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Ulm

26.10.2020

Pink Guerilla am Theater Ulm: Wütendes Mädchen, Symbol der Rechtsextremen

Ist Sunny (Nicola Schubert) ein rebellischer Teenager oder ein Opfer, das zum Spielball zwischen Hass und Verehrung geworden ist?
Bild: Martin Kaufhold

Plus Pink Guerilla ist ein packendes Jugendstück mit Tempo und Feingefühl: Eine Jugendliche wird vergewaltigt, macht ihrem Zorn Luft und löst eine Katastrophe aus.

Keine Frage, das Smartphone hat als ständig greifbares Kommunikationsmittel mit immer griffbereiter Kamera unsere Gesellschaft verändert wie kaum eine andere Erfindung. Mit dem Jugendtheaterstück „Pink Guerilla“ hat sich Autor Daniel Ratthei diesem Thema angenommen. Die Schauspielerin Nicola Schubert ist dafür in die Monolog-Rolle der 16-jährigen Sunny geschlüpft und glänzte bei der Uraufführung im Podium des Theaters Ulm.

Eine Partynacht hat das Leben der Jugendlichen verändert: Sie wurde Opfer eines sexuellen Übergriffs. Sunny filmt ihre Flucht und stellt die Bilder ins Internet: „Das Handy wird zum Auge“, sagt sie und wird bald von den Klickzahlen auf den sozialen Netzwerken überwältigt. Sunny lässt sich auf breiter Plattform über die sexuelle Gewalt von Migranten aus und schildert ihre Angst vor Zuwanderern. Ihre Follower schreien nach immer mehr polarisierter Meinung.

"Pink Guerilla" ist eigens für das Theater Ulm geschrieben worden

Sunny polemisiert über die Rufe des Muezzins, die bald in unseren Städten zu hören sein sollen, oder befürchtet, dass in Zukunft keine blonden Kinder mehr auf den Spielplätzen zu sehen sind. Mit polemischen Fragen spitzt sie die Diskussion zu: „Gegen Schweißfüße gibt es Einlegesohlen und gegen Mundgeruch Kaugummi – aber was gibt gegen Vergewaltigungen?“ Für Sunny zählen nur die Daumen der Abonnenten, ob nach oben oder unten gerichtet. Jeder Kommentar wird zur Trophäe. Dies alles geschieht abseits des behüteten Elternhauses – und als die Familie von der zweifelhaften Karriere ihrer Tochter erfahren, ist es bereits zu spät: Sunny ist zur Symbolfigur rechtsradikaler Mädchen im Internet geworden.

Am Ende lässt das Stück den Zuschauer mit der Frage nach der Schuld an der Katastrophe im Ungewissen. Ist Sunny nur ein rebellischer Teenager, der im Affekt redet, oder ist sie als Opfer zum Spielball der Community zwischen Hass und Verehrung geworden? Immer wieder lässt der Autor Motive aus der Griechischen Mythologie einfließen, wenn er seine Protagonisten etwa vom „Freispruch als hölzernes Pferd“ sprechen lässt oder wenn das Handy nach Apollon, dem Gott der Weissagung, benannt ist. Selbst der Name Sunny ist der Kassandra als tragische Heldin entlehnt.

In Zusammenarbeit mit der Regisseurin und Leiterin des Jungen Theaters Ulm ist das Stück für Zuschauer ab 14 Jahren entstanden. Auch wenn die Schauspielerin schon jenseits der 30 ist, fällt es ihr nicht schwer, den Zuschauer mit viel Tempo und gleichzeitigem Feingefühl über rund eine Stunde in die intime Gedankenwelt eines Teenagers zu entführen.

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