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Geburtstag

07.12.2019

Als er nach Ulm kam, lag die Stadt noch in Trümmern

Vor 61 Jahren kam Albrecht Haupt nach Ulm, bis vor Kurzem feierte er seine Geburtstage mit Konzerten. Seinen 90. feiert der Kirchen- und Universitätsmusikdirektor dagegen nur privat.
Bild: Dagmar Hub (Archivfoto)

Plus Albrecht Haupt war viele Jahre Kirchenmusikdirektor, heute blickt der 90-Jährige zurück. Auch auf seine Erfahrungen beim Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR.

Was genau seine Familie für den heutigen Tag vorbereitet hat, haben seine Frau und seine Kinder Albrecht Haupt nicht verraten. Der 90. Geburtstag des Kirchen- und Universitätsmusikdirektors wird aber nur privat gefeiert. In der Vergangenheit war es so, dass Albrecht Haupt um seinen Geburtstag herum mit der Ulmer Kantorei ein großes Konzert in der Pauluskirche gab. Doch vor eineinhalb Jahren beendete Haupt seine berufliche Laufbahn mit einer Aufführung von Johann Sebastian Bachs Lukaspassion. „Es fehlt mir schon sehr, nicht mehr im Beruf zu sein“, gibt er zu. „Ich habe Musik sehr lange und sehr gern aufgeführt, gerade auch selten gespielte Werke und solche der Moderne.“ Mit einem gewissen Neid sehe er auf Komponisten, sagt er lächelnd, denen es gegeben ist, zu arbeiten, solange sie können.

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Musik ist in seinem täglichen Leben weiterhin unverzichtbar, erzählt Haupt – ob am großen Flügel zu Hause oder bei Konzerten in Ulm und Neu-Ulm, bei denen man ihn und seine Frau Rose oft treffen kann. „Das ist nicht vorbei“, sagt er mit Bestimmtheit. „Musik ist mein Lebenselixier.“ Zugleich spürt er bei Konzerten stets auch, wie viel Musik es gibt, die er als Dirigent und Chorleiter noch gerne aufgeführt hätte. „Und man denkt immer mit. Was ich anders gemacht hätte, wie ich dieses oder jenes Werk interpretiert hätte.“

Als er nach Ulm kam, lag die Stadt noch in Trümmern

Vor 61 Jahren wurde Albrecht Haupt Kantor der Martin-Luther-Kirche Ulm

61 Jahre ist es her, dass Haupt Kantor der Ulmer Martin-Luther-Kirche wurde. Erstmals kam er nach Ulm, erinnert er sich, um die Martin-Luther-Kirche anzuschauen, nachdem er erfahren hatte, dass dort eine Kantorenstelle frei wurde. Sein Bild von der Stadt damals: „Ich stieg aus dem Zug und sah das Münster aus der zerstörten Stadt ragen.“ Die Martin-Luther-Kirche des Architekten Theodor Veil hatte nur wenige Beschädigungen erlitten. „Veil kam in jener Zeit als alter Mann oft in die Kirche und setzte sich still hinein, während ich übte“, erinnert sich der Jubilar Haupt. „Veil liebte diese Kirche.“ Haupt ging es bald ähnlich, er identifizierte sich mit der Kirche und ihrer Kantorei.

Albrecht Haupts Tätigkeit als Kirchenmusiker, Dirigent und Chorleiter, als Gründer des Universitätschores und als dessen Direktor auch ist untrennbar mit Ulm verbunden – obwohl er in Leipzig studiert hatte. Doch die DDR erlaubte generell nur einen Studienabschluss – und der junge Albrecht Haupt war damit nicht glücklich. Zumal ihn sein prägender Lehrer, der Thomaskantor Günther Ramin, ermuntert hatte, nach einem Studium der Musikwissenschaft und der Kunstgeschichte weiterzumachen. „Ich will nicht mehr über Musik reden, ich will sie aufführen“, hatte der Student Albrecht Haupt zu ihm gesagt. So verließ Haupt 1953 die DDR und ging an die Musikhochschule Stuttgart, an die Kirchenmusik-Hochschule nach Esslingen und an die Universität Tübingen. Eines seiner prägenden Erlebnisse des Sommers 1953: „Ich übte in der Leipziger Thomaskirche und konnte plötzlich nicht mehr weiterspielen. Starker Lärm war von draußen hörbar.“ Er sei nach draußen gegangen, erinnert sich Haupt, und habe das Aufbegehren nach Freiheit in den Straßen erlebt, die Rufe „Freiheit!“ und „Freie Wahlen!“ „Man hatte sich damals schon sehr beobachtet gefühlt und ständig gespürt, dass man vieles nicht sagen darf.“ Er ging mit den Menschen, beteiligte sich am Volksaufstand. Doch dann kamen die Panzer. „Ich sehe mich heute noch rennen“, erinnert sich Haupt – durch die kleinen, ihm gut bekannten Gassen, durch die die Panzer nicht rollen konnten. Wenig später ging er in den Westen.

Erinnerungen an den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR und an Pakete in den Osten

Ein Standbein fand Albrecht Haupt in Baden-Württemberg, weil sein ältester Bruder Wolfgang als Botaniker in Tübingen arbeitete. Fahrten zur Familie nach Jena waren immer noch möglich. Doch dann kam der Mauerbau am 13. August 1961 und damit die Trennung der Familie. „Das erste Weihnachten, an dem ich meine Mutter nicht besuchen konnte, das war schlimm“, erinnert sich Albrecht Haupt. Zumal er als einer, der die DDR verlassen hatte, vorsichtig sein musste, um der Mutter und den Geschwistern nicht zu schaden. Der Briefverkehr war rege und klappte gut, während sich Haupt sicher war, dass Telefonate abgehört wurden. Eine Szene bringt ihn heute noch zum Schmunzeln: Die Mutter liebte Obst, das zu schicken aber verboten war. So packten die Söhne Wolfgang und Albrecht Äpfel ein und schrieben als Deklaration des Inhalts weder „Obst“ noch „Äpfel“, sondern den botanischen Sortennamen – und das Paket ging durch. Erst als die Mutter das Rentenalter erreicht hatte, gab es ein Wiedersehen.

Und heute? „Ich denke viel über historische Aufführungspraxis von Werken nach“, sagt Haupt. Die Erkenntnis, zu der er im Leben kam: „Man darf Musik nicht nach Regeln oder Moden aufführen. Sondern danach, wie man sie empfindet.“

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