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Ulm

19.12.2020

Münsterbauhütte ist Unesco-Kulturerbe: Was bedeutet das für die Stadt Ulm?

Die Gerüste am Turm zeigen es: Am Ulmer Münster wird renoviert und gearbeitet, und das schon seit Jahrhunderten. Die Tradition der Bauhütten, die solche Gebäude errichtet haben und instandhalten, hat die Unesco ausgezeichnet.
Bild: Judith Kubitschek, dpa

Plus Nachdem die Tradition der Bauhütten jetzt zum immateriellen Kulturerbe gehört, zeigt sich Ulm stolz. Doch was hat die Stadt davon?

Die Freude ist groß. Die Kirche jubelt und die Stadt Ulm fühlt sich geehrt, denn die Münsterbauhütte ist jetzt Teil des Unesco Kulturerbes. Nur – was steckt eigentlich hinter dem Titel? Und was hat Ulm davon?

Die UN-Kulturorganisation Unesco hat am Donnerstag das Bauhüttenwesen in sein Register „guter Praxisbeispiele“ zum Erhalt des „immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen. Dieser Titel ehrt den „internationalen Modellcharakter“ der Bauhütten-Tradition – und damit auch die kunstvolle Handwerksarbeit der Bauhütte, die das Ulmer Münster pflegt.

Das immatrielle Kulturerbe der Unesco - was bedeutet das überhaupt?

Weltkulturerbe? Welt- oder Kulturerbe? Immateriell? Da geriet selbst Ernst-Wilhelm Gohl, Dekan des Ulmer Münsters, am Anfang ins Schleudern: Auch er habe die Unterschiede zuerst nicht verstanden, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Ein Vertreter der Unesco habe es ihm aber am Beispiel von afrikanischen Stämmen erklärt. Diese hätten oft keine festen Lebensorte, Stätten oder Bauwerke. Doch auch die Lebensweise dieser Menschen sei schützenswert und besonders – also ein immaterielles, nicht fass- und greifbares, aber wertvolles Erbe. Zum immateriellen Kulturerbe zählen vor allem lebendige Traditionen, wie Handwerkstechniken und Musik. Die Unesco unterstützt den Schutz und Erhalt dieses Erbes seit 2003. Das immaterielle Kulturerbe ist aber nicht mit dem Welterbe zu verwechseln – das zeichnet Bauwerke, Stätten und Denkmäler aus.

Steinmetz Marinus Bair arbeitet in der Bauhütte.
Bild: Judith Kubitschek, dpa

Zu den ersten Gratulanten zählt Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch. Er richtet seine Glückwünsche an das Münsterbauamt, das mit der evangelischen Gesamtkirchengemeinde die Bewerbung organisiert hat: „Eine hoch verdiente und lange überfällige Auszeichnung!“, schreibt Czisch. „Das europäische Bauhüttenwesen ist faszinierend. Bereits im Mittelalter bestand ein reger europaweiter Austausch von Ideen und hoch spezialisierten Bauleuten, wie es die Baumeister und Steinmetze der Gotik zu ihrer Zeit waren. Diese Tradition setzt sich in den Bauhütten der Neuzeit fort, sie sind damit lebendige Zeugnisse europäischer Kulturgeschichte.“

Auch die Ulmer Münsterbauhütte zählt jetzt zum Unesco-Kulturerbe

Die 18 ausgezeichneten Bauhütten in Europa beschreiben ihre Arbeit dagegen ganz nüchtern auf ihrer Website: „Im Wesentlichen verstehen sich die Bauhütten als Kompetenzzentren rund um den Stein.“ Bauhütten haben sich im Mittelalter an den Baustellen der Großkirchen in Europa gebildet. Verschiedene Gewerke arbeiteten dort Hand in Hand, international. Ab dem 19. Jahrhundert lebte diese Idee von Neuem auf und in Ulm wird sie seit 1844 wieder gepflegt. Viele hoffen jetzt, dass sich die Traditionsarbeit am Ulmer Münster künftig besonders bezahlt macht. Vielleicht auch wörtlich.

Bauhüttenmeister Andreas Böhm leitet die Arbeiten.
Bild: Judith Kubitschek, dpa

Immaterielles Kulturerbe – also abstrakt, nicht aus Stoff und Materie. Und trotzdem ist das Erbe sicht- und hörbar: Steinmetze hämmern in den Werkstätten, im Schatten des Münsters. Der Bau überragt die Stadt, aus Stein gemeißelt, real und greifbar – und die Besuchermassen rund um die Kirche sind an manchen Tagen nicht zu übersehen. Silke Reiser behält den Überblick. Sie leitet den Besucherbetrieb im Münster, sie weiß, wie viele Menschen in Deutschlands größtem evangelischen Gotteshaus ein- und ausgehen. Reisers Reaktion auf den Titel: „Absoluter Jubel“, sagt sie. „Von dieser Auszeichnung erhoffen wir uns einen deutlichen Aufschwung im Tourismus.“

2019 erlebte das Ulmer Münster ein Rekordjahr

2019 erlebte das Gotteshaus ein Rekordjahr. Im Schnitt schritten 2900 Besucher täglich durch die Münsterportale. Reiser erklärt: „Etwa eine Million Menschen haben 2019 das Münster besucht, und eigentlich haben wir jedes Jahr einen Zuwachs.“ Eigentlich. Denn im Corona-Jahr steckt der Tourismus tief in der Schockstarre. „Im Moment ist die Lage schwierig, unsere Besucherzahlen sind 2020 um die Hälfte eingebrochen.“ Der Unesco-Titel könnte aber neuen Schwung bringen, sobald die Pandemie überwunden ist. Reiser scheint davon überzeugt: „Das zeigt auch die Erfahrung anderer Kulturerbestätten.“

Dirk Homburg von der Ulm/Neu-Ulm Touristik GmbH sieht das genauso: „Die Aufmerksamkeit steigt mit so einem Titel, diesen Effekt haben wir schon beim Löwenmenschen im Museum Ulm erlebt.“ Homburgs Tourismus-Agentur will nun die Chance nutzen. „Das Münster war schon immer die Top-Sehenswürdigkeit der Stadt“ – jetzt könne man aber nicht nur den wohl höchsten Kirchturm der Welt, sondern auch das Kircheninnere stärker ins Licht rücken, die Feinheit der Baukultur, die in den Mauern steckt.

Heidi Vormann, Bünsterbaumeisterin, freut sich über den Unesco-Titel

„Ich habe den Bewerbungsprozess natürlich mitverfolgt“, sagt eine Frau, die die Zukunft des Münsters prägen wird. Heidi Vormann tritt 2021 das Erbe von Michael Hilbert an. Bis zu seinem Tod im Frühjahr 2020 hatte Hilbert das Projekt Kulturerbe vorangebracht, nun wird Vormann seine Nachfolgerin als Münsterbaumeisterin. „Die Aussage des Unesco-Titels muss man global betrachten. Die Auszeichnung ehrt alle Handwerker und Experten, die an einem Dom, einem Münster, einer Großkirche arbeiten“, sagt die Architektin aus Bamberg. In Bauhütten werde Wissen bewahrt und ins Hier und Heute übersetzt. Was ihr an Ulms Münsterbauhütte imponiert? „Tradition wird hier sehr stark gepflegt. Das Alte wird hier sehr geschätzt, aber man verschließt sich nicht vor neuen Technologien.“

Brachte die Bewerbung ins Rollen: Michael Hilbert.
Bild: Judith Kubitschek, dpa

Vormann spricht mit viel Respekt von der Leistung ihres Vorgängers: „Der Titel ist auch ein großes Verdienst von Herrn Hilbert.“ In diesen Tagen tauscht sich die Architektin oft mit Andreas Böhm aus, dem Bauhüttenmeister. Böhm wacht über das große Bauerbe, und darauf will Vormann aufbauen. „Ich freue mich, dass ich dazugehören darf.“

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