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24.08.2015

Ein Orchester der Worte

Lyriker mit Humor: Marco Kerler
Bild: Foto: Roland Mayer

Lesung Unter einem ungewöhnlichen Motto präsentieren Literaten aus Ulm und Umgebung aktuelle Texte

Ulm Kling-klong, zirpt die Triangel. Nahverkehrszüge rauschen vorbei. Die Worte drehen Pirouetten in die kühle Nacht, nicht die Musik. Auch wenn der Abend als sensationelles Comeback der vermeintlich legendären „Triangelorchester“ angekündigt ist, schlägt in der Backstein-Lounge des Soulgardens in der Frauenstraße die Stunde der literarischen Lokalmatadoren. Fünf Individualisten liefern sich keine Wortgefechte, sondern beschwören auf schummriger Bühne unter freiem Himmel die Quintettformation, aus der sich jeder einzeln herausschält.

Keiner verzettelt sich, sondern zettelt selbstbewusst sein eigenes Ding an. Lyriker Marco Kerler pikst die Zettelwirtschaft auf: „...Spickzettel, Strafzettel...“. Seine Sprachrhythmen begleitet „Triangelspezialistin“ Corinna Wagner mit leisen Akzenten des Schlägels auf dem lautmalerischen Gruppenlogo – dem kleinen, dreiecksförmigen Stahlstab-Instrument. Danach erhebt sich Paolo Percoco, der seine surrealistischen Kurzgeschichten per Sprachbox herausposaunt, aus der Liegeposition und verbeugt sich. Er habe Albert Einstein eine Triangel aus der Zukunft geschenkt, witzelt Wahl-Neu-Ulmerin Wagner in der parodistischen Kurzbiografie über ihren Kollegen.

Comedy zum Sprechfluss, auch das gehört zum Autorenverständnis dieses „Triangelorchesters“ wie das stumme Metronom einer kleinen, mechanischen Pop-Art Katze. „Das Gedicht ist kein Mülleimer“, deklamiert Kerler gelassen. „Glaub an dich, hör auf dein Herz“, pflockt der Biberacher Poetry-Slammer Tobias Meinhold in den Redefluss seiner kritischen Sinnsuche den subjektivistischen Kick. Im Genre des Western-Romans zurrt der gelernte Drucker Martin Gehring als „Triangelvirtuose“ und Ulmer Autor sein Publikum im halsbrecherischen Galopp auf den Spuren seines Helden El Pollo durch die Sierra fest. Und Märchenmotive zerfleddert „Trianglerin“ Wagner zum Thema „Rollenspiel“.

Wie das Gebotene, reagiert der Nerv des Publikums in der Frauenstraße 134 höchst unterschiedlich. Interpretieren verboten? Aber jein. Schließlich assoziiert Marco Kerler in diese zweistündige Lesenacht – inklusive Verschnaufpause zwischendrin – bei „Kellerfenster 100 Tage“ prosalyrisch verkürzt: „Tag ist, wenn Licht eingeschaltet.“

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