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Ulm

09.05.2019

Archäologie im Museum Ulm: Was Knochen alles erzählen können

Gruseliger Fund aus dem Hohlenstein-Stadel: Diese drei Schädel – von einem Mann, einer Frau und einem Kind – aus dem siebten Jahrtausend vor Christus wurden getrennt von den Körpern bestattet. Die Erwachsenen wurden wahrscheinlich erschlagen.
Bild: Andreas Brücken

Eine neue Ausstellung zeigt Funde aus den Welterbe-Höhlen im Lonetal. Die Geschichten hinter den Exponaten sind manchmal brutal – und fast immer ziemlich rätselhaft.

Wenn Kurt Wehrberger vom Museum Ulm kein Archäologe wäre – er hätte das Zeug zum Krimiautor. Der Titel seiner neuen Ausstellung im Studio Archäologie, „Tod im Tal des Löwenmenschen“, könnte man sich gut auf dem Buchrücken eines Spannungsromans vorstellen. Aber auch im Museum ist das, was Wehrberger zusammengetragen hat, durchaus für ein wenig Nervenkitzel gut. Denn die „Knochengeschichten“, die dort erzählt werden, erzählen von gewaltsamen Toden, rätselhaften Ritualen und heftigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen.

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Die Exponate sind allesamt Knochen: Schädel, ganze Skelette, manchmal auch nur kleine Fragmente. Sie alle stammen aus den Höhlen des Lonetals, wo Forscher die ältesten figürlichen Kunstwerke der Menschheit entdeckten, darunter den vor rund 40000 Jahren geschaffenen Löwenmenschen, den wohl wichtigsten Schatz des Museums. Drei dieser Fundstätten gehören seit 2017 zum Unesco-Welterbe.

Drei Köpfe wurden zusammen bestattet - einer stammt von einem Kind

Verglichen mit den Figuren sind ein paar alte Knochen weniger spektakulär. Aber die Schau, mit der Wehrberger die Reihe der Studioausstellungen zur Archäologie wieder aufnimmt, bietet auf Textfahnen Interessantes und Spannendes. Etwa die drei Schädeln, die im Hohlenstein-Stadel ausgegraben wurden. Sie stammen von einer Frau, einem Mann und einem Kind, wobei die Schädel der Erwachsenen Spuren von stumpfer Gewalt aufweisen. Schnittspuren an den obersten Halswirbelknochen zeigen, dass die Köpfe abgetrennt wurden. Laut Wehrberger stammen sie aus dem siebten Jahrtausend vor Christus und wurden offenbar bewusst nebeneinander drapiert. Doch wer waren die drei Toten? Eine Familie? Wer tötete die Erwachsenen? Was geschah mit den Körpern der Menschen? Fragen, die nicht beantwortet werden können, obwohl es am Rand des Rieses eine ähnliche Kopfbestattung mit gleich 34 Schädeln entdeckt wurde. Es ging gruselig zu bei unseren Vorfahren.

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Aufregend auch eine Knochengeschichte aus der Bocksteinhöhle. In dieser stieß der Langenauer Förster und Amateur-Archäologe Ludwig Bürger 1883/84 auf das sitzend bestattete Skelett einer Frau, mit den Überresten eines Kindes zu den Füßen. Bürger hielt es für einen Fund aus der Steinzeit. Die Fachwelt jedoch, darunter Hermann Schaaffhausen, der Entdecker des „Neandertalers“, und Hermann von Hölder, ein Anhänger des Darwin ablehnenden Rudolf Virchow, zoffte sich über das Alter der Knochen – die zu allem Überfluss später verloren gingen. Erst 1997 tauchten sie bei Arbeiten im Ulmer Museums wieder auf. Eine Radiokohlenstoff-Datierung ergab, dass sie tatsächlich aus dem siebten Jahrtausend vor Christus stammten. „Bürger hatte Recht“, so Wehrberger.

Neandertaler-Knochen brachte bahnbrechende Erkenntnisse

Der wissenschaftlich interessanteste Fund der Ausstellung ist ein Oberschenkelknochen, der 1937 im Hohlenstein-Stadel gefunden und schon damals aufgrund seiner Form dem Neandertaler zugeordnet wurde. Wirklich bahnbrechend war aber, was jüngst DNA-Untersuchungen ergaben: Demnach lebte dieser Frühmensch vor rund 120000 Jahren – und sein Erbgut weist auch Elemente des Homo sapiens auf. Die Analyse der Mutationen im Erbgut offenbarte, dass diese Vermischung wohl vor rund 270000 Jahren stattfand – und damit rund 230000 Jahre früher, als man bislang die Ankunft des modernen Menschen auf dem europäischen Kontinent datierte.

Einige Beispiele, die zeigen: Die Geschichten, die Knochen erzählen können, sind manchmal alles andere als knochentrocken. „Tod im Tal des Löwenmenschen“ (bis 25. November) gibt einen Einblick in die manchmal spannende Arbeit von Archäologen und Anthropologen. Besucher können die Knochengeschichten von der Schwäbischen Alb auch mit nach Hause nehmen: Im Museum Ulm ist ein reich bebildertes Begleitbuch (64 Seiten, 12,80 Euro) erhältlich.

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