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Universität

22.09.2011

Leid, das nicht in der Statistik auftaucht

Die Schäden, die Vernachlässigung, Misshandlung und sexuelle Gewalt im Kindes- und Jugendalter mitbringen, sind in erster Linie seelischer Natur. Die Thematik stand im Zentrum eines Symposiums an der Uni Ulm.
Bild: Foto: dpa

Symposium über Misshandlung und sexuelle Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Ulm Es klingt zynisch angesichts der Zahlen der Deutschen Traumafolgenkostenstudie: „Ein Land muss sich die Vernachlässigung von Kindern leisten können“, sagte Dr. Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, angesichts von jährlichen gesamtwirtschaftlichen Kosten in Höhe von elf Milliarden Euro durch die Folgen solcher traumatisierender Ereignisse. „Das ist die Hälfte des Wehretats“, erklärt Fegert.

„Vernachlässigung, Misshandlung und sexuelle Gewalt im Kindes- und Jugendalter“ war gestern das Thema eines wissenschaftlichen Symposiums an der Uni Ulm. Wo es sowohl um psychische Folgen als auch deren gesellschaftliche Folgekosten ging: Die trauma-assoziierten Gesundheitskosten in Deutschland liegen demnach bei jährlich 500 Millionen bis einer Milliarde Euro – eine Berechnung, die sich mit Studienergebnissen beispielsweise in Australien deckt. Auch dort liegen die Pro-Kopf-Jahreskosten für die Gesamtbevölkerung, die durch Traumafolgen verursacht werden, bei etwa 135 Euro – wie in Deutschland.

Oft brauche es den ökonomischen Faktor

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Die Studie basiert darauf, dass nur ein Fünftel der durch Misshandlung oder Missbrauch Schwerstbetroffenen schwere Traumafolgen entwickelt; 1,6 Millionen Menschen zwischen 15 und 64 Jahren verursachen in Deutschland kontinuierlich Traumafolgekosten – Gesundheitskosten, Kosten der Kinder- und Jugendhilfe, Wertschöpfungsverluste durch Arbeitsunfähigkeit und Sozialhilfe, Kriminalitätskosten, wenn Opfer selbst zu Tätern werden. „Das Leid der Betroffenen ist im Gegensatz zu den ökonomischen und volkswirtschaftlichen Folgen nicht in Statistiken fassbar“, sagt Fegert bei dem Symposium. „Oft aber braucht es den ökonomischen Faktor, um die Öffentlichkeit aufzurütteln.“

Kosten verursachen auch die „psychisch verheerenden Folgen“, die bis zur Berufsunfähigkeit gehen können, wenn Menschen fälschlich des Kindesmissbrauchs oder der Kindesmisshandlung bezichtigt werden, so Fegert.

Der Anteil von traumatisierenden sexuellen oder physischen Gewalterfahrungen im Kindes- und Jugendalter, die durch institutionelle Betreuer geschieht, liegt bei etwa einem Drittel bis einem Viertel. Um hier präventiv wirksam arbeiten zu können, hält Fegert Standards für unabdingbar, die der runde Tisch aus Vertretern des Justiz-, des Familien- und des Bildungsministeriums im Herbst der Bundesregierung empfehlen wird.

„Wir brauchen in Kinderheimen, Internaten und anderen Institutionen, wo Kinder betreut werden, Beschwerdemöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Die Kinder müssen über diese Möglichkeiten informiert werden und an insgesamt mehr Prozessen beteiligt werden, um in einem Klima des Ernstgenommenwerdens solche Beschwerden führen zu können.“ (köd)

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