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Ludwigsfeld

27.06.2019

„Ich war schon zu den Toten gelegt worden“: Die bewegende Geschichte von Hady Jako

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Hady Jako arbeitet seit knapp drei Jahren als Betreuer in der Wohnanlage Seniorenwohnen Ludwigsfeld. Dass der 34-Jährige heute aber überhaupt noch lebt, grenzt an ein Wunder: Vor einigen Jahren überlebte er im Irak ein Selbstmordattentat.
Bild: Alexander Kaya

Plus Hady Jako überlebte im Irak nur knapp ein Selbstmordattentat, kam durch Schlepper nach Europa. Mittlerweile arbeitet er als Betreuer im Seniorenheim und hat die deutsche Staatsbürgerschaft.

Dass Hady Jako Spaß an seiner Arbeit hat, sieht man ihm sofort an: Freundlich grüßt er die Menschen, denen er auf dem Flur der Einrichtung Seniorenwohnen Ludwigsfeld begegnet, erklärt danach zwei Frauen, wo den Weg. Seit 2016 arbeitet er als ausgebildete Betreuungskraft in der Wohnanlage. In seiner Freizeit ist er in der Kirchengemeinde aktiv, und bereitet sich außerdem auf den kommenden Einstein-Marathon vor. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass der 34-Jährige überhaupt noch lebt – er erlebte in seinem Heimatland Irak ein Selbstmordattentat, kam dann durch Schlepper nach Europa und 2009 schließlich nach Neu-Ulm.

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Jako war an jenem schicksalhaften Tag bei der Soldatenaufnahme etwas außerhalb der Stadt Mossul. „Ich weiß nicht, was dann passiert ist. Nur, dass ich später im Krankenhaus aufgewacht bin.“ Später wird er erfahren, wie knapp er dem Tod entronnen ist – und er wird es zunächst selbst nicht glauben. „Ich war schon mit zu den Toten gelegt worden, die abtransportiert werden sollten“, erzählt er. In dem Moment kam ein amerikanischer Arzt, der noch einmal überprüfte, ob die Menschen tot waren – und dieser bemerkte, dass Jako noch lebt. „Er hat dann einen Luftröhrenschnitt gemacht“, berichtet Jako und befühlt die Stelle an seinem Hals.

Mit dem Arzt, der ihm das Leben gerettet hat, hat Hady Jako noch heute Kontakt

Eine Woche lang er im Koma, wegen des Unfalls musste ihm der linke Arm oberhalb des Ellenbogens amputiert und sein linkes Auge durch ein Glasauge ersetzt werden. Auch sein Gehör hat großen Schaden genommen, der 34-Jährige, der zu 100 Prozent schwerbehindert ist, trägt Hörgeräte. Auf der linken Seite hatte er am Bauch ein großes Loch, das jedoch gut behandelt wurde. Jako weiß, wie viel Glück er hatte – auch, weil er in einem amerikanischen Krankenhaus gelandet war. „In einem Iraker Krankenhaus wäre ich gestorben“, sagt er. Mit dem Arzt, der ihn damals gefunden hat, hat er noch heute Kontakt. „Erst vergangene Woche haben wir uns eine E-Mail geschrieben.“ Der Doktor wohnt in Utah, Jako habe ihn schon immer einmal besuchen wollen, doch ganz so einfach sei das nicht.

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Nach dem Selbstmordattentat gab ihm einer seiner vier Brüder Geld für die Flucht. 12000 Dollar musste Jako an die Schlepper zahlen, um nach Europa zu kommen. „Es hat einen Monat gedauert“, erzählt der 34-Jährige. „Wir waren in Lkws versteckt.“ Die Fahrt an sich hätte wohl nicht länger als eine Woche gedauert, doch immer wieder mussten er und die anderen ihm unbekannten Flüchtlinge immer wieder in dunklen Räumen warten, bevor sie in einen neuen Lkw stiegen.

2009 kam er als Flüchtling nach Neu-Ulm, seit 2016 arbeitet er als Betreuer

2009 kam Jako nach Neu-Ulm, nachdem er zuvor knapp zwei Monate im Aufnahmelager in Zirndorf bei Nürnberg untergebracht war. Nur ein paar Monate später begann er einen Sprachkurs – und absolvierte später am Neu-Ulmer Institut von Peters Bildungs GmbH eine Ausbildung zur Betreuungskraft. Im Juli 2016 kam Jako über das Jobcenter schließlich zum Seniorenwohnen Ludwigsheim, eine Einrichtung des Bayerischen Roten Kreuzes, wo er bis heute arbeitet.

Wie Katrin Sowada, Pflegedienstleiterin beim Seniorenwohnen Ludwigsfeld, erzählt, hat man mit Jako spezielle Vereinbarungen wegen seiner körperlichen Einschränkungen getroffen. So darf er zum Beispiel nicht alleine mit einem Rollstuhlfahrer das Haus verlassen. „Wir hatten auch viel Kontakt mit der Behindertenintegriertenstelle“, sagt Sowada. Die Heimaufsicht prüfte zunächst kritisch, wie Jako bei der Arbeit zurechtkommt. Doch schnell wurde klar: Es klappt problemlos. „Es kam nie zu irgendwelchen Zwischenfällen und es läuft super“, sagt Sowada. Jako ergänzt: „Es hat auch mal eine Dame gesagt: Ich wundere mich, dass du mit einem Arm alles machen kannst.“ Sowada betont, dass es oft am Wichtigsten ist, den Bewohnern einfach Nähe zu geben, für sie da und empathisch zu sein. Jako nickt und lächelt: „Das ist meine Art.“

Hady Joko will am Einstein-Marathon teilnehmen

Im vergangenen September hat Jako den Einbürgerungstest bestanden, hat jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Er wohnt in einer Wohnung in Neu-Ulm – und freut sich, dass er dadurch immer an der Donau Joggen gehen kann. Derzeit bereitet er sich auf den kommenden Einstein-Marathon vor. „Ich trainiere jeden Tag und laufe jeden Tag 13 Kilometer“, berichtet er. Für ein zwanzigminütiges Training auf dem Fahrrad nutzt er zudem gerne den neuen Fitnessraum für das Personal in der Senioren-Wohnanlage. Auch beim großen Firmenlauf des BRK in München will er dieses Jahr wieder antreten. 2018 musste dieser wegen Unwetters abgebrochen werden. „Dieses Mal klappt es hoffentlich“, sagt Jako, der auch in der evangelischen Kirchengemeinde gut integriert ist und öfters die Erlöserkirche in Offenhausen besucht. Erst vor ein paar Tagen habe ihn eine Frau aus der Gemeinde gefragt, ob er nicht bei einer Veranstaltung mithelfen könne.

Zu seinen Schwestern hat der 34-Jährige Kontakt: Eine lebt in Bielefeld, die anderen vier sowie zwei seiner Schwägerinnen in Freiburg. Sie waren zwischenzeitlich vom IS verschleppt worden, konnten aber befreit und schließlich nach Deutschland gebracht werden. Wie es seinen vier Brüdern geht, weiß Jako dagegen nicht. „Es ist wahrscheinlich, dass sie nicht mehr leben.“ Seine Mutter wohnt seit Längerem in einem Lager im Irak nahe der Grenze zur Türkei. „Sie ist schwer krank, hat es mit dem Knie und dem Magen“, sagt Jako. Er habe sie schon mehrmals gefragt, ob sie den Irak nicht auch verlassen will. „Aber sie hat immer noch die Hoffnung, dass meine Brüder doch noch leben und zu ihr kommen.“

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