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Ulm

25.01.2021

Früher Rotlicht, jetzt Club: Die Geschichte des Eden in Ulm

Früher ein Teil der Ulmer Rotlichtszene, jetzt ein angesagter Club: das Eden in der Ulmer Karlstraße. Unter dem Betreiber Klaus Erb wurde im vergangenen Jahr das Außenareal als „Lustgarten“ wiederbelebt.
Foto: Alexander Kaya

Plus Casino, Nightclub, Cabaret und Lustgarten: Der Club Eden in der Ulmer Karlstraße erlaubt einen Blick in die Architektur- wie Sittengeschichte wie kaum ein zweites Gebäude der Region.

Wie ein Relikt aus den 50ern oder 60ern wirkt der Bau in der Ulmer Oststadt: In geschwungenen Lettern erleuchtet der Neonröhrenschriftzug „Eden“ die Karlstraße. Und wenn die Rollläden nicht gerade heruntergelassen sind, lächeln leicht bekleidete Pin-ups die Passanten an – Manuella, Gabriella, Erika, Claudia und Monika als Hinterglasmalerei. Der Neu-Ulmer Peter Liptau ging jetzt zusammen mit Cora Schönemann, der (Mit-)Besitzerin der Immobilie, auf Spurensuche: Was ist über das "Eden" bekannt?

Die Bilder der spärlich bekleideten Schönheiten Manuella, Monika, Gabriella, Claudia und Erika erinnern noch heute an die schlüpfrige Vergangenheit des Eden.
Foto: Alexander Kaya

Hauptberuflich beleuchtet Liptau als stellvertretender Leiter des Stadtarchivs eher Neu-Ulmer Geschichte. In seiner Freizeit blickt der 38-Jährige gerne über diesen Tellerrand hinaus. Verfestigt habe sich dieses Interesse in seiner Tätigkeit am Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau in Karlsruhe. Der studierte Kunstwissenschaftler findet es spannend, die architektonischen Perlen der Nachkriegszeit zu finden, die kaum eine Lobby haben.

„Nette Damen unterhalten Sie.“ – Eine Werbung aus den 1980er-Jahren für das „internationale Spitzenprogramm“ im Eden.
Foto: Alexander Kaya

So wie das Eden. „Das Faszinosum an diesem Laden ist, dass er sich über die Jahrzehnte kaum verändert hat.“ Der Schriftzug „Eden“ aus dem Jahr 1961 etwa. Aber auch im Inneren: inklusive der Strip-Stange und einer originalen Hausordnung. Für einen Beitrag für das Online-Magazin Moderne-Regional sind Liptau und Schönemann der bewegten Geschichte auf den Grund gegangen.

Die Leuchtschrift des Eden ist noch original.
Foto: Alexander Kaya

Bevor die leichten Damen Einzug hielten, ging es dort ganz konventionell zu. Vermutlich um 1878 habe es hier bereits eine Gaststätte gegeben, den Pfluggarten, einen Biergarten der damaligen Brauerei Pflug, die ihren Hauptbetrieb in der Kernstadt hatte. Bei den Luftangriffen 1944 wurde der Bau zerstört. Nur der heute noch erhaltene Gartenzaun blieb – neben dem Kellergewölbe – erhalten. Liptau liegt ein Baugesuch aus dem Jahr 1954 vor, das bereits – trotz folgender Anbauten – das heutige Eden äußerlich erahnen lässt.

„Massivbau auf Beton-Fundament mit Stahl-Beton-Geschossdecke und Pultdach“ heißt das bei Experten. Ausgestattet war der Gastraum nach Informationen Liptaus schon damals mit einer halbrunden Bierbar inklusive zuziehbaren Vorhängen und Separee sowie einer Tanzfläche mit Orchesterpodium.

Gegenüber amüsierten sich US-Soldaten im „Blue Byway Club“

Der französisch angehauchte Namen der Gaststätte sollte schon damals im Nachkriegs-Ulm ein wenig Weltläufigkeit vermitteln: Atelier. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging es schon längst feuchtfröhlich zu: Im 1907 von der Königlichen Garnisonsverwaltung erbauten Offizierscasino war bis Mitte der 1950er-Jahre der „Blue Byway Club“ untergebracht, ein Treffpunkt für US-amerikanische Unteroffiziere. Dort war Mitte der 1950er-Jahre „mächtig etwas los“, wie das Autorenduo von Zeitzeugen erfahren haben will.

Aber das Lokal schloss früh und die einsamen Männer fern der Heimat mussten zu später Stunde nur die Karlstraße überqueren, um den Abend im Atelier in netter Gesellschaft zu beschließen. Aus dem eigentlich eher prüden Tanzlokal sei so zunehmend ein Amüsierbetrieb geworden. Vorangetrieben durch die Dollars der US-Soldaten.

Eden in Ulm in Anlehnung an Rolf Eden

Die „Goldenen Fünfziger“ waren golden genug, sodass im Atelier bereits ab 1956 ein Casino-Anbau finanziert werden konnte. Der Namen Atelier wurde 1961 in Eden geändert. Warum, ist unklar, Liptau vermutet, dass dies in Anlehnung an die von Rolf Eden in Berlin etablierten Varieté-Theater und Nachtclubs geschah. 1963 kaufte die Familie Schöllkopf, der bereits die Ur-Gaststätte der Brauerei Pflug gehörte, das gesamte Anwesen Walter Aubera ab. Im gleichen Jahr wurden die Innenräume umgestaltet: Teile dieser Ausstattung haben sich bis heute erhalten – von den Barhockern bis zur Bar.

Liptau nahm Einsicht in den Antrag auf Betriebsgenehmigung: Geplant gewesen seien „humoristische, folkloristische oder rein gesellschaftstänzerische gute Darbietungen“. Keine nackte Haut: Nicht beabsichtigt seien „Entkleidungstänze, Schönheitstänze und dergleichen“. Offenbar hielt man sich nicht immer ganz daran, so Liptau und Schönemann. Denn 1971 ersuchten die Betreiber die Kommune um eine Konzession für „Vollakt- und Striptease-Vorstellungen“.

„Die Darbietungen dürfen nicht gegen die guten Sitten verstoßen.“

Der Antrag wurde bewilligt – mit der kleinen Einschränkung: „Die Darbietungen dürfen nicht gegen die guten Sitten verstoßen.“ Doch nachdem Ulm die gesamte Innenstadt als Sperrbezirk ausgewiesen hatte, wurde es schwierig mit schummrig. Und so sei im Casino-Anbau Glücksspiel – vorwiegend Roulette – angeboten worden. In den 1970ern verliert sich die Spur. Liptau spricht von „diffusen Besitzverhältnissen“. Der wegen illegalen Glücksspiels zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilte Manfred Hauschild, dem der Spiegel den Titel „Casino-Papst Deutschlands“ gab, müsse das Gebäude bis 1989 in seinem Besitz gehabt haben: In diesem Jahr habe er sich wegen seiner Haftstrafe vom Eden getrennt.

„Es folgten einige verwegene, doch stillere Jahre mit Striptease-Betrieb“, so Liptau. Im Besitz von Schönemann ist heute eine originale Hausordnung: Auf die Rückseite eines Oben-ohne-Kalenders notiert wird strikt untersagt, „ohne Slip“ zu arbeiten oder sexuelle Beziehungen zu Gästen zu unterhalten. Wichtig: immer alles „tadellos“.

Was wird aus dem Club und "Lustgarten"?

Mit dem Abzug der US-Soldaten in den frühen 1990er-Jahren verlagerte sich die Rotlicht-Meile in die Blaubeurer Straße. Ein paar Jahre ging es dennoch mit wenig Glanz und Gloria weiter – 2007 endete die Strip-Ära aber endgültig.

Nach dem Verkauf an das gegenwärtige (Mit-)Besitzerpaar Schönemann entstand ein populärer Club. Ob es sich dieses Jahr wieder im „Lustgarten“, dem Außenareal, wandeln lässt, ob der Clubbetrieb wieder aufgenommen wird, steht wegen Corona in den Sternen. „Das Eden bildet ein Zeitzeugnis der besonderen Art“, sagt Liptau. Deswegen wollen die Schönemanns eine Geschichtstafel mit Schlaglichtern anbringen – direkt neben Pin-up Gabriella.

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