Ulm

02.01.2017

Abschied vom Ich

Was ist nur los in meinem Kopf? Die drei Tänzerinnen (von links) Leonie Walter, Ines Meißner und Hanna Münch in Domenico Strazzeris neuer Stadthaus-Performance „My Name is …“.
Bild: Felix Oechsler

Domenico Strazzeris neues Stück „My Name is  …“ beschäftigt sich im Stadthaus mit Demenz. Der Choreograf findet darin intensive Bilder, die wohl keinen unberührt lassen.

Getanzte Demenz? Domenico Strazzeris Themenwahl für seine Tanzperformance zum Jahreswechsel 2016/17 klingt wie ein Widerspruch in sich – und ist doch eine seiner stärksten Arbeiten, die er je auf die Stadthaus-Bühne brachte. „My Name is  …“ nimmt die Zuschauer gefangen in einer Welt, in der den vier Frauen auf der Bühne die Worte verloren gehen, die Identitäten verblassen, in der momenthafte Erinnerungen an jugendliche Lebensfreude aufflammen. Strazzeris hoch emotionale Choreografie – entstanden über Kontakte mit dem Ulmer Haus Schillerhöhe, einem Altenheim für Demenzkranke – spricht Augen und Ohren und vor allem die Seele des Zuschauers an und lässt wohl kaum einen Beobachter unberührt.

Da ist die Frau (Katharina Krummenacher), aus deren Kopf lange Gummibänder gewachsen scheinen. Bänder, die sie schwer an die Erde binden; Bänder, in denen sie sich verheddert, die sie zum Stolpern bringen und die zu den Fesseln eines inneren Gefängnisses werden. Die Szene ist nicht nur optisch großartig; sie ist derart assoziativ, dass sich die Emotionen des Sich-selbst-Entgleitens in den Zuschauer transportieren.

Choreograf Strazzeri geht in „My Name is  …“ weit. Er wagt sich tief in die Lebenswelt eines Demenzkranken hinein, der sich müht, aus den Bruchstücken seiner Realitätswahrnehmung eine Geschichte zu konstruieren, die für ihn selbst diese Fragmente logisch aneinanderreiht, die für die Außenwelt aber absurd erscheint. Sehr bildhaft wirken die Szenen, in denen die vier Tänzerinnen im Ganzkörperanzug von Scheitel bis zur Sohle als gesichtslose, blaulich-weiße Skulpturen erscheinen, einer zeitgenössischen, von blinkenden Schlangen umschlungenen Laokoon-Gruppe ähnlich, stumm und eindrücklich vor der Übermacht eines nicht aufhaltbaren Geschehens.

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„Die Gedanken sind frei“ – der aus dem 18. Jahrhundert stammende Flugblatt-Text, der zum Volkslied wurde, klingt in der Musik von Florian Lipphardt und Joao Hoyler Correira als Motiv an, zerstückelt und verzerrt sich wie sich die Logik und die räumliche und zeitliche Orientierung im Krankheitsbild der Demenz auflösen.

Auch wenn in der Choreografie „My Name is  …“ natürlich getanzt wird, wenn kindlich-fröhliches Seilspringen und Kästchenhüpfen unter Freundinnen (Leonie Walter, Ines Meißner) künstlerisch in die tänzerische Umsetzung einflossen – die stärksten Momente des Abends spiegeln sich auf den Gesichtern der vier Tänzerinnen im Alter zwischen 19 und 62. Hanna Münch gelingt die Versenkung in den verlorenen Blick einer dementen Frau faszinierend gut. Extrem dicht ist auch das Bild, in dem Münch als Ärztin umfassende Listen von Medikamenten verabreicht, von denen zwar eines ein Symptom bekämpft, dazu weitere gegeben werden, um Nebenwirkungen zu lindern, deren Wirkstoffkombinationen aber wiederum neue Nebenwirkungen und Symptome generieren. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Ebenfalls intensiv: Münch als alte Frau, die mit einem Pfeildiagramm aus Kreide versucht, die Fragmente ihres Lebens zusammenzuhalten. Sie selbst, Maria, und ein Stück entfernt Werner, der Ehemann; das Krankenhaus, wo sie arbeitete, und die drei Kinder, die sie zur Welt brachte. Doch der Raum um sie reduziert sich immer mehr. Die anderen bleiben draußen, als die Kreide nur noch um die eigenen Fußspitzen reicht.

Die Tochter deutet sich in der Choreografie an, verzweifelt über die verlorene Identität der Mutter, die in der Unterhose durch den Vorgarten schlich. Die hilflosen Trostversuche von Nachbarn und Freunden, auch sie gehören zur Diagnose „Demenz“. Und die Lebensfreude, die sich im Tanz mit dem Rollator doch auch Bahn brechen kann und die im Rollstuhl noch existiert.

Weitere Aufführungen am 4., 5., 7., 8., 12., 13., 14. und 15. Januar jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf im Stadthaus am Katalogstand auf Ebene 3 sowie bei Traffiti an der Neuen Mitte, Telefon 0731/1662177. Reservierungen für die Abendkasse sind für alle Termine unter Telefon 0172/6779984 möglich.

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