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Neu-Ulm

22.11.2017

Erhoffte Wunderheilung wird Fall für Gericht

Am Amtsgericht Neu-Ulm hat ein Prozess begonnen, in dem es um Lügen, Geld und die Hoffnung auf ein Wunder geht. 
Bild: Symbolfoto Matthias Becker

Ein 34-Jähriger aus dem Raum Weißenhorn soll einer chronisch kranken Bekannten Genesung versprochen und ihr 4500 Euro aus der Tasche gezogen haben.

Um Lügen, Geld und die Hoffnung auf ein Wunder dreht sich ein Gerichtsprozess, der gestern am Neu-Ulmer Amtsgericht begonnen hat. Auf der Anklagebank: ein 34-Jähriger aus dem Raum Weißenhorn. Er soll einer Bekannten, die seit 14 Jahren an einer Form von Muskelschwäche leidet und sich kaum noch bewegen kann, gesagt haben, ein Hodscha – ein islamischer Gelehrter – könne sie heilen. Allerdings nicht umsonst: 4500 Euro soll die 31-Jährige dem Angeklagten in ihrer verzweifelten Hoffnung auf eine wundersame Heilung gezahlt haben. Jetzt steht der Mann wegen Betrugs vor Gericht.

Lügen waren bei der Beziehung der beiden von Anfang an im Spiel: Gleich zweimal hat der Mann seiner Bekannten, die er auf einer Internetplattform kennenlernte, einen falschen Namen genannt. Dass er verheiratet ist und mit seiner Frau drei Kinder hat, verschwieg er komplett. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Manfred Gnjidic, vermutete deshalb, dass die Frau seinen Mandanten vor allem deshalb angezeigt hatte. „Sie ist ein bisschen sauer, weil sie erfahren hat, dass er verheiratet ist.“ Schließlich hatten sich die beiden an die zehnmal persönlich getroffen – auch, bevor es um irgendwelches Geld oder Wunderheilung ging.

Zudem erklärte der Verteidiger, dass eine solche Praxis – Heilung gegen Geldzahlung – im Islam „völlig üblich“ sei: Man spreche „Bittgebete“ und leiste eine „Abgabe“, die wiederum an bedürftige Familien weitergegeben werde. „Ähnlich wie die Opfergabe bei einer Messe“, sagte Gnjidic. Den Hodscha habe der Angeklagte in einer Moschee kennengelernt. Allerdings: Feste Versprechungen habe sein Mandant der Frau nie gemacht.

Das stellte die 31-Jährige, die ebenfalls im Landkreis Neu-Ulm wohnt, vor Gericht allerdings anders da: „Er hat mir erzählt, seine Cousine sei querschnittsgelähmt und ihr Vater habe heimlich Geld in einen Hodscha investiert. Und nach acht Monaten konnte sie plötzlich wieder laufen.“ Anfangs habe sie ihm diese Geschichte nicht glauben wollen, doch er habe sie irgendwann überredet. „Und aus Verzweiflung glaubt man halt an so etwas.“

Später bekam sie SMS von einer türkischen Nummer. Darin standen verschiedene Anweisungen, zum Beispiel, wann sie wie oft welches Gebet sprechen sollte. Die Nummer habe in „keine anderen Hände gelangen“ dürfen, sagte die 31-Jährige. „Ich durfte sie auch nicht anrufen. Wenn ich Fragen hatte, sollte ich eine Nachricht schicken.“ Das habe sie auch einmal gemacht – jedoch: Die Antwort blieb aus.

Insgesamt sechsmal habe sie dem 34-Jährigen Geld gegeben, immer unterschiedliche Beträge. Wo genau das gelandet ist, blieb am gestrigen Verhandlungstag unklar. Den Ausführungen der 31-Jährigen zufolge hat der Angeklagte gesagt, dass er es einem türkischen Verein bringe. Dieser leite es dann an den Hodscha weiter. Sie selbst hat demnach im Auto sitzen bleiben sollen – einerseits weil sie zu freizügige Kleidung für einen Besuch beim Verein getragen habe, andererseits, weil dort sowieso lieber Männer gesehen seien. Der Mann sei stattdessen aber in das gegenüberliegende Gebäude gegangen. Bei Nachforschungen habe die 31-Jährige erfahren, dass darin ein Bordell untergebracht sein soll.

Ob das tatsächlich der Fall ist, konnte gestern ebenso wenig geklärt werden wie die genaue Höhe der Zahlungen. Die Geschädigte sagte, viel sei mündlich abgesprochen worden. In den Handy-Nachrichten ist nur von 1460 Euro die Rede. Die Frau soll deshalb bei einem zweiten Prozesstermin Kontoauszüge vorlegen, auch soll ein Polizist aussagen.

Der Prozess wird am Donnerstag um 8.30 Uhr fortgesetzt.

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