wundert es da noch, dass ganz zu Beginn und ganz am Ende der 262 Seiten zwei Niederlagen stehen: das Europapokal-Finale gegen West Ham United 1965 und das DFB-Pokalspiel gegen Borussia Dortmund 2013.

Doch das Kokettieren mit dem Abgrund gehört einfach zum Lebensinhalt bei Münchens großer Liebe. Diese Erfahrung teilt der Autor mit allen Fans der Löwen; sie zieht sich durch das gesamte Buch und macht es umso authentischer. Oder, wie es Niedermair selbst beschreibt: „Trotz oder gerade in der Niederlage trägt man die Leidenschaft noch tiefer in sich. Anders erträgst du diesen Verein auch nicht.“

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