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Stadtarchiv

22.01.2013

Als in Ulm die Schriften von Luther kursierten

Ein noch unkonservierter Band der Ulmer Reformationsakten. Hub

Viele Meter Reformationsakten sind eine Fundgrube für Historiker

Ulm Ob die 14 Meter Reformationsakten im Stadtarchiv nun eine „Wundertüte“ oder ein „Schatzkästchen“ sind – eine besonders reichhaltige Fundgrube für Historiker stellen die Dokumente allemal dar, die die Frühe-Neuzeit-Expertin Dr. Marie-Kristin Hauke derzeit sichtet, konserviert und ordnet. „Unser Fernziel ist 2030/31, wenn sich die Entscheidung der Stadt Ulm für den Protestantismus zum 500. Mal jährt“, sagt Stadtarchivleiter Dr. Michael Wettengel.

Das kommende Reformationsjubiläum des Jahres 2017 spielt bei der von der Stiftung Kulturgut und der Stadt finanzierten Aufarbeitung der Reformationsakten zwar auch eine Rolle, denn um Doktoranden und Habilitanten nach Ulm zu bekommen, müssen die Akten bis dahin soweit sortiert und konserviert sein, dass sich junge Wissenschaftler damit befassen können. Der wesentliche Focus für Marie-Kristin Hauke liegt eben allerdings in fernerer Zukunft, denn was genau in dem Konvolut aus 79 Bänden steht (zu dem noch weitere Akten aus anderen Archivbereichen kommen werden), weiß niemand ganz genau.

Die Ulmer Reformationsgeschichte bis 1531 ist einigermaßen aufgearbeitet; welche Informationen die bis zum Ausbruch des 30-jährigen Krieges reichenden Akten vor allem aus dem „unglaublich vielfältigen“ 16. Jahrhundert bergen, sei wenig erforscht, sagt Stadtarchiv-Historikerin Gudrun Litz, für die ein selten betrachteter Nebenaspekt der Reformation deren Anstoß zur Bildung ist: Das Lesen der Schriften wurde im Protestantismus notwendig, weil der Einzelne seine Verantwortung gegenüber Gott nicht mehr an die Kirche abgeben konnte.

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Der Rat der Stadt Ulm betrieb im politischen Vorfeld der Reformation nach Luthers Thesenanschlag Recherchen, visitierte alle Klöster, Konvente und Orden, befragte die dort Lebenden und erfuhr von den Hirschbadschwestern, dass sie wieder frei sein und ihre eingebrachte Mitgift zurückerhalten wollten. Der Rat erinnerte sich 1530 des Inhalts des Schwörbriefes – und schritt zu einer frühen Bürgerbefragung.

Bürgerentscheid votierte für den lutherischen Glauben

Zwar gab es nur 1800 Stimmberechtigte, da Frauen kein Stimmrecht hatten und nur abstimmen durfte, wer das Bürgerrecht besaß. Aber jene 1800 Bürger wurden über städtische und persönliche Vorteile und Risiken einer Übernahme des lutherischen Glaubens aufgeklärt, ehe es an den demokratischen Akt eines Bürgerentscheids ging – und entschieden sich zu 84 Prozent für die Übernahme des lutherischen Glaubens. Außergewöhnlich in Ulm ist auch, dass nebeneinander Prediger unterschiedlicher protestantischer Ausrichtung arbeiten konnten– Zwinglianer wie Konrad Sam, der den Besserern dann doch zu radikal war, Lutheraner und Anhänger anderer Richtungen. Das Münster selbst war bei Martin Luther, der wohl vor der Reformation auf einer Rom-Reise durch Ulm kam, nicht sehr beliebt – er klagte über dessen schlechte Akustik.

Zwei Luther-Autografen, ein von Huldrych Zwingli selbst unterzeichneter Brief eines seiner Schreiber oder Briefe, die Kaiser Ferdinand I., ein eifriger Katholik, und Maximilian II. unterzeichneten, zählen zu den in frühhochdeutscher oder lateinischer Sprache verfassten Reformationsakten ebenso wie ein päpstliches Pergament, das die Ulmer nach der Reformation zum Konzil von Trient lud, Dokumente zu Treffen der Reformatoren oder Akten darüber, was mit den zahlreichen arbeitslos gewordenen Kaplänen am Münster geschah: Viele von ihnen wurden evangelisch predigende Dorfpfarrer.

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