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Landkreis Neu-Ulm

20.11.2019

Personalnot: Bei den Wirten ist Fantasie gefragt

Sie müssen schnell arbeiten – und das oft bis spät in der Nacht: Mitarbeiter in der Gastrobranche. Immer weniger Menschen wollen den Job machen, den Wirten geht das Personal aus. Nun ist Fantasie gefragt.

Plus Der Personalmangel macht den Gastronomen in der Region zu schaffen. Vier Wirte berichten, wie sie damit umgehen. Einer baut sogar ein Haus für seine Mitarbeiter.

Das Schlössle hat im November nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet, ab Dezember empfängt die Brauereigaststätte auch mittwochs wieder Gäste. Im Sommer hatte das Lokal noch täglich geöffnet. Doch das sei nicht mehr zu stemmen, sagt Chefin Christa Zoller: „Wir haben die Notbremse gezogen, damit wir wieder Luft holen können.“ Erst sei ein Hauptkoch ausgefallen, dann seien studentische Aushilfen im Service abgesprungen. Solche drastischen Personalprobleme sind in der Branche nicht neu. Sie plagen auch andere Wirte: So musste der stadtbekannte Gasthof Krone in Illertissen 2018 nach 30 Jahren schließen, unter anderem aus diesem Grund. Der Ulmer Großgastronom Ebbo Riedmüller beschäftigt nach einem Gerichtsprozess keine Aushilfen mehr. Derweil setzt Johann Britsch vom Gasthof Hirsch in Finningen auf außergewöhnliche Ideen.

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Schlössle in Offenhausen will im Sommer wieder täglich öffnen

Im Sommer, hofft Schlössle-Wirtin Zoller, kann das Offenhauser Gasthaus wieder täglich öffnen. „Wenn wir eine Lösung finden“, schränkt sie ein. Personalprobleme seien in der Branche nicht neu. Aber zuletzt seien noch nicht einmal mehr Bewerbungen auf eine Stelle als Koch eingegangen. „Wir bemühen uns um gute Löhne“, sagt Zoller. Aber weil sie keine 25 Euro für ein Schnitzel verlangen könne, könne sie auch nicht uneingeschränkt viel Geld an ihre Mitarbeiter zahlen.

Wenig Mitarbeiter heißt wenig Umsatz: 2018 schloss die Krone in Illertissen.

Probleme mit dem Personal plagen auch andere Wirte. Es sind Probleme ganz unterschiedlicher Art und mit ganz unterschiedlichen Folgen. Der Ulmer Großgastronom Eberhard „Ebbo“ Riedmüller hat sich nach einem Gerichtsprozess dazu entschieden, überhaupt keine Aushilfen mehr zu beschäftigen – rund 200 im Jahr seien es davor gewesen. Und Johann Britsch vom Hotel-Restaurant Hirsch Finningen setzt auf ungewöhnliche Ideen und teure Investitionen, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu behalten.

Personalnot: Bei den Wirten ist Fantasie gefragt

Prozess um Arbeitszeiten: Barfüßer-Chef musste zahlen

Sogar der Richter habe gesagt, dass er ihn verstehen könne, berichtet Riedmüller vom Prozess vor rund drei Jahren. Dennoch musste der Ulmer Großgastronom zahlen – wegen Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz. Aushilfen, die auch andere Arbeitsstellen hatten, haben durch ihre Einsätze in Riedmüllers Lokalen insgesamt mehr als 48 Stunden in der Woche gearbeitet – oder mehr als zehn Stunden am Tag. Doch beides ist verboten. Riedmüller ist deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Zur Höhe will der Wirt nichts sagen. Nur so viel: „Der Richter war gnädig, andere hat es härter erwischt.“

Volles Haus: Wenn das Geschäft brummt, muss genug Personal her.

Die Strafe habe ihn getroffen und geärgert. Einen größeren Schaden sieht Riedmüller aber bei den ehemaligen Aushilfen. „Es geht um die Leute, die nicht mehr die Chance haben, durch mehr Arbeit mehr zu verdienen“, sagt der Unternehmer, der unter anderem die Barfüßer-Brauhäuser in Ulm und Weißenhorn betreibt und etwa 1000 Mitarbeiter beschäftigt. Er habe niemanden gezwungen, in den Lokalen auszuhelfen. Manche Arbeitnehmer bräuchten das zusätzliche Gehalt schlicht und einfach, um sich einen Urlaub oder auch die Wohnung oder das Auto finanzieren zu können. Früher hätten beispielsweise viele Friseurinnen oder Kassiererinnen in seinen Lokalen ausgeholfen. „Das Gesetz geht am Menschen vorbei“, kritisiert Riedmüller. Aushilfen, die nach Feierabend nur noch für zwei Stunden bedienen dürfen, benötige er nicht. „Wir brauchen jemanden für sechs oder acht Stunden.“

Wirte im Landkreis Neu-Ulm: Kritik am Arbeitszeitengesetz

Johann Britsch, der das Hotel-Restaurant Hirsch in Finningen betreibt, ist gleicher Meinung. Das Arbeitszeitgesetz sei antiquar, sagt er. Gerade von jungen Leuten höre er immer wieder den Wunsch nach mehr Flexibilität: „Die würden lieber nur vier Tage in der Woche arbeiten und dafür dann zwölf Stunden“, berichtet der Gastronom. „Das Gesetz hinkt dem Bedarf der Arbeitswilligen hinterher“, bemängelt er. Britsch beschäftigt 130 Mitarbeiter, die meisten von ihnen sind fest angestellt. Schon seit Längerem hat der Hotelier Wohnungen für seine Mitarbeiter angemietet.

Hirsch in Finningen: Neues Personalhaus soll 4,5 Millionen kosten

Nun lässt er für rund 4,5 Millionen Euro ein Personalhaus bauen. Im Februar soll es fertig sein. In dem Gebäude werden voll möblierte Zimmer eingerichtet, aber auch Wohnungen für eine Familie mit zwei Kindern. Britsch will für jeden Angestellten das passende Angebot parat haben. „Wir wollten unserer Zeit voraus sein. Aber eigentlich sind wir schon zu spät dran“, sagt Britsch. Denn durch den demografischen Wandel werde es immer schwieriger, Personal zu finden – nicht nur in der Gastronomie. Der Finninger beschäftigt beispielsweise bereits einige Angestellte, die aus Ungarn kommen. Für solche Mitarbeiter wäre das Personalhaus prädestiniert. Sie könnten zunächst in ein möbliertes Zimmer ziehen. Später, wenn die Angestellten sicher sind, dass sie bleiben möchten, könnte die Familie nachziehen und gemeinsam in eine größere Wohnung wechseln.

Am Gasthof Hirsch in Finningen soll ein Haus für Mitarbeiter entstehen.

Die Konkurrenz ist jedoch groß – und kommt nicht nur aus der Region. Bei einer Veranstaltung an der Berufsfachschule Bad Wörishofen hat Johann Britsch zwei Headhunter des Hamburger Fünf-Sterne-Hotels Kempinski getroffen. Die beiden boten Auszubildenden Geld dafür, zum Arbeiten in die Hansestadt zu ziehen.

Krone in Illertissen: 2018 musste sie schließen - neuer Pächter übernimmt

Wie schwer es ist, im Gastrobereich genug Personal zu bekommen, zeigte sich im Jahr 2018 auch in Illertissen: Nach drei Jahrzehnten musste Wirt Jürgen Willer das bekannte Speiselokal schließen. Ein Grund: Zu wenige Mitarbeiter. Er habe Anfragen für Catering ablehnen müssen, weil nicht genug Personal zur Verfügung stand, sagte er damals. Sein Team sei zuletzt derart geschrumpft, dass es nicht ausreichte, wenn an Sommerabenden draußen alle 80 Plätze besetzt waren. Inzwischen hat die Krone mit neuem Pächter wiedereröffnet. Ein grundsätzliches Problem dürfte allerdings bleiben: die Konkurrenz. Im Allgäu und im Bodenseeraum würden höhere Gehälter bezahlt, hatte Willer damals gesagt. Einige Wirte stellten ihren Mitarbeitern Wohnungen oder Dienstwagen, um sie zu halten. Eine Idee für die Zukunft?

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