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Jahresrückblick 2020

31.12.2020

Abgesagt, verschoben, vermisst: So ging es 2020 der Kultur in und um Neu-Ulm

Theater, Kinos, Konzertsäle - blieben 2020 auch in Ulm und Neu-Ulm immer wieder geschlossen.
Bild: Andreas Brücken

Plus Wie viel Kultur bleibt in der Pandemie? Biergärten und Autokinos retteten den Sommer, die Kulturnacht fand statt. Und zwei Genies feierten Geburtstag.

Region Wenn unerwünschte Besucher in eine Geburtstagsfeier platzen, wirkt das maximal unverschämt. Gefährlich wird es, wenn es sich um ein Virus handelt, das den ganzen Globus in den Schwitzkasten nimmt, die Kulturwelt lahmlegt und einem verehrten Meister das Jubiläum versaut. Corona? Hätte sich er wohl nie erträumt, dieser Ludwig van Beethoven, erst recht nicht im Jahr seines 250. Geburtstags. Aber wir schreiben das Jahr 2020, wir feiern 250 Jahre Beethoven, auch 250 Jahre Ludwig Albrecht Berblinger – und erleben das Jahr eins mit Corona.

Das Theater Ulm litt 2020 unter den Corona-Beschränkungen

Ein Jahr wie eine Geduldsprobe. Am Theater Ulm warteten alle auf sinkende Fallzahlen und Lockerungen – und auf Godot. Das Stück zur Krise, „Warten auf Godot“ von Beckett, erlebte noch seine Premiere. Dann schickte Shutdown Nummer zwei das Theater in die Winter-Warteschleife. Vorhang zu, schon wieder. Das Theater hangelte sich vom Saisonabbruch im Frühjahr in ein Zwischenspiel und in die Herbstspielzeit, die auch vorzeitig endete. Kartenhäuser der Hoffnung, gebaut aus Konzeptpapieren, Abstand, Masken und Desinfektionsmitteln, stürzten ein. Intendant Kay Metzger über das Dilemma: „Kunst ist immer kreativ, aber sie lebt von Freiheit.“

Die Glasfenster und Türen des Theaters Ulm sind als sichtbares Zeichen gegen die Schließung der Bühnen plakatiert.
Bild: Andreas Brücken

2020 wartete Neu-Ulm auf Sting – und wartet immer noch. Schon zum zweiten Mal musste der Weltenmusiker seine Fans vertrösten und sein Konzert im Wiley-Park um ein Jahr vertagen. Großkultur schien 2020 unmöglich, das Ulmer Zelt war schon aufgebaut, doch kein einziges Konzert, kein Kabarettabend fand darin statt. Auch das Donaufest fiel ins Wasser. Und die Ratiopharm-Arena? Na, gute Besserung! Die Generation Podcast hoffte auf Comedian Felix Lobrecht, auch vergebens.

Kultur gab es 2020 in Ulm und Neu-Ulm - in Biergärten und Autokinos

Die Kelly Family sang, spielte und tanzte im April noch ein letztes Mal in der Arena. Wenige Monate später, da hatte die Hippie-Familie wieder einmal ihren endgültigen Rücktritt von der Bühne erklärt, trat der verlorene Sohn Paddy Kelly im Autoscheinwerferlicht auf, vor winkenden Scheibenwischern und einem Huporchester in Ulm. Immerhin: Autokinos, Open-Air-Konzerte, Kulturbiergärten vom Liederkranz bis zum Roxy – wie viele Ideen in der Corona-Not entstanden, verblüffte. Auf der Wilhelmsburg in Ulm, die für den künftigen Kulturbetrieb 4,78 Millionen Euro vom Bund erhielt, kam sogar Festival-Stimmung auf.

Bei aller Leichtigkeit geriet das Leid der Kulturvereine, Laienbühnen und Musikkapellen fast ins Vergessen. Der Allgäu-Schwäbische Musikbund protestierte, Experten beteuerten, dass man mit einer Posaune nicht einmal eine Kerze ausblasen könne. Trotzdem war das Musizieren bald wieder verboten. Noch im März hatten Musiker im gemeinsamen Flashmob die „Ode an die Freude“ gespielt, in vielen Gassen und von vielen Dächern im Landkreis Neu-Ulm. Gegen Einsamkeit und Beethoven zu Ehren.

Lesen Sie dazu: Flashmob: Mit "Freude schöner Götterfunken" gegen die Einsamkeit

Die Kulturszene in Ulm und Neu-Ulm wurde 2020 kreativ

Bund und Länder brachten Förderprogramme für Kulturschaffende ins Rollen. Doch viele mussten lange auf ein bisschen Unterstützung warten. Auch Kinobetreiber ächzten. Roman Sailer, Chef des Dietrich-Theaters, fürchtete schon im August: „Die Krise werden einige Kinos nicht überleben.“ Im September, als die Infektionszahlen langsam stiegen, aber vieles noch gemütlich wirkte, sträubte sich dann ein Event gegen den drohenden Kulturstopp. Die Kulturnacht in Ulm und Neu-Ulm ging mit System, Disziplin und Geduld über die Bühne – als Großveranstaltung aus vielen Kleinveranstaltungen.

War 2020 ein Jahr der Bücher, denn Lesen lässt sich allein? Buchhändler boten Lieferservices an und Stadtschreiberin Constanze Hotz ließ die Fantasie schweifen: „Neu-Ulm liegt am Meer“. In Roggenburg fand indes das Diademus-Festival live und analog statt, mit Sicherheit und Extraklasse. Andere testeten neue Wege, wie „Weißenhorn Klassik“, mit Konzerten per Stream.

Der zerbrochene Flugapparat von Albrecht Ludwig Berblinger war in der Schau „Die Welt, ein Raum mit Flügeln“ zu Ehren des Schneiders von Ulm zu sehen.
Bild: Dagmar Hub

Beethoven und Berblinger wurden in diesem Jahr gefeiert

Schöne neue Welt? In einer Stadthaus-Ausstellung lebte der Berblinger-Geist auf und mit „Transhuman“ feierte man im Museum Ulm das Erbe des Flugpioniers und Prothesenerfinders: Wo fängt der Mensch an – und wo verschmilzt er mit Technik?

Vielleicht taugt der Sturschädel Beethoven als Vorbild für das Leben in Schieflage, für Krisenjahre wie diese. Widerborstig bleiben, Dinge nicht wortlos hinnehmen. Aber mit Barrieren leben lernen.

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