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Neu-Ulm

28.07.2019

Das Rätsel um den Ursprung von Reutti

Der Neu-Ulmer Stadtteil Reutti (hier eine Luftaufnahme von Westen aus) ist von der Fläche und Einwohnerzahl her der siebtgrößte Neu-Ulmer Stadtteil. Die Ursprünge des Orts sind nur unter Schwierigkeiten zu fassen.
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Der Neu-Ulmer Stadtteil Reutti (hier eine Luftaufnahme von Westen aus) ist von der Fläche und Einwohnerzahl her der siebtgrößte Neu-Ulmer Stadtteil. Die Ursprünge des Orts sind nur unter Schwierigkeiten zu fassen.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Der Stadtteil südöstlich der Neu-Ulmer Innenstadt wurde vor 42 Jahren eingemeindet. Doch das genaue Alter des Orts lässt sich nicht so einfach bestimmen.

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, tut in diesen Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Reutti.

Der Stadtteil Reutti liegt gut 6500 Meter südöstlich des Neu-Ulmer Rathauses. Er hat seine einst landwirtschaftlich geprägte Struktur weitgehend verloren, gilt heute als beliebter Wohnort außerhalb des Zentrums. Reutti zählte zum Jahreswechsel 1687 Einwohner, womit es den siebten Platz unter den vierzehn Stadtteilen Neu-Ulms einnimmt. Dieselbe Stelle belegt der Stadtteil mit seiner Grundfläche von knapp sieben Quadratkilometern. Die Ursprünge des Orts sind, wie Konrad Geiger in der 2008 vom Stadtarchiv herausgegebenen Chronik Reuttis feststellt, nur unter Schwierigkeiten zu fassen.

Das Areal "Hohenrutin" hat mit dem heutigen Reutti nichts zu tun

So räumt Geiger erst mal mit der verbreiteten Legende auf, Reutti sei am 8. Februar 1352 erstmals urkundlich erwähnt worden. Das damals genannte Flurstück ‚Hohenrutin’ hat laut Geiger „mit unserem heutigen Reutti leider nichts zu tun“. Der Acker sei eher auf der Gemarkung Pfuhl zu suchen. Auch ein weiteres Datum lässt der Autor nicht gelten. Am 23. August 1352 werden die Nachbarorte Holzschwang, Jedelhausen und Hausen erwähnt. Reutti ist aber laut Geiger nicht darunter. Erst ab 1371 mehren sich die Hinweise auf Reutti. Am 5. Dezember verkauft der Ulmer Bürger Gylie Kraft ein „Häggis“ genanntes Gut zwischen Finningen und Rütin (Reutti). Mit diesem Datum tritt Reutti in die belegbare Geschichte ein.

Das Rätsel um den Ursprung von Reutti

Eine Glocke könnte aus dem 13. Jahrhundert stammen

Doch Konrad Geiger hält Tröstliches für die heutigen Reuttier bereit. Schon am 16. August 1225 nämlich verfügte Papst Honorius III. die Unterstellung des Klosters Elchingen unter den päpstlichen Stuhl samt einer ‚Villa Ruti’. „Reizvoll ist der Gedanke schon“, schreibt Geiger, „dass Reutti schon 1225 urkundlich erwähnt wurde.“ Aber es kommt noch besser. Im Oktober 1917 hat der Heimatforscher Pfarrer Sylvester Eberle im Vortrag vor dem Historischen Verein Neu-Ulm darauf aufmerksam gemacht, dass im Turm der Pfarrkirche St. Margaretha eine längliche und dickwandige Glocke hänge, die aus dem 13. Jahrhundert stammen könne. Der „Deutsche Glockenatlas“ vermutet gar, die Glocke datiere ins zwölfte Jahrhundert. Konrad Geiger hält es für wahrscheinlich, dass diese Glocke bereits zu einer Vorgängerin der heutigen Kirche aus dem 13. Jahrhundert gehörte. Dass sie noch immer im Turm hängt, bestätigt Pfarrer Stefan Reichenbacher auf Nachfrage und weist gleichzeitig daraufhin, dass Reuttis Pfarrhaus heuer 500 Jahre alt wird und somit das älteste profane Bauwerk am Ort darstellt. Im September wird das Jubiläum gefeiert.

Im Schloss von 1550 befinden sich heute Eigentumswohnungen

Der Ort Reutti war seit je im Besitz der Grafen von Kirchberg, die dort wohl seit dem 11. Jahrhundert eine Burg unterhielten, von der nichts erhalten ist. Die Kirchberger haben den Ort stets als Lehen an Ulmer Patrizierfamilien gegeben – anfangs Familie von Halle, danach die Kargs, schließlich ab 1458 Familie Roth. Das 1550 errichtete Schloss, das schon 1552 im Markgrafenkrieg ausbrannte, aber bald wieder hergestellt wurde, enthält heute Eigentumswohnungen.

Ein Blick in die Pfarrkirche St. Margaretha

Wie in manch anderem Ort im Ulmer Winkel verlief auch in Reutti die Einführung der Reformation im Jahr 1531 durch die Freie Reichsstadt Ulm nicht ohne Reibereien. Sie waren sogar verständlich, blieben doch die Fugger-Kirchberg als Reuttier Lehnsherren erzkatholisch. Zudem saßen ihnen der Augsburger Bischof, schließlich sogar das katholische Kaiserhaus im Nacken. Erst 1542 wird in Reutti der evangelische Pfarrer Wolfgang Engelschalk aus Friedberg bei Augsburg eingesetzt. Damit war der Streit lange nicht entschieden. „Die katholischen Grundherren“, schreibt Konrad Geiger in der Reuttier Chronik, „legten sich zwischen 1619 und 1800 unermüdlich mit der evangelischen Reichsstadt Ulm an“. Allerdings gelang es ihnen letztlich nicht, Reutti wieder katholisch zu machen. Vermutlich ist diesen ständigen Rekatholisierungsversuchen zu danken, dass die Ausstattung der Margarethakirche von 1318 unangetastet geblieben ist. Der Flügelaltar im Chor entstammt einer Ulmer Werkstatt mit den Jahreszahlen 1498 am Schrein und 1519 unter der Predella. In die linke Chorseitenwand ist das Sakramentshaus aus der Zeit um 1470 eingelassen, ein Halbrelief mit dem letzten Abendmahl. Der achteckige Taufstein ist um 1500 entstanden. Die üppig mit Früchten ausgestattete Kanzel hingegen stammt aus der Barockzeit.

1977 wurde Reutti nach Neu-Ulm eingemeindet

Reutti wurde am 1. Juni 1977 nach Neu-Ulm eingemeindet. Diesem Verwaltungsakt gingen einige Querelen voraus, die Geiger in seiner Ortschronik genussvoll ausbreitet. Das Landratsamt hatte schon 1971 angeregt, die Gemeinden Holzschwang, Hausen, Jedelhausen und Reutti sollten sich zu einer Großgemeinde zusammenfinden. Die örtlichen Bürgermeister begrüßten zunächst einen solchen Zusammenschluss, den Reutti dann allerdings platzen ließ. Sein Gemeinderat beschloss am 14. April 1971, der Verwaltungssitz der neuen Großgemeinde müsse mit allen Ämtern und Behörden in Reutti eingerichtet werden. Hinzu kam die Forderung, falls kein neuer Name für den Ort gefunden werde, müsse die neue Gemeinde eben Reutti heißen. Dieser „Zumutung“ mochten die anderen Gemeinden nicht folgen. Die Großgemeindepläne wurden sang- und klanglos beiseitegelegt. Immerhin hatten fast alle Gemeinden im Ulmer Winkel bis dahin schon ihre Blicke auf Neu-Ulm gerichtet. Reuttis Gemeinderat fasste am 20. Dezember 1975 mit sechs gegen drei Stimmen den Beschluss, der Stadt Neu-Ulm beizutreten.

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