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04.01.2011

Die versteckte Kapelle

Das Wohnhaus mit Kneipe heute, das aus der zu Beginn des 19. Jahrhunderts verkauften Dreikönigskapelle wurde.
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Das Wohnhaus mit Kneipe heute, das aus der zu Beginn des 19. Jahrhunderts verkauften Dreikönigskapelle wurde.

Architektonisch interessant sieht das Haus in der Frauenstraße, Ecke Bockgasse, nicht aus: Im Erdgeschoss liegt hinter vertäfelten Wänden eine Gaststätte, darüber Wohnungen, auf den ersten Blick eines der Häuser, die nach dem Zweiten Weltkrieg rasch und schmucklos entstanden.

Auf den zweiten Blick wirkt das Haus rätselhaft - und erst ein Vergleich mit einer alten Darstellung enthüllt in manchen Merkwürdigkeiten des Hauses noch Rudimente einer 1355 gestifteten Dreikönigskapelle. Beim genauen Hinsehen entdeckt der Betrachter von Osten her (von der Steingasse) sogar noch den Chorraum und einen Turm der Kirche, heute unter braunem Verputz.

Grablege der Patrizierfamilie Krafft

Die einst den Heiligen Drei Königen geweihte Kirche, Grablege der die Stadtgeschichte prägenden Patrizierfamilie Krafft, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Bis ins 18. Jahrhundert war sie als Kirche im Besitz der Familie Krafft, später Militärdepot, bis sie 1805/06 der Maurermeister Georg Peter Kramer erwarb und zum Wohnhaus umbaute, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde. Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts befand sich das Ulmer "Dreikönigscafé" im Haus. Wie es zu einer den Heiligen Drei Königen geweihten Kapelle in Ulm kam, erhellen alte Dokumente im Stadtarchiv: Als Beute wurden die Reliquien der Heiligen Drei Könige im Jahr 1164 aus Mailand nach Köln gebracht, wo als größte Goldschmiedearbeit des Mittelalters ein Schrein für die den drei Magiern zugeordneten sterblichen Überreste entstand.

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Die Legende der drei Weisen, die auszogen, das göttliche Kind in Bethlehem zu verehren, war ein Leitbild für die Glaubenshaltung des Mittelalters. Besonders um die Zweihundertjahrfeier jener Translation der Reliquien wurden Kirchen gern den Heiligen Drei Königen geweiht - so auch jene 1355 von Egidius, Otto, Lutz und Peter Krafft "zu ihrer und ihrer Vorfahren Seelenheil" gestiftete Kapelle in der Ulmer Frauenstraße, deren Bau Abt Eberhard von der Reichenau genehmigte.

Das Portal der Kapelle samt Glockenturm lag an der Frauenstraße, das Langhaus stand entlang der Bockgasse, wo heute noch die Jahreszahl 1355 in einem Eingangsportal zu sehen ist. In der Frauenstraße angebaut an die Dreikönigskapelle befand sich der Pfleghof des Klosters Elchingen, und um die von dort aus zugängliche Empore der Kapelle muss es so manchen Streit gegeben haben, bis man den Mönchen 1504 vertraglich zusicherte, dass diese Verbindungstür offen bleiben solle und das Kloster "Gotzzierden" anbringen und dort auf der Empore - aber nur auf dieser - Gottesdienste abhalten durfte. Dafür musste es die Baulast übernehmen, während die Erhaltung des Kirchendaches Aufgabe der Familie Krafft blieb. Das Kaufangebot des Elchinger Klosters für die Kapelle wurde dennoch 1801 ausgeschlagen.

Manch andere Historie berichten die Dokumente, so von einer Romreise von "Pfaff Heinrich", dem Kaplan der Dreikönigskapelle, der 1368 versprochen hatte, zum Weißen Sonntag des Folgejahres wieder zurück im Dienst zu sein.

Unter der damaligen Dreikönigskapelle befand sich die Gruft der Familie Krafft. Was aus den im 18. Jahrhundert noch beschriebenen und dort gelagerten elf Epitaphen aus den Jahren 1328 bis 1607 wurde, ist unbekannt.

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