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Kreis Neu-Ulm
29.11.2016

Diese Trauerrednerin sorgt für ungewöhnliche Beerdigungen

Gaby Fischer arbeitet als Trauerrednerin.
Foto: Alexander Kaya

Die 52-jährige Gaby Fischer arbeitet als freie Trauerrednerin. Was sie an alten Gepflogenheiten nervt und wieso Holzspäne manchmal besser als Blumen sind.

Die Trauergäste sammeln sich in dem einstigen Casino, im Hintergrund läuft die Country-Band Truckstop, „Ob wir feiern geh’n bis morgens um drei, deine Mutter ist immer dabei“, darauf folgt ein Gedicht zum Schmunzeln. Eine solche Trauerfeier hätte der 80-jährigen Verstorbenen gefallen, waren sich deren Töchter sicher.

Deshalb engagierten sie die freie Trauerrednerin Gaby Fischer aus Neuhausen, die rückblickend sagt: „Die Dame hat es ein Leben lang krachen lassen und war außergewöhnlich lebensfroh. Dementsprechend sollte ihr Abschied sein.“ Da passten keine hölzernen Kirchenbänke, kein kollektives Gebetsmurmeln.

Im November, anlässlich des Totensonntags oder Allerheiligen, machen sich viele Menschen Gedanken über Tod und Abschied. Fischer hat es zu ihrer Aufgabe gemacht, unkonventionelle Trauerfeiern zu organisieren. Dabei verabschieden sich Hinterbliebene etwa in einem Sitzkreis von der oder dem Verstorbenen, bei einem Spaziergang zum Grab oder anhand von Textpassagen aus dem Buch „Die kleine Möwe Jonathan“.

Einmal hat eine Familie Holzspäne statt Blumen ans Grab gelegt, weil der Verstorbene den Wald geliebt hat. „Es ist wichtig, der Feier einen persönlichen Stempel aufzudrücken“, sagt Fischer. Deshalb erfragt die 52-Jährige im Vorgespräch Anekdoten, Lieblingslieder, Ticks und amüsante Eigenarten des Toten, blättert mit den Angehörigen in Fotoalben. Vom Schönreden hält sie nichts, war jemand ein mürrischer Zeitgenosse, dürfe das auch gesagt werden.

Gabriele Fischer hatte genug von "grottigen" Beerdigungen

Wenn Gabriele Fischer redet, dann schnell und in Dialekt. Anders bei Trauerfeiern, da legt sie diese Angewohnheit ab, damit sie jeder versteht. Außerdem tauscht sie Jeans und Strickweste gegen schwarze Hosen und einen Blazer ein, um angemessen gekleidet zu sein. Darunter darf aber ein farbiges T-Shirt hervorspitzeln. Zu ihrer Arbeitsausrüstung gehört zudem eine schwarze Mappe mit Texten.

Zur selbstständigen Trauerrednerin wurde Fischer im April 2015. Einerseits, weil sie genug hatte von „grottigen“ Beerdigungen, wie sie erzählt – genug von Pfarrer, die den Namen des Toten falsch ausgesprochen hatten, von Predigen nach Schema F, von der Schockstarre und dem für sie unsäglichen Begriff Leichenschmaus. Außerdem wollte sich die gelernte Industriekauffrau beruflich weiterentwickeln.

Erfahrung im Reden vor vielen Menschen, auch ein volles Adressbuch, brachte Fischer bereits mit: Sie bietet Erlebnis-Stadtführungen in Ulm an, bei denen sie etwa in die Rolle einer Nachtwächterin oder Henkerin schlüpft. „Ich hatte erst Bedenken, dass die Menschen abgeschreckt sind von einer Trauerrednerin mit einer Gosch’ wie ein Schwert“, sagt sie. Sie sei eines Besseren belehrt worden.

Zwar seien viele überrascht gewesen, die quirlige Stadtführerin auf einer Beerdigung anzutreffen, hätten sich dann aber überzeugen lassen. „Einmal hat einer danach zu mir gesagt: Wäre der Anlass nicht so traurig gewesen, würde ich sagen: Das war ’ne geile Rede“, erinnert sich Fischer stolz. Lachen und Weinen, Tod und Leben, das gehöre für sie halt zusammen. „Ich sehe es so: Die Menschen haben nur die Seiten gewechselt.“

Will Fischer sich selbst beschreiben, dann als jemanden, der mit beiden Beinen im Leben steht. Diese Energie will sie Trauernden weitergeben. Denn viele seien beim Gedanken an den Tod überfordert, reagieren hilflos. In solchen Fällen berät Fischer die Hinterbliebenen, was für Möglichkeiten es gibt, eine Trauerfeier zu gestalten. Die meisten Ideen entspringen ihrer Kreativität, aber auch in Büchern holt sie Inspiration. „Trauerreden sind kein Spaß, aber sie haben was Echtes, Erfüllendes.“ Hochzeitsreden zu halten könne sie sich nicht vorstellen.

Wie die Trauerrednerin mit dem Thema Tod umgeht

Vor einigen Jahren hätte sich Fischer selbst nicht an das Thema Tod herangetraut. Den Gedanken an das eigene Ableben vermied sie. Diese Scheu hat sie abgelegt: Sie hat bereits Formalia geregelt, sich zum Beispiel auf einen Bestatter festgelegt. Alles andere will sie ihren beiden Töchtern überlassen, die noch nicht daran denken wollen, was danach kommt. „Ich will nicht, dass sie traurig sind. Darum mache ich ab und zu Späßle darüber“, sagt die Neuhauserin. Die Töchter seien damit aufgewachsen, dass ihre alleinerziehende Mutter unkonventionell ist.

Die meisten von Fischers Kunden wohnen in städtischem Gebiet, viele haben sich für eine Urnenbestattung entschieden. Laut Fischer gebe es nach wie vor ein Gefälle zwischen Stadt und Land. In Dörfern sei es eine größere Herausforderung, von Gepflogenheiten abzuweichen und etwa Beerdigungen frei und ohne kirchliche Elemente zu gestalten. Die 52-Jährige betont jedoch, dass sie Pfarrern nichts wegnehmen will, sondern ergänzend wirken kann. Denn ein Pfarrer habe bereits befürchtet, in Konkurrenz mit ihr zu treten. Fischer selbst ist aus der Kirche ausgetreten, ebenso viele ihrer Kunden.

„Glaube und Kirche sind zweierlei für mich“, sagt sie. Es gehe ihr darum, vorhandene, starre Strukturen und Abläufe zu durchbrechen: „Man muss ja nicht in die Leichenhalle reinhocken, nur weil man es immer gemacht hat.“ So glaubt sie, dass eine freie Gestaltung im Kommen ist.

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