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Ulm

22.02.2021

Eine Heimat für Gedichte aus Ulm und Neu-Ulm

Georg Heinzelmann hat in seiner Freizeit große Freude an der Lyrik gefunden.
Bild: Dagmar Hub

Plus Georg Heinzelmann ist Ingenieur, Inhaber eines Ingenieurbüros für Arbeitssicherheit in Ulm. In seiner Freizeit gibt er der Lyrik ein Zuhause.

Die Homepage erinnert an ein Poesiealbum aus vergangenen Zeiten und es ist sicher kein Zufall, dass Tintenfass und Federhalter bereit liegen: Lyrik ist etwas, was so gar nicht schnelllebig ist, etwas, was ohne emotionales Einlassen nicht anrühren kann. Georg Heinzelmanns nicht kommerzielle Lyrik-Plattform "www.poetrys.de" ist zwar, um in der Metapher der Poesiealben zu bleiben, eigentlich selbst noch im Grundschulalter - aber sie zieht sehr viele Leser und Poeten an.

Zwischen 2000 und 3000 Gedichte und etliche Kurzgeschichten sind dort gesammelt, kostenlos für jedermann, egal ob jemand Gedichte sucht oder einstellen möchte. Jetzt feiert die Plattform ihr zehnjähriges Bestehen. Georg Heinzelmann, der jedes eingeschickte Gedicht prüft, damit keine gewaltverherrlichenden oder pornografischen Inhalte auf seine Plattform kommen, hat selbst einen Teil der Gedichte beigetragen.

Ulmer Lyriker: Inflationäre Alpträume und die verlorene "Lust an der Lust"

Auch wenn die Sprache der Lyrik ihren ganz eigenen Rhythmus braucht und ihre Bilder und Stilformen - sie kann ganz aktuell, gegenwärtig und gesellschaftspolitisch sein: In "Katerstimmung 2021" philosophiert ein unbekannter Poet (oder eine Poetin) über den nur digitalen Karneval in Pandemie-Zeiten, über inflationäre Alpträume und die verlorene "Lust an der Lust". Sein Empfinden seiner ersten Quarantäne-Phase setzt Georg Heinzelmann in poetische, anrührende Worte: "Doch es ist Nichts, es ist Leere, wenn Berührung fehlt. Haut auf Haut. Hand in Hand. Stütze der Seele." Verordnete Trennung lasse Zeit zu Ewigkeit werden, schreibt Georg Heinzelmann. "Es ist kaum wert zu gehen", resümiert er eine zweite Quarantäne-Phase im Dezember. "Nur sitzen, stehen, liegen", denn "verschlossen ist die Welt". Ein kleines Gedicht über die Eisenbahnbrücke über die Donau zwischen Ulm und Neu-Ulm, entstanden 2010, gehört zu den ersten, die Heinzelmann auf die Seite lud.

358 Gedichte des Portals aus Ulm nehmen sich die Liebe zum Thema

Georg Heinzelmann ist Ingenieur, Inhaber eines Ingenieurbüros für Arbeitssicherheit in Ulm - eigentlich ein Berufsbild, das man nicht unbedingt mit Lyrik in Verbindung bringen würde. Er ist aber auch kulturell sehr interessiert - mit Theaterabo, spielt Klavier, malt - und seit 13, 14 Jahren gibt er dem inneren Drang nach, Gedichte zu schreiben, der einfach in ihm ist, erzählt Georg Heinzelmann. "Wenn die Worte da sind, schreibe ich." In etwa zehn Minuten entstehe dann ein Gedicht - aber auf Zwang, unter dem Vorsatz, jetzt zu einem bestimmten Thema schreiben zu wollen, funktioniert es natürlich nicht, berichtet er. Früher hat er Gedichte verschenkt, in Mails oder auf Postkarten - bis Bekannte ihm rieten, sie zu veröffentlichen. Schmale Gedichtbände entstanden - und eben die Online-Plattform, für die Gedichte einschicken kann, wer möchte.

Oder einfach nur lesen und stöbern kann, sich an poetisch gefassten Gedanken freuen kann mit dem Hintergrund, dass da jemand ist, der ähnlich formuliert wie man das selbst tun würde - oder auch ganz anders. Ein unbekannter Verfasser schrieb 2020 einen "Pandemie-Rap" über Infizierungsexplosionen, Hamsterkauf-Reaktionen, Abstand zu Kontaktpersonen, Depressionen und "Better world"-Illusionen. Fußball, die verstaubte Büropflanze, Reisen, Kunst und Technik - und natürlich die Liebe beschäftigen die Autoren der Gedichte. Allein 358 Gedichte des Portals nehmen sich die Liebe zum Thema.

Georg Heinzelmann sucht das Gedicht des Tages

Ein "Gedicht des Tages" sucht Georg Heinzelmann stets unter den geprüften Neueinsendungen aus - so wie das Liebesgedicht "422km" einer Autorin, die sich "Sabeth" nennt. Kennt er seine Autoren? Manchmal habe er Kontakt zu denen, die die Gedichte schreiben und einsenden, manchmal nicht, sagt Georg Heinzelmann. Immer aber hat er die Achtung vor den persönlichen Emotionen und Gedanken, die ein Stück Lyrik transportiert - und wenn jemand den Wunsch äußert, ein hochgeladenes Gedicht doch wieder von der Plattform zu entfernen, tut er auch das. "Ein Gedicht", sagt er, "ist etwas sehr Persönliches. Es ist Teil von jemandem, ganz, ganz tief."

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