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Ulm

14.06.2019

Bodecker & Neander sind im Ulmer Zelt wortlos glücklich

Nicht Bodecker & Neander hatten im Zelt gut lachen – auch das Publikum hatte beim Auftritt des Pantomime-Duos sein Vergnügen.
Bild: Felix Oechsler

Die beiden Pantomimen Bodecker & Neander zeigen vor rund 250 Zuschauern, dass ihre Kunst nichts Angestaubtes ist. Sie schaffen es sogar, drinnen ein Gewitter aufziehen zu lassen.

Pantomime – ist das nicht etwas aus vorsintflutlicher Zeit? Gar nicht. Und erst recht nicht, wenn Bodecker & Neander ihr „Visuelles Theater“ auf die Ulmer-Zelt-Bühne bringen. Keine Chance für Staub auf dem Begriff Pantomime. Alles passiert ohne Worte, aber mit Bände sprechenden Gesten und Gesichtern. Passende Musik-, Licht- und Geräusch-Einspielungen sorgen dafür, dass die rund 250 Zuschauer dazu nicht mehr brauchen als die Gesichter und Körper der beiden Mimen Wolfram von Bodecker und Alexander Neander, um sich im Weltall, an einem Bahnsteig oder auch in einer finsteren Gewitternacht wiederzufinden.

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Weitere Requisiten benötigt das Duo (fast) nicht. Ab und zu ein Koffer, eine Rose, auch eine Perücke darf es mal sein. Wie in einem Stummfilm werden die Szenen mit einem Titel-Schild angekündigt, so etwa der „Mars-Mensch“. Neander sitzt auf einem Hocker, ein paar Lichteffekte kündigen den Raketenflug an, der aber hauptsächlich durch den sich wild hin und her werfenden Leib des Mimen dargestellt wird. Auf dem Mars ist aber nichts so wie gewünscht: Fiese Marsmännchen feiern mit dem arglosen Astronauten einen teuflischen Reigen, in dessen Verlauf der Held auch einen Arm einbüßt. Nichts wie zurück in die Rakete – wo der Mann auf dem Mars feststellt, dass er alles nur geträumt hat.

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Bodecker & Neander bewegen sich zwischen Traum und Wahrheit

Die poetische Umrundung der feinen (Trenn-)Linie zwischen Traum und Wahrheit, Poesie und Alltag zeichnet Bodecker & Neander aus. Geschichten, Orte, Erlebnisse und Charaktere – das alles wird im Kopf des Zuschauers mobilisiert durch die detailliert und sehr witzig ausgearbeiteten Szenen. Wer konzentriert zuschaut, entdeckt eine Fülle von Details und kleinen Nebengeschichten, die manchmal durch eine einzige Geste entstehen. Wie in der Gewitternacht, durch die beide hindurch müssen: Mit wenigen Bewegungen ist deutlich gemacht, dass die Wanderer ein Zelt aufgestellt, sich abgetrocknet und ihre Musikinstrumente herausgeholt haben. Die sind natürlich nur in der Fantasie da, spielen aber einen schönen (vom Band eingespielten) Musettewalzer.

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Oder der hoffnungslos Verliebte (von Bodecker), der sich von seinem Kumpel in Sachen Brautwerbung helfen lässt – mit dem Ergebnis, dass der Kumpel die Frau bekommt und der Verliebte leer ausgeht. Wie da das Liebeswerben durch stepptanzartige Einlagen visualisiert wird, ist furios lustig. Am Ende aber siegt die Freundschaft und als unzertrennlich erweisen sich die Pantomimen, die alles darstellen können: Raubtierdompteure, exzentrische Musiker, Punks, Teufel, Engel.

Das visuelle Theater von Bodecker und Neander führt im Ulmer Zelt eine seltene Kunst der Zwischentöne vor, herrlich nostalgisch zuweilen. Es bleibt nicht aus, dass sich ins Schmunzeln und Lachen auch mal ein Anhauch von Rührung mischt. Man denkt an Charlie Chaplin – dessen hinreißender Tanz der Brötchen zitiert wird – und an die Helden der Stummfilmära, deren Witz und Poesie des wortlosen Staunens durch Bodecker & Neander eine Fortsetzung findet.

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