Fußball

02.03.2011

Königsblaue Exklave

Rot gegen Blau: Harry Lehner (links) vom Bayern-Stammtisch und Rudolf und Johanna Köbler von den „Schalkerfreunden“ fiebern dem Pokalhit heute Abend entgegen.
Bild: Foto: Thomas Suiter

Die „Schalkerfreunde“ aus Eppishausen gewähren den Bayern-Fans sogar Asyl

Eppishausen Alles begann vor knapp 40 Jahren. Als achtjähriger Knirps sah Rudolf Köbler 1972 das DFB-Pokalfinale zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FC Köln, und offensichtlich hat dieses Spiel etwas in ihm ausgelöst. Denn heute ist Köbler immer noch glühender Schalke-Anhänger und sogar Vorsitzender des Fanklubs „Schalkerfreunde Unterallgäu“, den es seit 2008 in Eppishausen gibt. Gewissermaßen eine königsblaue Exklave im roten Bayern-Land. Und als ob das noch nicht außergewöhnlich genug ist, gibt es eine weitere Besonderheit: Die „Schalkerfreunde“ beherbergen in ihrem Vereinslokal einen Stammtisch von Bayern-Fans, jenes ungeliebten Rivalen, der Schalke schon so viele schmerzliche Niederlagen zugefügt hat. Wie konnte es nur dazu kommen?

Am Anfang regierte der Zufall: Christoph Köbler, der Sohn von Rudolf und Johanna, traf bei einem Schalke-Spiel zufällig auf Stefan Springmann aus Mindelzell. Zusammen mit dessen Cousin, Markus Ritter, und Rudolf Köbler gründeten sie die „Schalkerfreunde“. Die Suche nach einem Vereinsheim war dagegen weniger vom Zufall bestimmt. Das Ehepaar Köbler betreibt das Gasthaus „Drei Rosen“ in Eppishausen, in dem praktischerweise ein großer Keller vorhanden ist. Der „Schalkekeller“ dient seither als Ort für Versammlungen und gemeinsames Fußball-Gucken.

Frotzeleien bleiben nicht aus

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Der zweite Teil der Geschichte beginnt ebenfalls im „Drei Rosen“. Eines Abends saßen eine Handvoll Bayern-Anhänger in ihrer Stammkneipe zusammen und gründeten „aus der Laune heraus“, wie Helmut Lutzenberger sagt, den „FC–Bayern-Stammtisch“. „Natürlich wollten wir den Schalkern auch ein bisschen Paroli bieten“, fügt Manfred Kugelmann, ein weiteres Mitglied des Stammtisches, hinzu. Von Rudolf Köbler kamen keine Einwände – und so existieren seitdem zwei Fanlager in derselben Gaststätte. Auch wenn sich Köbler an viele Duelle gegen Bayern nur sehr ungern erinnert. „Gerade das Saisonfinale 2001, als wir in letzter Sekunde die Meisterschaft an die Bayern verloren haben, hat uns natürlich sehr weh getan“, gesteht er.

Und so gibt es nicht nur vor dem heutigen Pokal-Halbfinale des Öfteren Sticheleien und verbale Scharmützel. Keine immer ganz so leichte Situation für Johanna Köbler, die für die Bewirtung der Gäste zuständig ist – und es sich weder mit den Gästen noch mit ihrem Mann verscherzen will. „Oft bin ich hin- und hergerissen, wenn Bayern gegen Schalke spielt“, räumt sie ein. „Ich verhalte mich dann diplomatisch und hoffe auf ein Unentschieden.“

Trotz der Rivalität bleibt der Wettbewerb jedoch auf sportlicher Ebene. „Selbstverständlich gibt es zwischen uns keine Handgreiflichkeiten“, betont Hans Schmid, Mitglied der Schalkerfreunde. Er hat auch schon andere Erfahrungen gemacht. Vor drei Wochen besuchte er das brisante Derby gegen Borussia Dortmund, dem Erzrivalen aus dem Ruhrpott. „Dort herrschte eine richtig verhasste Stimmung zwischen den Fans. Die Polizei musste sogar mit Wasserwerfern dazwischen gehen. Das hatte nichts mehr mit Fußball zu tun“, beschreibt Schmid seine Eindrücke vom Spiel.

Apropos Borussia Dortmund: Die Schalke-Fans reagieren verschnupft, wenn sie auf die derzeitige Erfolgsserie des BVB angesprochen werden. „Man ist die Siegesserie des BVB mittlerweile gewohnt, auch wenn es mir natürlich nicht passt“, sagt Springmann, während Ritter entgegnet: „Da werden für mich lieber noch die Bayern Meister. Dortmund ganz oben ist ein absolutes No Go“. Man spürt den Enthusiasmus der Fans, wenn sie über ihren Klub sprechen. Für Außenstehende ist es manchmal nicht leicht, diese Begeisterung nachzuvollziehen. Schließlich nehmen die Fans große Strapazen auf sich, wenn sie die Reise nach Nordrhein-Westfalen antreten. Hans Schmid versucht eine Erklärung zu liefern: „Es gibt tatsächlich diesen ‘Mythos Schalke‘, von dem immer gesprochen wird.“

Und der könnte heute Abend um eine weitere Sternstunde bereichert werden. Nämlich dann, wenn der FC Schalke 04 bei den Bayern gewinnt und ins DFB-Pokalfinale einzieht. Einen würde das ganz besonders freuen: Stefan Springmann hat Geburtstag, und natürlich hat er einen sehnlichen Wunsch: „Ich wünsche mir als Geschenk einen 2:0-Sieg“, sagt er. Doch die Widerrede kommt postwendend: „Ich denke, wir gewinnen wie letztes Jahr mit 1:0“, entgegnet Lutzenberger, und kann sich einen Hauch von Genugtuung dabei nicht verkneifen.

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