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Witzighausen/Ulm

10.09.2019

Funkamateure: Mit einem Stück Draht um die Welt

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3 Bilder
Funkamateur Wolfgang Zimmermann aus Dornstadt lötet gemeinsam mit Freddi, dem Sohn seines Funkfreunds Andreas Bork, ein elektronisches Roulettespiel zusammen.
Bild: Alexander Kaya

Wer will, erreicht mit Telefon und Internet jeden, immer und überall. Was treibt Funkamateure an, die auf alte Technik setzen? Besuche in Witzighausen und Ulm.

Vor ein paar Wochen ist Andreas Bork auf einen Hügel bei Obermarchtal gefahren. Abends, nach einem Geschäftstermin. Er stellte die Antenne auf, die er selbst zusammengebaut hat, schloss sein Funkgerät an und dann war da New York. Bork erzählt das als Beispiel für das, was die Faszination seines Hobbys ausmacht: Amateurfunk. Sein Funkfreund Wolfgang Zimmermann sagt: „Man lötet was, schraubt was und bringt plötzlich so etwas hin.“

Wenn Bork funkt, meldet er sich mit seinem Rufzeichen DM4AB, Zimmermann mit DL1WOL. Diese Kombinationen sind einmalig auf der Welt. Sie gehören einem 50-jährigen Ingenieur aus Ulm und einem 57-jährigen EDV-Mann aus Dornstadt. Bork und Zimmermann sind zwei von etwa 68000 Funkamateuren in Deutschland. Etwa die Hälfte von ihnen gehört dem Deutschen Amateur-Radio-Club an, kurz: DARC. Bork und Zimmermann sind Mitglieder des Ortsverbands Ulm, auch eine Gruppe in Witzighausen ist Teil des DARC. Der Ortsverband Illertal, der sich im Obergeschoss des städtischen Kindergartens in Witzighausen trifft, feiert heuer sein 50-jähriges Bestehen. Die beiden Ortsverbände haben Mitglieder, die zwischen 14 und 95 Jahren alt sind. Darunter sind einige Frauen und viele Männer, die meisten nicht mehr ganz jung. Viele haben auch beruflich mit Technik zu tun. Funken prägt.

Funkamateure: Verband DARC hat Ortsverbände in Ulm und Witzighausen

Doch wieso setzen Leute Funksprüche ab, wenn sie auch telefonieren könnten oder E-Mails schreiben? Zimmermann, der Vorsitzende des Ortsverbands Ulm, hört die Frage oft und versteht sie nie. Man könne doch auch Segeln, obwohl es Motorboote gebe, sagt er. Und: „Es geht darum, sich selber zu beweisen, dass es geht.“ Jörg Steinmann, Jugendleiter beim Ortsverband Illertal, vergleicht sein Hobby mit Angeln oder Golfspielen: „Da muss man auch alle Eventualitäten berücksichtigen.“ Wer ein bestimmtes Land der Welt erreichen will, muss auf die richtige Uhrzeit warten und auf Sonnenflecken achten.

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Funker wollen nicht nur funken, sie wollen auch schrauben und löten. Sie bauen ihre Geräte am liebsten selbst zusammen – aus Bausätzen oder nach eigenen Plänen. Wie das mit der Technik geht, wollen die Funkamateure weitergeben. Der Ortsverband Ulm hat im August mit Kindern Roulette-Spiele gelötet, als Teil des Dornstadter Ferienprogramms. Beim Ortsverband Illertal betreuen Jörg Steinmann, 56, und der 30-Jährige Matthias Baur eine Jugendgruppe, bei der viel gebaut und gebastelt wird. Einmal zum Beispiel brachte ein Jugendlicher einen alten Radio-CD-Player mit und Steinmann tüftelte mit ihm aus, wie sich das Signal vom Handy auf das alte Gerät übertragen lässt. Der Jugendliche hört jetzt Handymusik aus den Boxen des CD-Players.

Amateurfunker aus Ulm und Witzighausen sind begeistert von Technik

Die Funker wollen begeistern, nicht überzeugen. „Wer ein Funkamateur wird, der hatte immer eine Affinität zu der Technik. Wir wecken sie nur“, sagt Klaus Eichel, Ingenieur im Ruhestand, Rufzeichen DL6SES. Der 76-Jährige, der in Weißenhorn lebt, war lange Vorsitzender der Funkamateure aus dem Illertal, heute ist er Referent für Elektromagnetische Verträglichkeit beim Bundesverband des DARC.

Jörg Steinmann ist von Beruf Elektroniker, er hat an vielen Orten in Deutschland gearbeitet und sich überall einen DARC-Ortsverband gesucht. Der Klub in Witzighausen tat es ihm sofort an: Der eigene Raum über dem Kindergarten ist im weiten Umkreis ein Alleinstellungsmerkmal. Die Funker haben ihr Heim bei der Stadt Senden angemietet, vom Dach ragen Antennen. Eine, die Kurzwellenantenne, haben die Illertaler vor ein paar Wochen ausgetauscht, die alte war abgeknickt. Doch abgesehen von den Antennen gilt: „Hier ist nichts, was nicht innerhalb der finanziellen Mittel der meisten liegt.“ Klaus Eichel ist diese Botschaft wichtig. Die Funkamateure senden und empfangen Nachrichten über Hunderte von Kilometern, mit Amateurmittel. Einzige Anforderungen neben der Ausrüstung: eine bestandene Prüfung, die ungefähr so kompliziert ist wie eine Führerscheinprüfung – sagt der Ulmer Vorsitzende Zimmermann. Und die Lust am Tüfteln. „Mit tun alle Kinder leid, denen die Eltern alle Wünsche erfüllen“, sagt Klaus Eichel. „Das Gefühl, etwas selbst gemacht zu haben, ist unglaublich.“

Die Funkamateure verbinden sich regelmäßig zu Funkrunden. Und wer will, der schickt einfach so einen Funkspruch los. Wie Jörg Steinmann, Rufzeichen DL6SDW, der am frühen Abend in Witzighausen nachschaut, was auf den Frequenzen so los ist und Morse-Signale aus Spanien empfängt. Oder wie Andreas Bork, der spätabends auf einen Hügel bei Obermarchtal fährt. Und der an einem Nachmittag in der Grundschule in Bollingen ein kleines, rotes Funkgerät in die Hand nimmt und prüft, ob jemand da ist. Es ist jemand da. Ein Funkfreund, der gerade mit dem Fahrrad die Donau überquert, auf dem Nachhauseweg nach Burlafingen.

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