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Theater

21.03.2011

Eine schrecklich chaotische Familie

„Eine Familie“ gruppiert sich im Podium Theater Ulm in Tracy Letts Tragikomödie zum Begräbnisschmaus (v.l.): Raphael Westermeier, Fabian Gröver, Aglaja Stadelmann, Tini Prüfert, Ulla Willick, Sibylle Schleicher, Gunther Nickles, Thomas Kollhoff und Christel Mayr. Rechts (unsichtbar) am „Katzentisch“ sitzen noch Renate Steinle (Akademietheater) und Johanna Paschinger.
Bild: Foto: Anita Pinggera

Ulmer Schauspielensemble glänzt mit Tracy Letts aktueller Tragikomödie

Ulm In blendender Spiellaune zeigt sich ein 13-köpfiges Schauspielensemble im Podium des Theaters Ulm bei den Eruptionen von Tracy Letts autobiografisch getränkter Familiensaga des Mittleren Westens. Das Stück ist eine einzige Katastrophe: Es ist katastrophal gut. Weil es außer der schnöden Urgewalt des Alltags durch die menschlichen Züge des schwarzen Humors zu einem Lachen anregt, das im Hals stecken bleibt. In diesem Sinne erweist sich „Eine Familie“ in der komprimierten Fassung von Regisseurin Patricia Benecke als virtuoser, gruppendynamischer Vielszener.

Bruthitze in Osage County Oklahoma. „Das Leben ist lang“, zitiert Beverly Weston, verhinderter Lyriker, Collegeprofessor im Ruhestand und Alkoholiker, den Literaturoberpreisträger T. S. Eliot, bevor er die junge Cheyenne Johnna als Haushälterin engagiert. Daneben röchelt und schwitzt Bevs tablettensüchtige, an Mundhöhlenkrebs erkrankte Frau Violet in ihrer zerwühlten Bettstatt, um die herum alsbald das blanke Familienchaos ausbricht. Doch sie wird ihren Mann, der ihrer Krankheit nur mit purem Sarkasmus begegnet, überleben. Beverly ist verschwunden. Der Weston-Clan rückt mit Kind und Kegel als Mutters Nothelfer ins Stammhaus ein. Und schleust mit drei Schwestern in fortgeschrittenem Alter (Barbara, Ivy und Karen) jede Menge Beziehungsmüll ein.

Wenn der Sheriff nachts an die Tür klopft

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„Es hat ihm das Herz gebrochen, dass du fortgezogen bist“, raunzt Violet (Ulla Willick) ihre Tochter Barbara (Sibylle Schleicher) an. Hat es das? „Mein Vater ist tot“, sagt Barbara in Vorahnung zu ihrem Mann Bill, der ihre 23-jährige Ehe mit einer jungen Geliebten aushebelt. Sheriff Deon klopft nachts an die Tür: Beverly Westons Leiche ist nach drei Tagen direkt neben seinem Boot aus dem Wasser gefischt worden. Unfall oder Selbstmord? Violet Weston gerät ins Wanken, lallt mit der Zigarette in der Hand, torkelt, schreit und macht zu Eric Claptons „Lay down Sally“ irrsinnige Handbewegungen ins Nichts. Bricht sie zusammen?

Keinesfalls. Beim Leichenschmaus, wo das Handy von (Karens Verlobtem) Steve das Tischgebet von Charly (Mann von Violets Schwester Mattie) empfindlich stört, lästert Violet über ihren toten Ehemann und die Ehepleite ihrer Tochter Barbara. Jetzt fliegen die Fetzen. Die Streithennen prügeln sich auf der Totenmahltafel. Barbara reißt das matriarchalische Zepter an sich: „Ich bestimme jetzt, wo’s lang geht“. Tut sie das?

In den ebenso nostalgisch wie schummrig beleuchteten Krankenlager-, Sessel-, Sofa- und Schlafsackstationen von Bühnenbildnerin Mona Hapke brodelt es unaufhörlich. Barbara wird ihrer Mutter immer ähnlicher. Die Familiensaga betreibt immer groteskere Outings. Die Spannung steigt ins Kriminalistische. Kommt es zu einem Urknall? Ivy (Tini Prüfert), der „Zauberlehrling“ unter den drei Schwestern, ist mit dem Schüchternheitsbolzen Little Charles, den sie liebt, viel näher verwandt, als ihrer späten Romantik lieb sein kann. Steve (Fabian Gröver) der Verlobte von Karen (Aglaja Stadelmann) fürs Hier und Jetzt, lässt vor Barbaras 14-jähriger, haschphiler Tochter Jean (Johanna Paschinger) die Hosen runter. Den bekifften Verführer schlägt die Indianerin mit dem Backblech besinnungslos.

Es hagelt Standpauken – und Liebesbekenntnisse. Doch Bill verlässt Barbara auf Nimmerwiedersehen. Ihr beichtet die Mutter, dass sie wusste, wo sich Beverly kurz vor seinem Tod aufgehalten hat. Sie hat ihn im Motel angerufen, und hätte ihn retten können. „Wer ist jetzt der Stärkere, du Scheißkerl“, heult Violet im Erinnerungstrauma auf. Barbara knallt ihre Tabletten und Zigaretten auf den Tisch und geht. Alle verlassen sie, bis auf eine. Violet Weston bricht zusammen, kriecht auf den grünen Sessel der Hoffnung zu und schmiegt sich an den Schoß der Indianerin. Johanna streichelt ihr den Kopf und singt leise die Ballade vom Lebensweg, der ein Leidensweg ist.

Ganz groß in dieser mit stiller Intensität ausklingenden, melodramatisch-grotesken Tempo-Tragödie ist Ulla Willick: brüllend, schluchzend, Lästermaul und Jammerbild, bissige Kämpfernatur und Überlebenskünstlerin – und letztlich liebende Mutter auch im Verdrängen und Scheitern.

Eine Familie wird wieder gespielt am Mittwoch, 23. und Samstag, 26. März, jeweils 19.30 Uhr, im Podium des Theaters Ulm.

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