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Ulm

17.10.2020

Kinderpsychiater Jörg Fegert über Corona-Quarantäne: „Gefährlich ist, wenn ein Kind am Pranger steht“

Der Mundschutz ist eine der Vorkehrungen gegen Corona-Infektionen.
Bild: Marcus Merk (Symbolfoto)

Plus Der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert spricht im Interview darüber, was eine Corona-Quarantäne bei Schülern auslösen kann, wann Ausgrenzung droht und welche psychischen Folgen die Krise bereits mit sich gebracht hat.

Herr Professor Fegert, bei Corona-Fällen werden einzelne Schulklassen in Quarantäne geschickt. Was kann es bei einem Kind auslösen, wenn wegen seiner Infektion die ganze Klasse oder die ganze Schule nach Hause muss?

Jörg Fegert: Die Gefahr ist groß, dass ein solches Kind quasi zum Sündenbock wird und das Kind und teilweise auch seine Eltern den Ärger der anderen abbekommen – nach dem Motto, „Wegen dir versäumen wir jetzt Unterricht“. Insofern kommt es essenziell darauf an, solche Maßnahmen richtig und fair zu kommunizieren. Wir alle haben derzeit wieder ein verstärktes Risiko, uns anzustecken. Natürlich sollten alle möglichst gut darauf achten, Risiken zu vermeiden. Wenn es aber passiert ist, geht es vor allem darum, konsequent die Gefährdung einzugrenzen. Da muss eben mal eine Klasse in Quarantäne. Es ist sicher gut, wenn nicht erst im Ernstfall über solche Situationen gesprochen wird. Ich würde empfehlen, dass Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer auch ansprechen, dass Mobbing oder Herabsetzung dann gar nicht geht.

Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Wenn ein Schüler krank fehlt, spielt das normalerweise vermutlich keine große Rolle. Nun weiß oft die ganze Schule: Das ist der Corona-Patient.

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Fegert: Das wird sich kaum verhindern lassen, Datenschutz hin – Vertraulichkeit her. Es ist verständlich, dass Kinder und Jugendliche in einer angstbesetzten Situation tuscheln und sich Informationen weitergeben. Das finde ich ganz normal und hier sollte man auch nicht zu sehr moralisieren. Gefährlich und belastend wird es, wenn das betroffene Kind an den Pranger gestellt wird, wenn in Klassenchats negativ über das Kind geredet wird.

Manche Schulen mahnen in Info-Schreiben, dass Kinder nach einer Corona-Infektion nicht gemieden werden sollen. Was, wenn das doch geschieht?

Fegert: Wenn ein Kind sozial geschnitten wird oder noch schlimmer, wenn es aktiv gemobbt wird, beschimpft wird, kann dies zu einer erheblichen psychischen Belastung durch Scham und Ausgrenzung führen. Wir bezeichnen das mit dem Fachbegriff Stigmatisierung. Jemand wird quasi abgestempelt als derjenige, der schuld ist oder als diejenige, die nicht aufgepasst hat und unter der jetzt alle leiden müssen.

Was kann man dagegen tun?

Fegert: Wichtig sind in solchen Situationen immer auch die sogenannten „Bystander“. Also die Kinder, die drumherum stehen und die Chance hätten, die Klassenkameraden zurückzupfeifen. Dies gilt für jedes Mobbing. Man kann Herabsetzung im Klassenzimmer nicht allein dadurch bekämpfen, dass man die betreffenden Schülerinnen und Schüler ermahnt. Viel wichtiger ist, dass sie ein Feedback aus der Mitte der Klasse bekommen und dass die Mitschüler so etwas nicht zulassen.

Wie sollten Schulen Kinder und Eltern über eine Quarantäne informieren?

Fegert: Schulen sollten möglichst sachlich informieren und deutlich machen, dass, wenn möglich, alternative Unterrichtsangebote gemacht werden. Es kann durchaus sinnvoll sein, eine allgemeine Information nicht erst im Ernstfall, sondern noch in „Friedenszeiten“ herauszugeben und Umgangsregeln für solche Fälle mit Schülern und Eltern anzusprechen. Darauf kann man sich beziehen, wenn es ernst wird.

Wie sollten Lehrer, Schulleitung und Eltern mit Kindern über Corona-Infektionen und Erkrankte sprechen?

Fegert: Nun, das ist altersabhängig. Bei kleineren Kindern geht es einfach darum, deutlich zu machen, dass für sie das Risiko von Folgen dieser Erkrankung relativ gering ist und dass es wichtig ist, jetzt brav die Kontaktverbote einzuhalten, um niemanden anzustecken. Wichtig sind dann zum Beispiel Skype-Termine mit Freunden oder Großeltern. Wichtig erscheint es mir auch, Verständnis für die Erkrankten zu wecken und schon vorzubereiten, dass diese ganz normal in die Klasse zurückkehren können. Ohne Skandalisierung und ohne Schuldvorwürfe. Oft lässt sich gar nicht klar bestimmen, wer die Infektion in die Klasse getragen hat. Letztendlich ist egal, wer es war. Viel wichtiger ist, die Netzwerke festzuhalten, damit man alle möglichen Kontaktpersonen rechtzeitig warnen kann.

Woran erkennen Lehrer, wenn Kinder durch die Pandemie und ihre Folgen psychische Probleme bekommen?

Fegert: So einfach ist das für Lehrer gar nicht zu erkennen. Schülerinnen und Schüler, die starke Ängste haben, können die besondere Anspannungslage gezielt nutzen und ihren Eltern sagen, dass sie sich schlecht fühlen. Dann können sie einen Schulbesuch vermeiden. Ängstliche Kinder mit einer Trennungsangststörung werden sonst in der Regel auch mit Unterstützung der Therapeuten aufgefordert, auf jeden Fall in die Schule zu gehen. Dies kann derzeit bei Anzeichen von erhöhter Temperatur, bei subjektivem Erkrankungsempfinden kaum ungesetzt werden. Dadurch bildet sich ein neuer großer Spielraum für Vermeidungsverhalten. Insofern sollten Lehrerinnen und Lehrer Abwesenheitstage zurzeit sehr genau im Blick behalten und bei einer Häufung gegebenenfalls die Eltern ansprechen.

Haben Sie Veränderungen in der Corona-Krise beobachtet?

Fegert: Zu Beginn des Lockdowns haben wir beobachten müssen, dass bestimmte psychische Probleme erst verschleppt werden. Manche Patienten zum Beispiel mit zunehmender Lebensmüdigkeit und wachsenden Suizidgedanken wurden aus Angst vor einer Ansteckung im klinischen Setting zu spät zur Abklärung vorgestellt. Wenn sich Eltern oder Lehrer Sorgen um ein Kind machen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas tun muss, deutlich höher als die Wahrscheinlichkeit, dass man übervorsichtig war. Rechtzeitig handeln ist immer besser als zu spät zu kommen.

Suchen Kinder und Jugendliche wegen der Corona-Krise psychologische oder psychiatrische Hilfe?

Fegert: Wir haben natürlich einzelne Nachfragen und auch Symptomatiken, wo das Infektionsrisiko in paranoide Vorstellungen eingebaut wird – im Sinne eines Verfolgungswahns oder in Zwangsvorstellungen in Bezug auf Händewaschen und Ähnlichem. Dies ist nicht untypisch. Insgesamt ist mit dem Wegfall einer regelmäßigen Beschulung für viele Kinder und Jugendliche mit Problemen zunächst einmal ein gewisser Druck weggefallen. Jetzt ist die Rückkehr in einen Alltag deutlich schwieriger. Anderswo sind die Folgen viel weitreichender. Das hat mir zum Beispiel ein Freund und Kollege berichtet, der als Professor in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Turin arbeitet. Hier hatten Kinder auch häufig Schuldgefühle, eventuell Großeltern bei Besuchen infiziert zu haben, die dann später gestorben sind. Wir sollten die jetzige Situation nicht dramatisieren, gleichwohl aber aufmerksam auf Kinder und Jugendliche und ihre Bedürfnisse achten.

Jörg Fegert, 63, ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Uniklinikums Ulm.

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