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Ulm

03.08.2020

Polizeipräsident Bernhard Weber im Interview: Wie sicher ist Ulm?

Bernhard Weber, der im Oktober 61 Jahre alt wird, ist seit 1. August 2019 Leiter des Polizeipräsidiums Ulm.
Bild: Alexander Kaya

Plus Ulms Polizeipräsident Bernhard Weber spricht ein Jahr nach seinem Amtsantritt über aufsehenerregende Kriminalfälle und die Arbeit in der Corona-Krise.

Herr Weber, Sie sind seit einem Jahr Ulmer Polizeipräsident. Wenige Tage vor Ihrem Amtsantritt starb Ihr Vorgänger Christian Nill an einer Krebserkrankung. Haben Sie sich überhaupt auf die neue Aufgabe freuen können?

Wir waren eng miteinander verbunden, es war ein harter Schlag. Auf das Amt habe ich mich trotzdem gefreut, das muss ich ganz klar sagen. Es ist vielleicht das schönste, das die Polizei Baden-Württemberg zu vergeben hat.

Sie kannten Ulm bereits, von 2014 bis 2017 waren Sie hier Leiter der Direktion Polizeireviere. Hat sich in Ihrer Abwesenheit viel verändert?

Polizeipräsident Bernhard Weber im Interview: Wie sicher ist Ulm?

Es war vieles noch so, wie ich es kannte. Das war ein unglaublicher Vorteil. Ich kannte die Menschen, die Prozesse, die Hintergründe. Darauf konnte ich aufbauen, es gab keine großen Reibungsverluste.

Hat das in der Corona-Krise geholfen?

Die Polizei ist es gewöhnt, in Drucklagen schnell zu reagieren, egal ob man sich vorher kannte oder nicht. Das ist sehr wichtig, wenn man Situationen wie die Corona-Krise händeln muss.

Ihr Zwischenfazit der Krise?

Die Polizei muss funktionieren. Wenn sie ausfällt, sind wir nahe an der Anarchie. Das Problem war: Wenn in einer Dienstgruppe einer erkrankt ist, fallen alle aus. Wir mussten also ausreichend Personalressourcen schaffen, um eventuelle Ausfälle egalisieren zu können. Das war eine sehr große Aufgabe, aber wir haben sie hingekriegt.

Wie haben Sie das gemacht?

Wir haben bei jedem Revier eine zusätzliche neue Dienstgruppe geschaffen. Wir haben die Gruppen getrennt, es durfte keine Kontakte geben. Wir haben alles getan, um Ansteckungsketten zu durchbrechen. Das war sehr erfolgreich: Wir hatten ganz wenige Erkrankungen und das waren Urlaubsrückkehrer zu Anfang. Die Polizei war immer da. Wesentlich dazu beigetragen hat die hohe Disziplin meiner Kolleginnen und Kollegen, die diese strapaziösen Maßnahmen mitgetragen haben.

Hat das viele Überstunden verursacht?

Die Mehrarbeit war nicht signifikant. Wir haben auch personelle Unterstützung vom Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen bekommen – insbesondere, um die Einhaltung der Corona-Verordnungen kontrollieren zu können.

Wie liefen die Kontrollen?

Die Kollegen waren vor allem an den bekannten Hot-Spots unterwegs: am Donauufer und anderswo, wo sich die Menschen gerne treffen. Die Verordnungen waren nicht einfach zu verstehen, da hat man den Menschen sehr viel zugemutet. Deswegen haben wir auf Kommunikation gesetzt.

Gab es viele Bußgelder?

Wir haben nahezu 10.000 Personen kontrolliert und in einigen Fällen Anzeigen erstattet, wenn die Leute uneinsichtig waren. Bußgelder verhängt die Bußgeldstelle.

Unabhängig von Corona: Was sind die drängendsten Probleme in Ulm?

Ulm hat momentan keine riesigen Sicherheitsprobleme. Zum Jahreswechsel hatten wir viele Straftaten zum Nachteil älterer Menschen, so heißt das in unserem Jargon: der Polizistentrick, der Enkeltrick. Das spielt immer noch eine Rolle, aber in geringerem Maße.

Was tun Sie dagegen?

Wir klären auf: Potenzielle Opfer dürfen nicht darauf eingehen und müssen sofort die Polizei informieren. Unsere Aufklärungsarbeit zeigt Wirkung. Die Fälle bleiben Gott sei Dank zu 99 Prozent im Versuchsstadium. Aber die Schäden sind sehr hoch, in einem Fall waren es 700.000 Euro.

Wie sicher ist die Stadt? Gerade läuft der Prozess um die Vergewaltigung einer 14-Jährigen durch fünf Asylbewerber in der Halloween-Nacht.

Die Frage ist spannend. Ich denke da an Stuttgart: Wer hätte vor ein paar Wochen gedacht, dass das möglich ist, was am Schlossplatz und am Eckensee passiert ist? Alles kann sich sehr schnell drehen und wenden. Aber ich sage: Ulm ist sicher.

Muss eine 14-Jährige nachts allein in Ulm unterwegs sein können?

Es muss möglich sein, dass jeder zu jeder Zeit in der Stadt sicher ist. Viele Angsträume gibt es aber nur in den Köpfen – an einem dunklen Ort passiert vielleicht in Wirklichkeit nie etwas. Eins meiner Ziele ist, dass wir in Ulm überall und möglichst immer präsent sind. Das funktioniert gut. Es gibt keine Zeit, zu der die Polizei nicht draußen ist.

Sie haben einmal gesagt, das schlechte Sicherheitsgefühl werde herbeigeredet. Was kann man dagegen tun?

Die Vergewaltigung war Gott sei Dank ein Einzelfall. Wir haben sehr wenige solcher Fälle. Aber es gibt Protagonisten, die es darauf abgesehen haben, Unsicherheit zu produzieren. Dem Einhalt zu gebieten, ist sehr schwierig. Wir können gegensteuern, indem wir die Realität darstellen.

Wer will gefühlte Unsicherheit?

Ich kann niemanden persönlich benennen. Aber diejenigen, die die Sicherheit schlechtreden, tun das ohne objektiven Grund. Denn es gibt ja Tatsachen. Natürlich haben wir ein Dunkelfeld. Aber das, was wir ermitteln, ist oftmals nicht mit dem in Einklang zu bringen, was herbeigeredet wird. Nehmen wir das Beispiel der Vergewaltigung. Da kann man leicht sagen, so etwas passiere ständig. Aber wenn diejenigen Farbe bekennen müssen, die so etwas behaupten, dann sind sie schnell am Ende mit ihrer Argumentation.

Der zweite aufsehenerregende Fall Ihrer Amtszeit war die Giftattacke auf fünf Säuglinge in der Kinderklinik. Im Labor des Landeskriminalamts ist ein Fehler passiert. Hätte die Polizei etwas besser machen können?

Wir haben richtig und gut gearbeitet. Wir haben intensiv ermittelt und das tun wir immer noch. Aber irgendwann sind alle Möglichkeiten der Aufarbeitung erschöpft.

Wird der Fall jemals gelöst?

Das wird sicherlich nicht ganz einfach. Aber ich bin bei nahezu allen unbekannten Fällen sehr, sehr zuversichtlich, dass es Erfolge geben wird. Zumindest dann, wenn Kommissar Zufall dazukommt. Ich bin auch beispielsweise beim Fall Maria Bögerl in Heidenheim zutiefst überzeugt, dass wir irgendwann eine Täterschaft ermitteln können.

Ein anderes Thema, das derzeit viel diskutiert wird: Kürzlich hat die Polizei Bürger dazu aufgerufen, Raser und Poser zu melden. Spricht da die Verzweiflung?

Nein, sicherlich nicht. Wir sind seit einiger Zeit dabei, Kontrollaktionen durchzuführen. Dieser Aufruf an die Bürger, uns zusätzliche Informationen zu geben, ist ein Teil unseres Gesamtkonzepts. Wir wissen, dass es neue Treffpunkte gibt, die haben wir im Visier. Demnächst wird es wieder intensive Kontrollen geben, um dem Einhalt zu gebieten.

Kritiker bezeichnen den Aufruf als eine Vorverurteilung, Bürger würden gegeneinander aufgehetzt.

Es geht um Raser. Es geht um Poser, die mit lauten Fahrten angeben wollen. Und es geht um Tuner, die ihr Auto derart umbauen, dass es in manchen Fällen nicht mehr verkehrssicher ist. Wenn sich nach einer Mitteilung herausstellt, dass nichts war, dann war da nichts. Es geht um ganz normales Zeugenverhalten. Es gibt auch die Aktion „Tu was“, eine Initiative für Zivilcourage, das geht in die gleiche Richtung. Auch unter Nachbarn sind verdächtige Wahrnehmungen wichtig. Wenn uns jemand rechtzeitig mitteilt, dass da jemand langsam mit dem Auto die Straßen abfährt, kontrollieren wir und können damit vielleicht den einen oder anderen Einbruch verhindern. Wir wollen keine Aufpasser und keine Blockwarte, wir wollen einfach Aufmerksamkeit.

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