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Landkreis Neu-Ulm/Ulm

07.01.2020

Die Region will auf Wasserstoff abfahren

Wasserstoff-Tankstellen wie hier in Dresden könnten Teil des Konzepts werden.
Bild: Sebastian Kahnert/dpa (Symbolfoto)

Plus Entwickelt in Ulm, produziert im Müllheizkraftwerk Weißenhorn, eingesetzt für den Antrieb beim Bähnle: eine ganze Technologiekette könnte entstehen.

In Schleswig-Holstein, berichtet Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch, machen sie es schon so ähnlich: Wenn Windräder mehr Strom produzieren als die Netze aufnehmen können, wird die überschüssige Energie in Wasserstoff umgewandelt. Aus diesem lässt sich mithilfe einer Brennstoffzelle später wieder Strom herstellen. Was an der Küste geht, könnte auch im Kreis Neu-Ulm und der Region rund um Ulm möglich sein – das Müllheizkraftwerk in Weißenhorn produziert beispielsweise Wärme, die ungenutzt bleibt. Selbst dann noch, wenn ein Teil davon für das neue Fernwärmenetz in der Fuggerstadt eingesetzt wird.

300.000 Euro Fördergeld haben die Stadt Ulm und die Landkreise Neu-Ulm und Alb-Donau bekommen, um in den nächsten anderthalb Jahren ein Gesamtkonzept mit tiefer gehenden Analysen zur Nutzung von Wasserstoff auszuarbeiten. Das Konzept soll die Sektoren Verkehr, Industrie und Energie betreffen und die komplette Wertschöpfungskette berücksichtigen. Was sperrig klingt, könnte beispielhaft gesprochen so funktionieren: Mit Wärme aus dem Müllheizkraftwerk wird Wasserstoff produziert. Den wiederum nutzt der Weißenhorner als Antrieb – also das Bähnle, das zwischen Ulm und der Fuggerstadt pendelt. Optimalerweise ist die genutzte Antriebstechnik in der Region entwickelt worden und die produzierende Firma hat dafür neue Stellen geschaffen. Und was für Züge gilt, gilt auch für Busse und Lastwagen. Die Tankstelle an der A7-Anschlussstelle Vöhringen beispielsweise könnte um eine Wasserstofftankstelle ergänzt werden, die ebenfalls durch das Müllheizkraftwerk versorgt wird.

Wasserstoff: Fördergeld für Ulm und die Landkreise Neu-Ulm und Alb-Donau

Besonders gut funktioniert die Umwandlung von Energie in Wasserstoff bislang nicht. Czisch sieht darin kein Problem: Bei überschüssiger Wärme sei doch auch eine schlechte Quote gut – alleine, weil sie besser sei als gar nichts. Neu-Ulms Landrat Thorsten Freudenberger ärgert sich regelrecht über die Skeptiker. „Ich sage immer: Lasst es uns doch einfach probieren“, appelliert er und er erinnert an den Ingenieur Rudolf Diesel. Der habe ja auch nicht gesagt, er wolle lieber keinen neuen Motor erfinden, weil das doch recht schwierig sei.

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Erste Testfelder für die Wasserstofftechnik könnte es in Ulm und Neu-Ulm geben: Auf dem Oberen Eselsberg vom Science Park II zum Science Park III und städteübergreifend vom Busbahnhof Neu-Ulm zum Busbahnhof Ulm könnten Elektro- oder Wasserstoffbusse fahren. Für beide Routen sind Förderanträge gestellt worden. Doch weil es solche Wünsche nicht nur in Ulm und Neu-Ulm gibt, sind die Förderprogramme Czisch zufolge zur Zeit vollkommen überzeichnet – man hoffe und warte auf mehr Fördergelder. Welche Antriebstechnik auf den Teststrecken in der Doppelstadt zum Einsatz kommt, ist offen. In Ulm bevorzugt man Wasserstoffbusse, schon allein wegen der Kompetenz in der Region.

Batteriefabrik: Umstrittene Absage an Ulm

Denn in Ulm hat das Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoffforschung (ZSW) einen Sitz samt Labor – kurz vor Weihnachten gab der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller bekannt, dass das ZSW 7,9 Millionen Euro erhält, um an einer seriennahen Produktion von Brennstoffzellen für Elektroautos zu arbeiten. Das ZSW baut auch die neue Forschungsfabrik für die Brennstoffzelle federführend auf – die war Ulm versprochen worden, nachdem der Zuschlag für eine vom Bund mit 500 Millionen Euro geförderte Batteriefabrik überraschend nach Münster und nicht in die Donaustadt gegangen war. Auch die Technische Hochschule Ulm, die Universität Ulm und das Helmholtz-Institut für elektrochemische Energiespeicherung (HIU) forschen in den Bereichen Batterietechnik und Brennstoffzellen. Die Uni Ulm hat im September 2018 den Zuschlag für das Exzellenzcluster für die Batterieforschung bekommen und erhält dafür bis 2026 jährlich bis zu zehn Millionen Euro. Am Cluster beteiligt sind auch ZSW, HIU, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und die Universität Gießen.

Heiner Scheffold, Landrat des Alb-Donau-Kreises, sieht Wasserstoff als einen von mehreren Ansätzen für die Mobilität der Zukunft – Elektromotoren alleine können die Probleme nicht lösen, ist er überzeugt. Überlandbusse und Lastwagen könnten mit Wasserstoff betrieben werden: „An dieser Stelle sind viele Fähigkeiten in der Region da“, sagt er. Das gilt nicht nur für die Forschungseinrichtungen.

Gunter Czisch zählt den Kupferprodukte-Hersteller Wieland, die zahlreichen Automobilzulieferer und den Nutzfahrzeughersteller Iveco auf, der in Ulm Fahrzeuge und Geräte für den Brand- und Katastrophenschutz entwickelt und fertigt. Sie alle, glaubt das Ulmer Stadtoberhaupt, könnten von Fortschritten in der Wasserstoff-Technik profitieren: Mit neuen Produkten und zusätzlichen Arbeitsplätzen.

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