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Neu-Ulm

05.05.2019

Petruskirche in Neu-Ulm: Zwei Türen und ihre Geschichte(n)

Die evangelische Petruskirche in der Neu-Ulmer Innenstadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut und erweitert. Dazu gehörten zwei neue Tore mit Bronzereliefs, die ihre eigene Bedeutung haben.
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Die evangelische Petruskirche in der Neu-Ulmer Innenstadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut und erweitert. Dazu gehörten zwei neue Tore mit Bronzereliefs, die ihre eigene Bedeutung haben.
Bild: Alexander Kaya

Mit dem Wiederaufbau der Petruskirche nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Neu-Ulmer Gotteshaus neue Eingänge. Ein Ulmer Künstler hat sie gestaltet.

Zwischen April und September feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, tut in diesen Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: die Portale der evangelischen Petruskirche.

Mit dem Wiederaufbau und der Erweiterung der im Krieg stark beschädigten Petruskirche erhielt das Neu-Ulmer Gotteshaus zugleich neue Eingänge. Hatte der 1867 eröffnete, am Stil der Frühgotik orientierte erste Kirchenbau lediglich eine Mittelpforte besessen, wurden dem Erweiterungsbau 1972 zwei große Bronzeportale in die äußersten Enden der Nordostfront eingesetzt. Die künstlerische Ausgestaltung der neuen Tore besorgte der 1991 im Alter von 70 Jahren gestorbene Ulmer Bildhauer, Grafiker und Maler Günther Späth.

Günther Späth wollte eigentlich Kirchenmusiker werden

Dass die Petrusgemeinde den Auftrag an Späth vergab, verdankte er wohl dem mit ihm befreundeten Architekten Baron von Malsen, der den Wiederaufbau der Kirche leitete. Allerdings war Späth dem Kirchenvorstand keineswegs unbekannt. Schließlich hatte er Kirchenmusiker werden wollen und als Jugendlicher schon in der Petruskirche die Orgel gespielt. Doch dann verlor Späth im Kriegseinsatz in Russland die linke Hand, was ihm zunächst der Vorwurf der Selbstverstümmelung eintrug. Das Verfahren, das mit der Todesstrafe hätten enden können, wurde eingestellt. Der Traum vom Kirchenmusiker aber war dahin. Späth ließ sich an der Münchner Akademie zum Maler und Bildhauer ausbilden und widmete sich vor allem religiöser Kunst. Gewohnt hat er mit Ehefrau Thea und den sieben Kindern in Ulm und in Ludwigsfeld. Ateliers unterhielt er nacheinander in Reutti, in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche – dem heutigen Haus der Begegnung in Ulm – und in der Adlerbastei.

Petruskirche in Neu-Ulm: Zwei Türen und ihre Geschichte(n)

Finanziert wurden die Arbeiten auch über eine Stiftung der Stadt Neu-Ulm

Finanziert wurden Späths Arbeiten für die Petruskirche aus Mitteln der Kirchengemeinde und einer Stiftung der Stadt Neu-Ulm. Dargestellt hat er die wechselvolle Geschichte des Apostels Petrus, wie er Jesus erstmals begegnet, sich mit ihm überwirft, ihn nach der Gefangennahme verleugnet und schließlich von Jesus als der Fels eingesetzt wird, auf dem die Kirche gebaut ist.

Um die Deutung der auf den ersten Blick nicht gleich verständlichen kleinen Kunstwerke an den Bronzeportalen haben sich manche Kirchenleute bemüht. Den Anfang machte Dekan Klaus Peter Schmid in seiner Predigt zur Übergabe der Reliefs am 26. November 1972. In den Neu-Ulmer Gemeindebriefen für die Monate Januar bis Juli 1973 lieferte Schmid die schriftliche Kurzfassung seiner Predigt nach, indem er monatlich eine der sieben von Späth entwickelten Szenen deutete. Im evangelischen Gemeindeblatt „Brücke“ für August und September 2008 greift der damalige Petruskirchenpfarrer Joachim Pennig das Thema noch einmal auf. Erstmals trennt er die beiden Portale, indem er das linke die „Evangeliumstür“ nennt, das rechte die „Aposteltür“. Natürlich ist heute eine Erläuterung der Portalszenen auch im Internet zu finden, unter www.petruskirche.telebus.de.

Was auf der Evangeliumstür zu sehen ist

Die von Pennig so bezeichnete Evangeliumstür trägt drei Bilder, in die mehrere kleine Szenen verwoben sind. Im Zentrum steht ein aufgerissener, zu einem Kreuz stilisierter Baumstamm, mit Jesus als Schmerzensmann, die Hände gefesselt, die Dornenkrone auf dem Kopf, ihm zu Füßen Petrus mit vors Gesicht gepressten Händen. Die Szene folgt der Ankündigung Jesu, er werde getötet, aber am dritten Tag wieder auferstehen. „Herr, das verhüte Gott“, entfährt es daraufhin dem Petrus, der wohl auch um sein eigenes Schicksal fürchtet. Späth lässt ihn „querliegen“ zum Gottessohn. Unterhalb dieser Szene der krähende Hahn und das leere Grab. Links oben stehen sich Jesus und Petrus mit ausgestreckten Armen gegenüber. „Du bist Petrus (lateinisch/griechisch: der Fels), und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Dabei reicht er Petrus den Schlüssel. Die sich überschlagenden Wellen auf dem rechten Türflügel neben dem Kreuz beziehen sich auf den österlichen Fischzug am See Tiberias wie ihn Johannes im 21. Kapitel seines Evangeliums schildert. Links oben das Fischerboot, daneben Petrus, der sich vor Freuden ins Wasser stürzt, als er am Ufer Jesus erkennt. Rechts liegen sich beide in den Armen.

Das rechte Kirchenportal gilt nicht mehr allein dem Petrus. Im Zentrum versammelt Späth die Jünger Jesu symbolisch unter dem Kreuz und lässt sie das Pfingstwunder erleben. Der Türgriff bildet einen Baum ab, vermutlich eine Feige, und steht allgemein für die Aufforderung, Früchte zu tragen. Am linken Rand erscheint der römische Hauptmann Cornelius, dessen Gebet nach der Apostelgeschichte erhört wurde.

Rechts ist die Vision des Petrus zu sehen, in der er einen Sack mit angeblich unreinen Tieren wahrnimmt, die er als gesetzestreuer Jude nicht nutzen darf. Doch er gewinnt die Erkenntnis, dass es dieses Unreine gar nicht geben darf, dass Grenzen zwischen Klassen, Religionen oder sozialen Schichten nicht bestehen dürfen. „Mit Bedacht haben wir auch diese Szene an der Tür unserer Kirche anbringen lassen“, schreibt Dekan Peter Schmid. Und Pfarrer Joachim Pennig schließt seinen „Brücke“-Text: „Geht es auf der Evangeliumstür um den Glauben, geht es auf der Aposteltür um die Ethik.“

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