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Ulm

06.08.2013

Hitlers Engel im Münster - Was es mit der Michaels-Figur auf sich hat

Hitlers Engel erhebt das Schwert: Die Michaelsfigur beansprucht seit 79 Jahren ihre dominante Position im Ulmer Münster. Sie wurde damals vor 30000 Zuschauern eingeweiht. Noch heute steht sie an Ort und Stelle.
Bild: Dagmar Hub

Im Ulmer Münster hängt seit fast 80 Jahren eine geheimnisumwitterte Michaels-Figur. Sie wurde damals auf Druck der NSDAP hin aufgestellt und hat ihren Platz dort bis heute.

Das Horst-Wessel-Lied wurde im Ulmer Münster gesungen? Was heute undenkbar klingt, geschah – wahrscheinlich nicht nur einmal, aber dokumentiert sicher am 5. August vor 79 Jahren. An diesem „Tag der Garnison“ 1934 wurde die tags zuvor im Hauptbogen unter der Orgelempore angebrachte kämpferisch wirkende Figur des Erzengels Michael, die bis heute umstritten ist, im Münster eingeweiht – vor 30 000 Besuchern, die mit Sonderzügen aus verschiedenen Teilen des Deutschen Reichs angereist waren.

Im Stadtarchiv Ulm sind noch Anmeldebögen für diese Fahrt zum von der nationalsozialistischen Presse als „Wiedergeburt jener vergangenen Zeit, da der feldgraue Mann der wichtigste Faktor im Ulmer Leben war“ bejubelten Ereignis zu erhalten.

Am Anfang der Erzengel-Figur, die aus dem Hauptbogen heraus seit 1934 dominierend Richtung Chorraum und Kreuz das Schwert erhebt, stand ein „Ausschuss für ein Münsterkriegsmal“, der am 15. Dezember 1922 einen Ideenwettbewerb ausschrieb. Acht Mannschafts- und Offiziersvereinigungen der Ulmer Vorkriegs-Garnisonen wollten ein solches Denkmal an exponierter Stelle im Münster und luden ein, „ein Werk zu schaffen, das in einem Rahmen von gewaltiger geschichtlicher und kunstgeschichtlicher Bedeutung an der Seite größter Namen für alle Zeiten einen Platz finden wird“.

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59 Entwürfe wurden im Schwörhaus ausgestellt

Der mit hohen Preisgeldern ausgelobte Ideenwettbewerb fand statt, und aus den 59 Entwürfen entschied sich die Jury nach der öffentlichen Ausstellung im Schwörhaus für den des militärbegeisterten Stuttgarter Städtebau-Professors Heinz Wetzel. „Attempto“ nannte er seinen Entwurf, was lateinisch sowohl „Ich verleite zum Abfall“, „Ich führe in Versuchung“ oder „Ich fechte an“ bedeutet. 1928 war das Gipsmodell der Michaelsfigur, gefertigt mit dem im Nationalsozialismus gefeierten Künstler und Architekten Ulfert Janssen, im Eingangsbogen des Münsters unter der Orgelempore zu besichtigen. Eine Inschrift „etwa an der Stelle der einstweilen noch belassenen Patrizier-Tafeln“ und Schilder der Regimenter an der Orgelempore gehörten ebenfalls zum Entwurf wie eine Inschrift auf dem gotischen Spitzbogen selbst. Auf welch grundsätzlich ablehnende Haltung „Attempto“ in der evangelischen Kirchengemeinde trotz aller Werbung gerade nach der Anbringung des Modells stieß, verdeutlicht das Entsetzen des Kirchenrats, das ganze Münster werde „dem Denkmal dienstbar gemacht“.

Verzögerungstaktik des Kirchengemeinderats

Max Wieland, dessen Messing-Werk die Hälfte des für das Kriegsmal nötigen Messings spendete und die andere Hälfte gegen Rechnung lieferte, wehrte sich persönlich „mit aller Entschiedenheit“ gegen die Anbringung dieser Figur im Münster und wollte das Kriegsmal außerhalb der Kirche wissen. „Der Platz über dem Hauptbogen scheidet aus“, beschloss der Kirchengemeinderat. Und dies, obwohl die Gipsfigur weitaus weniger kriegerisch aussah, als Wetzel und Janssen das für die Metall-Ausführung planten.

Der Kriegsmal-Ausschuss unter Vorsitz von Oberst a.D. Port war empört über die Ablehnung und Verzögerungstaktik des Kirchengemeinderats. Insgesamt 27 929,80 Reichsmark des über 50 000 Reichsmark teuren Entwurfs hatte der Ausschuss bis 1927 gesammelt, gegeben von Offiziers- und Mannschaftsvereinigungen und gesammelt über „Bausteine“, die es in Ulm für eine und für drei Reichsmark zu kaufen gab.

„Neue Zeit“ machte die Figur möglich

Als fast zehn Jahre nach dem Wettbewerb die Zeichen immer deutlicher auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten wiesen, hoffte Janssen im Juli 1932 auf jene neue Zeit, die die Realisierung der Figur möglich machen werde. „Ohne einen gelinden Druck wird der Kirchengemeinderat sicher nicht nachgeben, besonders wenn er wieder von der Ulmer Gilde gestützt und aufgehetzt wird“, resümierte der Kriegsmal-Ausschuss nach Jahren der endlosen Verhandlungen.

Was nach der nationalsozialistischen Machtübernahme geschah, beschreibt das Evangelische Gemeindeblatt vom September 1934. Dekan Theodor Kappus, aktiv bei den „Deutschen Christen“ und loyaler Gefolgsmann der Nationalsozialisten, der Ende 1933 die Position des versetzten Ludwig Vöhringer übernommen hatte, bejubelt den „Tag der Garnison“ im Ulmer Münster und die Erzengel-Figur und schreibt zum beendeten Widerstand des Kirchengemeinderats: „Dann setzte sich aber die NSDAP in der Person des Gaukulturwarts, des Kreisleiters Maier und des Oberbürgermeisters Förster dafür ein.“

Bei der großen Feier am 5. August 1934 versprach Kappus, dass die Münstergemeinde die Figur „treu bewahren“ werde. So beansprucht die Michaelsfigur mit dem vieldeutigen Namen seit 79 Jahren ihren dominierenden Platz.

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