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Theater Ulm

09.06.2018

"Rock of Ages": Nur rocken, nicht anfassen

Rockstar – nur in seinen Träumen: Der junge Drew Boley (Sascha Lien), umschwärmt von Groupies mit wilden Mähnen. „Rock of Ages“ hat nicht nur die Musik der 80er, sondern auch den Look.
Bild: Jean-Marc Turmes

Mehr Medley als Musical: Die deutsche Erstaufführung von „Rock of Ages“ im Theater Ulm feiert den Hair-Metal der 80er. Da wird keine Sünde der Zeit ausgelassen.

Stacee Jaxx ist ein Rockstar wie aus dem Bilderbuch: Sonnenbrille, enge Hosen, unbegrenzte Libido, schlechtes Benehmen, Alkoholproblem, gewaltiges Ego. Ein echter Kerl eben, ein cooles Arschloch aus den 80ern, als ein Mann noch ein Mann sein durfte. Mit Groupies aufs Klo? Oh yeah! Flotter Griff an den Hintern? Let’s rock! Doch die Eighties sind lange her – und Jaxx kriegt in „Rock of Ages“ gleich zweimal auf die Fresse. Zuerst von der Gitarristin seiner ihm in heftiger Abneigung verbundenen Band. Und dann von einer Stripperin. Ausgerechnet von Frauen!

Typen wie Stacee Jaxx erlebt man heute nur noch bei Guns n’ Roses, „Rock Meets Classic“ – oder im Musical „Rock of Ages“. Zum Finale der Intendanz Andreas von Studnitz bringt das Theater Ulm, gesponsert von einem regionalen Unternehmer, das Broadway-Stück auf die Bühne im (nicht nur) bei der euphorisch bejubelten Premiere ausverkauften Großen Haus. Das ist eine zündende Mischung: Die deutsche Erstaufführung eines Broadway-Hits, der auch schon Grundlage für einen (allerdings gefloppten) Kinofilm war – und dazu testosterongetränkter Hair-Metal und Power-Balladen von Bands wie Bon Jovi, Whitesnake oder Foreigner. Und, ja, auch „The Final Countdown“.

Die Handlung ist unerheblich. Im Wesentlichen gibt es zwei Stränge: Ein böser Immobilieninvestor will den Sunset Strip in West Hollywood, bekannt für seine Stripklubs und Rockschuppen, mit Bürotürmen und Flagship-Stores zupflastern. An den Kragen gehen soll es auch dem „Bourbon Room“ von Dennis Dupree. Dort arbeitet der sensible Drew alias Wolfgang von Colt, der von einer Karriere als Rockstar träumt. Er verliebt sich in die frisch in die Stadt gezogene Sherrie, die Schauspielerin werden möchte. Doch die junge Liebe hat es nicht leicht: Drew ist zu schüchtern, Superstar Stacee Jaxx kommt Sherrie zu nah – und die Träume des Traumpaares scheinen zu platzen. Aber egal: „I Wanna Rock!“.

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„Rock of Ages“ ist eher Fetenrock-Medley als Musical, für jede Lebenslage gibt es den passenden Song. Der Sunset Strip soll verschwinden? „We Built This City On Rock ’n’ Roll“. Sherrie sucht nach der wahren Liebe? „I Wanna Know What Love Is“. Liebe gescheitert? „Here I Go Again“. Gut 30 Rockhits pflastern die gut zwei Stunden Spielzeit, amtlich abgeliefert von der Ariane Müller Band und der aus Ulmer Umgebung stammenden Supergitarristin Yasi Hofer. Das Ensemble besteht überwiegend aus angeheuerten Musical-Darstellern, aber auch ein paar Mitgliedern des Schauspielensembles – und Intendant Andreas von Studnitz. Der gibt, mit viel Selbstironie, Klubbesitzer Dennis, einen Wiedergänger von Rock-Gespenst Alice Cooper. Ein ziemlich mieser Sänger, was den Spaß nicht schmälert. Zumal die anderen Darsteller ihren Gesangsjob gut machen, allen voran Sascha Lien (Drew) mit Jon-Bon-Jovi-Reibeisen-Schmelz. Stark auch Thomas Borchert (Stacee Jaxx) und der Ulmer Musical-Dauerbrenner Henrik Wager als Erzähler und engster Mitarbeiter des Klubchefs.

„Rock of Ages“, angesiedelt Ende der 80er, rockt vom ersten bis zum letzten Riff. Auch optisch: Regisseur Arthur Castro, der in Ulm auch schon „Hair“ inszenierte, und seine Ausstatterin Britta Lammers setzen ganz auf Jeansjacken, Spandexhosen, blonde Mähnen, Leopardenmuster, Leuchtschrift, übertriebene Posen. Die Tänzer (Choreografie: Damien Nazabal) wechseln zwischen Headbangen, Luftgitarre und Hüftschwung-Aerobic. Und das Publikum rockt und klatscht mit.

Dieses „Kick Ass Musical“ ist ein perfekt präsentiertes Rock-Animationsprogramm, große Mainstream-Unterhaltung mit Disney-Happy-End. Sensible Themen werden einfach weggebangt. Die Abreibung für Supermacho Jaxx ist leider nur eine Episode – und der zarte Moment, in dem sich Klubbesitzer Dennis und Mitarbeiter Donnie ihre Liebe gestehen („Can’t Fight This Feeling“), wird zum platten Homo-Klamauk. „MeToo“ oder sexuelle Vielfalt? Come on! Es sind die 80er, und es ist nur Rock ’n’ Roll. Aber man ahnt schon, warum diese Welt untergegangen ist.

Wieder am 9., 13., 14., 17., 22. und 29. Juni sowie am 4., 6., 8., 10., 11., 14., 15., 20. und 21. Juli.

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