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Ulm

23.04.2019

Konzert am Karfreitag: Passion voller Emotion

Friedemann Johannes Wieland (links) verhalf als Dirigent der großartigen Musik Spohrs zu ihrer vollen Wirkung.
Bild: Florian L. Arnold

Es geht auch ohne Bach: In der Ulmer Pauluskirche gibt es das selten gehörte Oratorium „Des Heilands letzte Stunden“ von Louis Spohr zu hören. Ein Werk, das - wie sich zeigt - zu Unrecht vergessen ist.

Der Karfreitag gehört – musikalisch gesehen – Bach. Tatsächlich? In der Pauluskirche Ulm gab es in diesem Jahr ein anderes Highlight zu erleben: „Des Heilands letzte Stunden“ von Louis Spohr. Der gebürtige Braunschweiger war ein virtuoser Violinist und als Komponist nicht minder erfolgreich, verschwand jedoch in den langen Schatten von Mendelssohn oder Haydn, was vielleicht auch an den Schicksalsschlägen liegen mag, denen sein Leben unterworfen war.

Während der Arbeit zu „Des Heilands letzte Stunden“ starben seine Frau und seine Schwägerin. Spohr unterbrach den Kompositionsprozess, vollendete das Werk dann aber doch, jedoch ohne „Freude daran zu empfinden“. In Deutschland erfuhr das Werk wenig Resonanz, in England hingegen wurde es ein großer Erfolg. Das war 1835. Die Aufführungen dieses Werkes sind seither überschaubar geblieben. Verwunderlich, wenn man das geschmeidige Gefüge von einprägsamen Melodien und raffinierter Klangkunst zwischen Klassik und Romantik erlebt.

In der Pauluskirche war der Motettenchor der Münsterkantorei Ulm (Einstudierung und Leitung: Friedemann Johannes Wieland) gemeinsam mit der (wie immer) virtuosen „Süddeutsche Kammersinfonie“ mit Spohrs Oratorium als Ulmer Erstaufführung (!) zu erleben. Das an sich wäre schon als Verdienst zu loben. Aber wie sich die Vokalsolisten Maria Rosendorfsky (Sopran), André Khamasmie (Tenor), Daniel Blumenschein (Bass) und Anette Küttenbaum (Alt) dieses Werkes annahmen, war aller Ehren wert. Eindringlich – und deutlich knapper als Bach & Co. – zeichnet Spohr die dramatische Leidensgeschichte Jesu musikalisch nach. Das Libretto von Friedrich Rochlitz stellt die Sänger vor so manche Herausforderung. „Senke dich, stille Nacht, nieder auf unsern Freund. Vor den wilden Blicken blutbegieriger Feinde hülle den heiligen Dulder ein“ hört man die Freunde Jesu singen; klangprächtig werden Soli, Chor und Orchester zu einem keinesfalls einfachen aber schlüssigen Klangbild verwoben, das wundersam Elemente von Bach mit Anklängen an die Romantik vereint und großformatig konzipierte Chorsätze von fast Wagner’scher Dimension entwirft.

Sopran Maria Rosendorfsky mit Eleganz und Gefühl

Die Solisten hervorragend, voran Rosendorfsky, die ihre Arien mit klarer Eleganz und Emotion auszustatten wusste. Khamasmie und Blumenschein teilten sich die Rollen der Jünger. Khamasmies Jesus berückte durch maximalen Ausdruck ohne überflüssiges Pathos und die für die erkrankte Saskia Klumpp eingesprungene Anette Küttenbaum gestaltete ihren Part souverän. Das intensive Werk lässt den Hörer nicht aus der emotionellen Umklammerung bis ins höchst emotionale Finale – die Worte Jesu am Kreuz und seinem Schrei in tiefster Gottverlassenheit. Bis hierhin hatten alle Beteiligten, von kleinen Unschärfen des reinen Frauenchors abgesehen, Beachtliches geleistet und einem ganz zu Unrecht übersehenen Werk einen mehr als würdigen Schliff gegeben. Besonderes Lob gehört Friedemann Johannes Wieland, der mit seinem engagierten Dirigat Chor und Orchester bestens beisammenhielt und einer großartigen Musik zu voller Wirkung verhalf.

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