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Ulm

15.04.2019

Bodo Wartke macht sich einen Reim auf "Antigone"

Großartiges Duo: Bodo Wartke und Melanie Haupt.
Bild: Andreas Brücken

Der Klavierkabarettist und seine Begleiterin Melanie Haupt machen aus im Theater Ulm aus der griechischen Tragödie ein manchmal urkomisches Zwei-Personen-Stück - mit einem Schaf als Stier.

Im antiken Griechenland waren die Aufführungen der großen Tragödien Teil von rauschenden Festen zu Ehren des Weingottes Dionysos. Heute dienen sie zumeist der Folter von Gymnasiasten und der Überforderung des Theaterpublikums. Es geht auch anders: Klavierkabarettist Bodo Wartke und seine Komödiantenkollegin Melanie Haupt touren derzeit mit ihrer Fassung der „Antigone“ des Sophokles durch Deutschland - und werden auch bei ihrem Gastspiel im quasi ausverkauften Großen Haus des Theaters Ulm vom Publikum gefeiert.

Das Stück ist die Fortsetzung der Geschichte von „König Ödipus“, die der inzwischen 41-jährige Wartke noch ganz allein auf die Bühne brachte. Dass er sich für die neue Produktion seine langjährige Begleiterin Haupt dazu geholt hat, ist verständlich: weil die Hauptfigur eine Frau, aber auch, weil die Handlung kompliziert und figurenreich ist. War „König Ödipus“ noch eine Abenteuergeschichte (man denke nur an das Rätsel der Sphinx), handelt „Antigone“ vom Untergang einer ganzen Dynastie.

Der blinde Ödipus wünscht sich beim Sightseeing einen Audioguide

Tragischer geht es kaum, aber Wartke, der unter anderem Ödipus und Kreon spielt, und Haupt, die neben Antigone noch fast ein Dutzend weiterer Figuren verkörpert, machen ein Vergnügen daraus: komplett gereimt, wieder fast ohne Requisiten, mit viel Musik, mit viel bürgerlichem Bildungsballast – und Heinz-Erhardt-artigen Kalauern. Da zitiert Antigone Schiller („Ich sei, gewährt mir diese Bitte, in eurem Bunde die Dritte“), während der Seher Teiresias auf der Griechenland-Reise anregt: „Der Koloss von Rhodos, ich schlage vor, wir machen ein paar Foddos.“ Und der blinde Ödipus? Der vermisst einen Audioguide.

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Albernheit und Ernsthaftigkeit liegen bei „Antigone“ nah beieinander. Vollkommen gaga wird es, wenn zwischendurch die Geschichte von Theseus im Labyrinth des Minotaurus erzählt wird - mir eine Schaf-Handpuppe als Monstrum. Ein Schaf? „Dem Stier ging es gestern Abend nicht so gut, da hat er eine Schaftablette genommen“, erklärt die aufgewühlte Haupt. Aber die eigentliche Geschichte, in deren Zentrum die unerlaubte Bestattung eines Leichnams steht, ziehen Wartke und seine Kollegin nicht ins Lächerliche: Sie verstehen diese als Aufruf, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gegen ihre Gegner zu verteidigen. Aber selbst der packende Dialog zwischen Antigone und ihrem Onkel, an dessen Ende sie ins Gefängnis geworfen wird, wird am Ende urkomisch: Dann streiten die Kontrahenten darüber, auf welcher Silbe der Name Antigone richtig betont wird.

Der blinde Ödipus trifft Theseus.

Das Orakel von Delphi sext jeden Mann an

Dass diese Mischung funktioniert, ohne komplett läppisch zu werden, liegt an der unglaublichen Wandlungsfähigkeit der beiden Darsteller, wobei Haupt dem immer wieder als Klavier wechselnden Wartke fast die Show stiehlt. Großartig etwa, wie die studierte Schauspielerin, Teil des Berliner Distel-Kabaretts, als Vamp-Orakel von Delphi zuerst jede männliche Figur ansext und dann ob des eigenen Schicksals zum kreischenden Nervenbündel zu werden. Haupt ist viel mehr als der Sidekick Wartkes. Und zusammen sind sie weit mehr als ein eingespieltes Kabarettduo.

Am Ende verbeugen sie sich in allen ihren Rollen vor dem stehend applaudierenden Publikum. Nach einem Abend, der vielleicht nicht dionysisch war, aber allemal ein Fest. So macht der Bildungskanon Spaß.

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