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Lebenswerk

01.08.2020

Karikaturen und Zeichnungen: Burkhart Tümmers stellt im Kunstverein Ulm aus

Burkhart Tümmers blickt auf viele Lebensjahrzehnte zurück. Die Kunst hat bei ihm in jedem Alter eine Rolle gespielt – auch wenn er sich selbst nicht als Künstler versteht.
Bild: Fotos: Kunstverein Ulm e.V.

Plus Burkhart Tümmers plaudert im Liederkranz über sein Leben als Karikaturist und Mediziner. Er ist 96 – eine Ausstellung im Kunstverein Ulm würdigt sein Werk.

Nennen Sie ihn bitte nicht Künstler. Denn jeder, der diesen Burkhart Tümmers so bezeichnet, dem widerspricht er vehement: „Ich betrachte mich nicht als Künstler. Ich bin Zeichner“, sagt er – und meint es so. Aber seine Augen strahlen dabei und er lächelt jungenhaft verschmitzt. 220 Zeichnungen aus dem Werk des Ulmer Karikaturisten, der eigentlich Dermatologe ist, zeigt der Kunstverein Ulm gerade in einer Ausstellung. Schließlich ist Tümmers mit 96 Jahren das „älteste zeichnende Mitglied“ im Verein. Auf der Bühne des Biergartens Liederkranz plauderte der Mann mit der spitzen Feder nun über all seine Lebensjahrzehnte. Ein Gespräch mit Galerist Manfred Bittner über den genauen Blick des Arztes, über Eitelkeit – und kratzende Federhalter.

Burkhart Tümmers ist Dermatologe und Karikaturist

Maler werden? Sein Brot mit Stift und Papier verdienen? „Das wollte ich nie. Ich wollte Arzt werden“, beteuert Tümmers. Sein Vater war Dermatologe, der Sohn folgte ihm. „Ein Dermatologe muss ein visuelles Gedächtnis haben“, sagt Tümmers. Und den porentiefen Blick fürs Genaue, den brauchte Burkhart Tümmers nicht nur im Beruf, sondern auch in seiner Berufung, beim Zeichnen: „Ich klebe förmlich am Objekt, das ich sehe und zeichne.“

Tümmers’ Ironie: Die Sonne strahlt, der Schlaf hängt noch in den Knochen – und der Gockel lässt die Glocken schellen.
Bild: Kunstverein Ulm e.V.

Manfred Bittner sagt: „Die Karikatur ist die freche Schwester des Porträts“ – ungehobelt und knallehrlich. Sie überhöht oder erniedrigt, sie ist also „eine ganz gefährliche Sache“. Und genau deshalb steckt der Karikaturist Tümmers immer wieder im Dilemma: „Die Leute wollen alle schön sein.“ Doch das erlaubt die Wahrheit nicht. Dem Auge des Hautarztes entgeht nichts: Pickel auf Gesäßen werden zu dreisten, roten Farbtupfern in der Karikatur. Auf dem nächsten Blatt misslingt eine Notarztrettung im Stolpermodus, mit viel Bewegung und Slapstick – und nur wenigen Strichen. Szenen eines Medizinerlebens, fein seziert.

Karikaturen und Zeichnungen: Burkhart Tümmers stellt im Kunstverein Ulm aus

Der Kunstverein blickt auf das Werk von Burkhart Tümmers

Schon als Kind liebte Tümmers das Zeichen. Später, in den Wirren des Krieges – als Soldat, im Lazarett, als Funker – wurde sein Hobby zur Gefahr. Freche Karikaturen? „Wenn die NSDAP dahinterkommt, biste weg.“ Doch selbst in harten Tagen der Kriegsgefangenschaft malte er, mit Grafitstiften und Zementsäcken als Untergrund. Am Kriegsende blieb ihm nichts als einziges Album.

Tümmers kehrte 1949 nach Ulm zurück und nahm den Federhalter wieder in die Hand. Als junger Mediziner zeichnete er Porträts aus purer Laune. Gelegenheit macht Kunst: „Wenn mir auf Kongressen langweilig war, habe ich einfach den Kugelschreiber genommen und die Köppe gezeichnet“, erzählt er und grinst. Auf der Liederkranz-Bühne hängt so ein klassischer „Tümmers“: ein Mann mit professoraler Nase und Monokel, schütterem Schopf und fliehendem Kinn. Sparsame Striche, schwarz auf weiß. Daneben hängt das Bildnis einer Frau mit rotem Bubikopf: Stolz und stilvoll reckt sie ihre Spitznase – diese Frau habe er einmal im Türkeiurlaub mit seinen Kindern gesichtet. Und das Talent färbt ab: Ein Tümmers-Sohn fotografiert, eine Tochter ist Grafikerin. Familie ist für ihn auch seit Jahrzehnten der Ulmer Kunstverein. Bei Fahrten auf der Donau und Ausflügen mit Freunden verfeinerte er seinen Strich: „Jeden Samstag war ich mit dem Skizzenbuch auf der Alb.“

Die Kunst steht Kopf: ein kleiner Seitenhieb in Richtung Georg Baselitz.
Bild: Kunstverein Ulm e.V.

Auch politische Zeichnungen und Karikaturen schuf Tümmers

Politisch kann der Dermatologe aber auch: Im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv liegen seine zeitkritischen Skizzen und Politikerporträts, samt übergroßem Kohl-Kopf. Nicht nur genau muss der Karikaturist sein, sondern schnell. Wer im Theater Ulm jemals leise Kratzgeräusche vernommen hat – schuld war wohl Burkhart Tümmers. Jahrzehntelang, „bis zum Intendanten Studnitz“, saß er in vorderer Reihe und skizzierte die Magie, das Schöne und Gute und auch Misslungene, das er auf der Bühne beobachtete. Aber flott. Um die Bewegung festzuhalten. 20 bis 25 Skizzen pro Vorstellung. „Fliegende Skizzen“ nennt er diese Schnellschüsse, die er nach den Vorstellungen noch verfeinerte.

Der „Geiger“ schrammelt in seiner Besenkammer vor sich hin. Viele Skizzen hat Tümmers auch nachträglich koloriert.
Bild: Kunstverein Ulm e.V.

Zuerst zeichnete er im Theatersaal, unterm günstigen Licht eines Leuchters, mit kratzendem Federhalter. Später griff er zum leiseren Bleistift – manch ein Zuschauer sei bei der Kratzerei nervös geworden, sagt der Arzt und schmunzelt. „Und mit dem Bleistift kleckert man sich auch nicht die Krawatte voll.“ Im Kunstverein ist nun auch seine Zeichnung vom „Geiger“ zu sehen, koloriert, zwischen Licht und Schatten, einsam fidelnd in der Besenkammer.

Rund 20000 Zeichnungen hat Tümmers in seinem Leben angefertigt

Politiker, Zufallsbegegnungen, Ulmer High Society – sind die Porträtierten glücklich, wenn sie „Tümmers“ verewigt? „Wenn es Karikaturen sind, freuen sich viele nicht“, scherzt er. Die Krux ist bei allem vielleicht der Griff zum Stift, der die Sinne nur noch weiter schärft. Denn: „Man sieht die Dinge viel genauer, wenn man sie zeichnet.“ Bittner lässt den Künstler sein eigenes Werk abschätzen: Wie viele Zeichnungen hat er in all den Jahrzehnten vollendet? „20000 vielleicht.“ Ein Tümmers-Freund aus dem Publikum ruft: „Mindestens 50000!“

Auch das ein Tümmers: Mit abstrakter Kunst konnte sich der Ulmer nie anfreunden – wohl aber mit der Malerei.
Bild: Kunstverein Ulm e.V.

„Abstrakte Kunst liegt mir nicht. Ich war schon immer absolut gegenständlich eingerichtet.“ Und das bestätigte ihm auch ein Lehrer, bei dem er in den 80er-Jahren Malkurse belegte: „Der sagte mir anerkennend: Du malst so beschissen genau.“ Tümmers malte Aquarelle, auch Landschaften nahm er ins Visier – aber sein liebstes Betrachtungsobjekt bleibt der Mensch und sein Kern. Unvorteilhaft, verletzlich, aber liebenswert. Tümmers zeichnet weiter: „Das nächste Nahziel lautet: 97.“

„Ernst und heiter“ ist noch bis zum Sonntag, 9. August, im Kunstverein Ulm zu besichtigen.

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