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Neu-Ulm

13.07.2017

Kleine Kästen voller Hoffnung

Sarvantara, ein indisches Dorf in Uttar Pradesh, wurde mit einer fotovoltaikbetriebenen DC-Mini-Grid-Anlage mit hybridem Speicher ausgestattet. Auf dem Foto: ein angeschlossener Haushalt in Indien und zwei Kinder der Familie, die auf den Powermeter zeigen.
Bild: Michael Schmid, BOS

Ein junges Unternehmen aus Neu-Ulm wächst rasant mit Fotovoltaik-Anlagen, die nicht nur in entlegenen Gebieten Indiens der Renner sind. Die Zielgruppen sind vielfältig.

Kühe gibt es mehr als Autos auf den staubigen Straßen von Sarvantara. Das kleine Dorf liegt im nordindischen Uttar Pradesh, Indiens bevölkerungsreichster Bundesstaat, der gleichzeitig auch zu den ärmsten gehört. Strom gibt es in weiten Teilen nicht, die Menschen leben mehr schlecht als recht vom Ackerbau und zünden am Abend Kerzen an.

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Für 30 Familien des Dörfchens, in der Nähe der Stadt Bahraich, hat nun jedoch ein neues Zeitalter begonnen. Und eine Neu-Ulmer Firma spielt dabei eine zentrale Rolle: Mit Hilfe von Sonnenlicht und modernster Technik wird der kleine Ort erstmals mit Strom versorgt. Das „Mini-Grid“ genannte kleine Stromnetz ist eine Neu-Ulmer Entwicklung. Ein Mini-Grid ist ein unabhängiges Stromnetz, das in diesem Fall von Solarenergie gespeist wird und den Strom in Batterien speichert. Entwickler und Hersteller ist die 2014 gegründete Firma BOS (Balance of Storage Systems). Die Energiewende ist ein Exporterfolg; Das Interesse an deutschen Technologien rund um erneuerbare Energien ist groß. Und so kamen die Neu-Ulmer im Rahmen der „Exportinitiative Energie“ des Bundeswirtschaftsministeriums an den Auftrag im fernen Indien, den ein Projektpartner des Subkontinents vermittelte.

Der Chef und Mitgründer von BOS ist Benjamin Seckinger. Die Idee, auf diesem Feld tätig zu werden, bekam der 32-Jährige als er als Rucksackreisender in Ländern wie dem afrikanischen Mosambik unterwegs war. Inspiriert von den Eindrücken und erschrocken von vielerlei Notlagen gründete Seckinger die „Ingenieure ohne Grenzen in Ulm/Neu-Ulm“, einem Verein, dessen Ziel es ist, die Lebensbedingungen notleidender und benachteiligter Menschen langfristig zu verbessern.

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Das Kernprodukt der BOS sind spezielle Speichersysteme, welche die Vorteile von Lithium- und Bleiakkumulatoren kombinieren und den Ladestatus beider Akkumulatoren intelligent steuern. Das heißt: Sind die kostspieligen Lithium-Ionen-Batterien leer, springen die Bleibatterien ein. Dadurch bleibt das System insgesamt langlebig und dennoch preisgünstig. Die gespeicherte Energie kann beispielsweise nachts, wenn die Sonne nicht scheint, genutzt werden.

Die Zielmärkte befinden sich in ländlichen Gebieten weltweit mit beschränktem oder unzureichendem Zugriff auf moderne Energieversorgung. Seckinger erkannte das Potenzial der „Hybrid Batterie Technologie“ als er bei einer anderen Firma beschäftigt war und entschloss sich seine eigene Firma zu gründen. Einer der weiteren Gründer und Anteilseigner ist der Ulmer Professor Peter Adelmann. Ein Mann, der durch seine Kenntnisse der Fotovoltaik eine zentrale Rolle im Unternehmen hat, aber auch durch zahllose Firmenkontakte, etwa zu Bosch, viele Türen geöffnet habe. Zehn Menschen arbeiten bei BOS Neu-Ulm, Tendenz steigend. Genauso wie der Umsatz: Vermutlich werde dieses Jahr die zwei Millionen Euro Grenze geknackt. Für eine Firma, die erst vor drei Jahren gegründet wurde, ein sagenhaftes Wachstum. In der Böttgerstraße werden sämtliche Speichersysteme entwickelt, die Prototypen konstruiert und auch in Kleinserie dann produziert. Bei größeren Aufträgen haben die Neu-Ulmer Partner in Deutschland, Italien und Rumänien, die nach Vorgaben produzieren. In Ländern wie Nigeria, Sambia, Mosambik, Äthiopien, Liberia und Indien sorgen die Systeme aus Neu-Ulm bereits für Strom. Oft bei den Ärmsten der Armen. Bereits für unter 90 Euro kann ein Haushalt mit so einem Gerät, das eine Lebensdauer von zehn Jahren habe, mit Strom versorgt werden. „Und Kerzen kosten auch Geld“, sagt Seckinger. Wenn eine Familie lange spare, um sich per Mini-Grid aus eigener Kraft mit Strom zu versorgen, würde sehr pfleglich mit der Technik umgegangen. Bei seinen Reisen um die Welt sah Seckinger, das Entwicklungshilfe oft nicht wirklich ankomme. Denn wenn „von oben herab“ irgendwelche Gerätschaften aufgebaut würden, sei die Wertschätzung oft gering und es gebe Probleme mit der Wartung und auch Reparaturen. BOS hingegen arbeite mit Firmen vor Ort zusammen und unterhält beispielsweise im südindischen Bangalore ein Büro.

Der Markt für unabhängige Stromnetze in Schwellen- und Entwicklungsländern ist aus Sicht von Seckinger immens. Doch auch in den Industriestaaten sieht der Absolvent der Hochschule Neu-Ulm großes Potenzial. Denn Camper und Wohnmobilfreunde hätten am Abend im Grunde die gleichen Bedürfnisse wie die Menschen in Sarvantara: Strom zum Handy aufladen und etwas Licht beim Kochen.

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