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Ulm

06.08.2020

Prozess um Sprengstoffanschlag in Ulm: Wie ein Mann an Geld kommen wollte

Mit einem Sprengstoffanschlag auf einen Fahrkartenschalter wollte sich ein 32-jähriger Ulmer Geld verschaffen.
Bild: Boris Roessler, dpa (Archiv)

Plus Ein 32 Jahre alter Ulmer wollte sich die Weihnachtsfeiertage mit mehreren Tausend Euro versüßen. Doch jetzt musste er sich vor Gericht verantworten.

Mit einem Sprengstoffanschlag auf einen Fahrkartenschalter wollte sich ein 32-jähriger Ulmer die Weihnachtsfeiertage mit erhofften mehreren Tausend Euro versüßen. Doch der Bahnautomat im Donautal hielt dem Angriff stand und der Täter und sein unbekannter Komplize zogen frustriert ab. Jetzt musste sich der Mann, der sowohl die deutsche als auch die russische Staatsbürgerschaft besitzt, vor dem Schöffengericht wegen versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion verantworten. Und kam mit einem blauen Auge davon.

Wie ein Bundespolizist im Zeugenstand berichtete, hätten die gewaltsamen Angriffe auf unbewachte Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn in kriminellen Kreisen bundesweit derzeit Konjunktur, nachdem sich in diesem Milieu herumgesprochen hat, dass sich in den Schaltern im Freien an Haltestellen der Bahn etwa an Feiertagen und Wochenenden erhebliche Geldsummen ansammeln, bis sie entleert werden.

Sprengstoffanschlag auf Automat: Wie der Täter identifiziert werden konnte

Der Angeklagte erwartete wohl mehrere Tausend Euro Beute durch die Sprengung. Es dauerte sehr lange, bis der Täter identifiziert werden konnte. Experten des Landeskriminalamts Stuttgart sammelten im Schalter, der am Ausgabeschacht in Brand gesetzt worden war DNA-Spuren aus dem Jahr 2017, als der Anschlag geschah.

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Der jetzt vom Schöffengericht verurteilte Mann hatte sowohl bei der Kriminalpolizei als auch bei der Gerichtsverhandlung angegeben, er könne sich an nichts erinnern. Erst kurz vor der Schließung der Beweisaufnahme, die den Angeklagten drückend belastete, gab er die Tat zu, klassifizierte sich aber als Helfer bei der akribisch und von langer Hand vorbereiteten Tat, was das Gericht ihm nicht abnahm, zudem nannte er die Namen seines Komplizen nicht.

Umso ausführlicher erzählte er aus seinem Werdegang. Nach dem Hauptschulabschluss machte er eine Ausbildung zum Metallbauer, geriet aber in Drogenkreise und finanzierte seine wachsende Sucht mit Krediten bei Banken. Insgesamt häuften sich 40.000 Euro Schulden an. Das Geld verwendete er für den Drogenkonsum. Eine Miete musste er nicht zahlen, er lebte kostenlos bei seinen Eltern in Wiblingen.

Tatort lang nur 700 Meter entfernt von der Wohnung seiner Eltern

Die jetzt angeklagte Tat geschah 2017 zu einer Zeit, wo er noch harte Drogen bis hin zu Heroin nahm und daran zu zerbrechen drohte. Er suchte sich eine in der Weihnachtszeit so gut wie nicht frequentierte Nebenstrecke der Deutschen Bahn im Donautal aus, nur 700 Meter entfernt von der Wohnung seiner Eltern.

Zu nächtlicher Zeit waren in der Nacht zum zweiten Weihnachtsfeiertag keine Menschen unterwegs und die Wohnungen, die durch den Sprengstoffanschlag hätten beschädigt werden können, waren sicher entfernt. Der Angeklagte packte wohl mithilfe seines unbekannten Mittäters akribisch die 1,70 hohen Fahrkartenautomaten mit Geschenkpapieren aus aller Herren Länder ein, die er dann mit Klebeband am Automaten festigte.

Der Angeklagte hatte vorher eine Lunte gebastelt, die mit leicht entzündbarem Schwefelwasserstoff gefüllt wurde. Kurz nach Mitternacht stiegen Flammen in den Nachthimmel, nachdem die Lunte im Ausgabeschacht des Fahrkartenschalters gelegt worden war.

Es bildete sich viel Ruß, aber die Wucht der Lunte war zu gering, als dass der gut abgesicherte Geldschacht im Inneren des Automaten geknackt worden wäre. In diesem Bereich fanden sich Spuren an einem Abriss vom Klebeband.

Bundespolizist berichtet beim Prozess über die Masche der Automaten-Knacker

Für den Bahnbereich ist die Bundespolizei zuständig, ein Polizist erzählte auch als Zeuge, wie Kriminelle nicht nur scharf auf Bargeld sind, sondern auch die Blankofahrkarten plündern und sie am Computer so professionell bearbeiten können, dass sie als Fälschungen nicht auffallen. Sie werden auf dem Schwarzmarkt zu Billigpreisen an den Mann gebracht.

Profis, vornehmlich aus Osteuropa, lösen die schweren Bahnautomaten aus ihren Verankerungen und fahren sie an einen Ort, wo sie in Ruhe mit Spezialwerkzeugen die Automaten öffnen.

Der Angeklagte ist vierfach wegen Diebstahls und Körperverletzung vorbestraft, sodass jetzt eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung drohte. Das hätte aber alle Bemühungen des Angeklagten zunichtegemacht, aus der Drogensucht herauszukommen. Er steckt mitten drin in einer Ausbildung als Maschinenbauer, hat sich endlich bei der Drogenberatung angemeldet und absolviert eine intensive Therapie.

Es waren sich alle Gerichtsparteien darin einig, dem Angeklagten eine günstige Zukunftsprognose zu bescheinigen und eine Strafe von einem Jahr und sechs Monaten zur dreijährigen Bewährung auszusetzen. Die Richterin verdonnerte den Angeklagten zudem zu 90 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Erleichtert verließ der Angeklagte nach mehrstündiger Verhandlung mit seinem Anwalt den Gerichtssaal, fest gewillt, unter das bisherige Leben einen Schlussstrich zu ziehen und seine Talente in einem gefragten Beruf einzusetzen.

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