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Ulm

16.01.2019

Moby Dick taucht wieder auf - und das in Ulm

Fasziniert von Moby Dick und Kapitän Ahab: Schauspieler Bernd Wengert (links) und Liedermacher Michael Moravek im Casino.
Bild: Florian L. Arnold

Neue Chance für einen Pottwal von Roman: Schauspieler Bernd Wengert und Musiker Michael Moravek holen „Moby Dick“ in die Gegenwart.

Der Literatursalon Donau und die Buchhandlung Aegis wollen mit ihrer Reihe „LiteraturKlassiker“ den Blick auf große, manchmal aber auch vergessene Werke der Vergangenheit schärfen. Nun stand „Moby Dick“ auf dem Programmzettel. Hand aufs Herz: Wer hat den Wälzer über den rachsüchtigen Kapitän Ahab und den weißen Pottwal von Herman Melville zur Gänze gelesen? Es dürfte auch bei der Konzertlesung im Casino am Ulmer Weinhof eher die Minderheit gewesen sein. Und doch zieht diese Parabel über menschliche Hybris, Wahnsinn und die Überlegenheit der Natur immer noch und kann, wie im Falle von „November In My Soul“, zu einem ganz gegenwärtigen Faszinosum werden, das mit den erzeugten Bildern bis in die nächtlichen Träume hinein nachwirkt.

Zu verdanken ist dies neben Autor Melville den Akteuren Bernd Wengert und Singer-Songwriter Michael Moravek, die aus dem massiven Roman ein sehr schlüssiges Extrakt herstellten, eine vom ersten Moment an packende Symbiose aus Text und Musik. Weit über ein Jahr haben Wengert und Moravek ihr Konzept ausgefeilt – man merkt dem fertigen Abend an, dass nichts leichtfertig hergestellt wird, dass jede Szene, jedes Wort auf Wirkung bedacht ist. Und die ist kolossal. Schauspieler Wengert gibt überzeugend als Ich-Erzähler Ismael, einen jungen, anfangs ganz naiven Mann, verkörpert ebenso einnehmend den von Irrsinn und Besessenheit zerfressenen Kapitän Ahab. Natürlich kennt das Publikum die Story. Gregory Peck als Ahab, vertäut mit dem weißen Wal seinem nassen Ende entgegentaumelnd, dieses Bild sitzt. Und doch wissen Wengert und Moravek dem bekannten Stoff neue Facetten abzugewinnen.

Kapitän Ahabs Mantel hängt am Kleiderständer

Sehr behutsam bauen sie aus Tönen und Worten die Spannung auf. Man hängt gebannt an des Schauspielers Lippen, wenn er die erste Walfang-Szene aufbaut, wenn sich das Tempo aufschaukelt und final die „Pequod“ samt Besatzung von Moby Dick versenkt wird. Das Bühnenbild ist spartanisch: Es genügen ein Kleiderständer mit Ahabs Mantel und eine große Kiste, auf der beide Akteure immer wieder sitzen. Wengert erzeugt die packende Stimmung ganz ohne große Gesten und Requisiten – beeindruckend. Moravek an seiner Seite ist kongenialer Dialogpartner mit Gitarre und Gesang. Diese Musik aber ist viel mehr als musikalischer Füllstoff, hier entstehen Kontrast und Reibung zur Geschichte, und hier wird die fast schon archaische Rachemär zur Allegorie auf heutige Ahabs und Moby Dicks. Moraveks Songwriting ist schlank, klar, gibt der Geschichte einen eigenen Rhythmus und Flow.

Eine unvergessliche Begegnung mit einem „klassischen“ Werk der Literatur, für das das Casino einen herrlich intimen Rahmen bot. (az)

Beim letzten Abend der Klassiker-Reihe geht es am Donnerstag, 24. Januar, um „Die Regentrude“ von Theodor Storm. Es liest der Schauspieler Timo Ben Schöfer. Beginn ist um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Aegis. Karten gibt es an der Abendkasse.

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