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Roggenburg

01.09.2019

Diademus-Festival: Verrückt, verzweifelt, verbrecherisch

Ein ganzes Programm, das sich Komponisten mit kriminellem Hintergrund widmet: Das Ensemble Stravaganza Salzburg bot in der Tenne des Klosters Roggenburg einen würdigen Einstieg in einen langen „Nachtaktiv“-Abend.
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Ein ganzes Programm, das sich Komponisten mit kriminellem Hintergrund widmet: Das Ensemble Stravaganza Salzburg bot in der Tenne des Klosters Roggenburg einen würdigen Einstieg in einen langen „Nachtaktiv“-Abend.
Bild: Samuel Tschaffon

Bei den beiden „Nachtaktiv“-Konzerten in der Tenne und in der Bibliothek des Klosters Roggenburg trifft sanftes Gruseln auf starke Emotionen.

Carlo Gesualdo (1566-1613) war noch ein junger Mann, als er zum Mörder wurde. Als er von einer Liebesaffäre seiner Frau erfuhr, begab sich der Adlige aus der süditalienischen Region Basilikata zum Schein auf einen Jagdausflug. Doch tatsächlich kehrten Gesualdo und seine Vertrauten schon früh zurück – und erwischten die untreue Frau in flagranti mit ihrem Liebhaber. Beide starben durch Dolchstiche. Das Verbrechen blieb ungesühnt, war es doch nach damaligen Vorstellungen ein Ehrenmord.

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Doch Gesualdo war nicht nur ein Mörder, sondern auch einer der talentiertesten Komponisten an der Schwelle von der Renaissance zum Barock. Beim ersten „Nachtaktiv“-Konzert des Diademus-Festivals im Kloster Roggenburg ist seine Musik bestens aufgehoben: Das Ensemble Stravaganza Salzburg – Silvia Schweinberger (Violine), Peter Sigl (Cello) und Anne Marie Dragosits (Cembalo) – widmet vor rund 130 Zuhörern in der Tenne des Klosters ein ganzes Programm Komponisten mit kriminellem Hintergrund.

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Diademus-Festival im Kloster Roggenburg

Dieses ist natürlich allein schon wegen der schillernden Geschichten der Tonsetzer interessant, aber natürlich auch wegen der Musik, die das Trio mit Verve interpretiert. Speziell Geigerin Schweinberger, die bereits 2017 als Konzertmeisterin des Orchesters Teatro Del Mondo bei Diademus mitwirkte, muss in den Presto-Passagen ihr ganzes Können aufbieten. Einen geradezu meditativen Gegenpol dazu bildet eine sphärische, von Dragosits am Cembalo gespielte „Toccata Arpeggiata“ von Giovanni Girolamo Kapsberger. Der übrigens war selbst offenbar kein Verbrecher – seine Mutter hingegen hat angeblich seinen Vater vergiftet.

Ein würdiger Einstieg in einen langen „Nachtaktiv“-Abend, der für die Besucher beim Verlassen der Tenne eine erste Überraschung zu bieten hat: Auf dem Hof warten die Teilnehmer der ersten Diademus-Chorakademie, die unter Leitung von Helmut Steger, dem früheren Leiter des Ulmer Spatzenchores, von der „göttlichen Musik“ singen, mit stimmlicher Unterstützung von Intendant Benno Schachtner.

"Nachtaktiv": Zwei Konzerte mit dem Ensemble Stravaganza Salzburg, Catalina Bertucci und Tobias Berndt

Der überlässt beim zweiten Teil des Abends die Bühne seiner Frau: In der Klosterbibliothek blicken bei einem Liederabend Catalina Bertucci (Sopran) und Tobias Berndt (Bariton), begleitet von Alexander Fleischer am Piano, auf Depression und Wahnsinn in der Musik. Beeindruckend, wie die Sänger vor den noch einmal rund 150 Besuchern die Lieder gestalteten: Bertucci tieftraurig in Hugo Wolfs „Das verlassene Mägdlein“ und dämonisch in Franz Liszts „Loreley“, Berndt verzweifelt in Robert Schumanns „Der Soldat“ und aufgewühlt in Wolfs „Der Feuerreiter“.

Das ist ganz großes Drama. Fleischer am Klavier sekundiert wunderbar zurückhaltend – und impulsiv, wenn es gefragt ist. Und Sprecher Peter Bieringer, „Artist in Residence“ von Diademus, liest dazu Texte, die das Publikum mit hinein ziehen in die Dunkelheit mancher Künstlerseelen. Vom Tod eines Kindes von Gustav und Alma Mahler ist da zu hören, von den fiebrigen Visionen Robert Schumanns, aber auch, von Heinrich Heine köstlich beschrieben, von der heutigem Fan-Wahn ebenbürtigen „Lisztomanie“. Die Besucher applaudieren begeistert – und die Sänger spendieren noch Mendelssohns „Abendlied“ als Belohnung.

Bei der eigentlichen Zugabe darf das Publikum aber selbst mitwirken. Denn draußen vor der Bibliothek warten schon wieder Helmut Steger und die Teilnehmer der Chorakademie – und singen gemeinsam mit allen, die es wollen, „Der Mond ist aufgegangen“. Es fühlt sich an wie eine große Umarmung am Ende eines denkwürdigen Konzertabends.

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