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Roggenburg
07.06.2019

Seminar mit Pferden: Wenn ein Pferd dir zeigt, wie du bist

Lässt Mara sich weiterhin in der Mitte der Gruppe über die Hindernisse führen oder sucht er sich lieber seinen eigenen Weg? Bei dieser Aufgabe im pferdegestützten Training in Roggenburg ist Teamarbeit gefragt.
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Lässt Mara sich weiterhin in der Mitte der Gruppe über die Hindernisse führen oder sucht er sich lieber seinen eigenen Weg? Bei dieser Aufgabe im pferdegestützten Training in Roggenburg ist Teamarbeit gefragt.

Christiane Birnbaum bietet Seminare an, bei denen Pferde als Co-Trainer agieren – mit überraschenden Kenntnissen.

Raffaela Mikulla und die Stute Espléndida stehen einträchtig nebeneinander und sehen zum Fenster hinaus. Es ist eine harmonische Szene – die jedoch so nicht gewollt ist. Denn eigentlich sollte die Frau das Pferd am Strick über den abgetrennten Bereich in der Reithalle in Roggenburg führen.

Mikulla besucht ein pferdegestütztes Training, um etwas über Entscheidungen und Gelassenheit zu lernen. Die Seminare veranstaltet Christiane Birnbaum seit knapp fünf Jahren zu Themen wie Führungsstärke oder Teamarbeit, dabei geht es um Kommunikation und Vertrauen. Die 62-Jährige ist zertifizierte Trainerin, Unternehmensberaterin und war selbst 35 Jahre lang in der Führungsebene tätig. Bei einem Seminar mit Pferden, sagt sie, können die Teilnehmer am eigenen Leib beispielsweise die Theorie der Mitarbeiterführung trainieren. „Nur weil man die Theorie verstanden hat, heißt das nicht, dass man sie auch in der Praxis beherrscht“, sagt Birnbaum. Das Besondere am Training mit den Pferden in Kombination mit den theoretischen Inhalten ist laut Birnbaum, dass sich emotionale Erfahrungen mit Wissen verknüpfen. Dies verankert die vielfältigen Lernprozesse intensiver und nachhaltiger in der Erinnerung. Denn die Tiere bieten eines, was kein Mensch auf diese Weise vermag: Sie sind Meister der Körpersprache.

Die Pferde sind Meister der Körpersprache

Das zeigt sich während des praktischen Teils des Seminars. Die Aufgabe hört sich einfach an. Die beiden Pferde Maranello, genannt Mara, und Espléndida, kurz Plendi, stehen entspannt in einem abgesteckten Bereich der Reithalle. Es wirkt fast so, als ob sie ein wenig herumschlendern und zwischendurch neugierig aus dem Fenster schauen. Die Teilnehmer sollen über das Absperrband zu den Tieren gehen und mit ihnen Kontakt aufnehmen: streicheln, sprechen, anschauen. Dann soll jeder eines der Pferde herumführen. Dadurch, dass die Tiere von den Teilnehmern nicht geritten werden, eignen sich die Seminare nach Angaben der Trainerin auch für Menschen, die noch nie Kontakt zu den Herdentieren hatten.

Dieses Problem hat Raffaela Mikulla nicht, sie ist selbst Reiterin und an Pferde gewöhnt. Sie führt Plendi ein wenig herum, bevor das Tier plötzlich stehen bleibt und zum Fenster hinaussieht. Aufmunterndes Ansprechen hilft nichts, auch kein leichtes Zupfen am Strick – das Pferd beachtet die junge Frau nicht mehr. Und mit seinen rund 500 Kilogramm ist es hier eindeutig im Vorteil.

Doch wie schafft man es, dass die Tiere mitlaufen und warum sagt das etwas über die eigene Führungskraft aus? Birnbaum sagt, es kommt darauf an, wie man sich dem Pferd gegenüber verhält. Eine Szene wie mit Mikulla und Plendi in der Halle sieht sie oft, auch bei Top-Managern in Führungspositionen. Denn den Tieren ist es egal, wer am anderen Ende des Stricks steht – auch im Seminar in Roggenburg kommen die Teilnehmer aus verschiedensten Berufen: vom Polizisten über den Lehrer bis zum Apotheker.

Den Pferden kann niemand etwas vormachen

Am Ende kann niemand von ihnen den feinfühligen Tieren etwas vormachen: Sie merken, wenn jemand nach außen hin aufgesetzt selbstbewusst, in Wahrheit aber vielleicht unsicher ist. Pferde sind stark in der Interpretation von innerer Haltung und Stimmungen. „Sie wirken wie ein Katalysator und spiegeln klar und unmittelbar das menschliche Verhalten wider“, sagt die 62-Jährige. Und das in Sekunden: Zehnmal schneller als Menschen können die Tiere Stimmungen einschätzen. „Die Reaktion des Pferdes auf die sozio-emotionale Haltung des Menschen kommt sofort und ebenso schnell reagieren die Tiere auch auf Veränderungen der Einstellung“, sagt Birnbaum. Deswegen könne jeder es nach einer misslungenen Übung einfach noch einmal versuchen. Ein Mensch könne sich verstellen oder nach einem fehlgeschlagenen Versuch Vorurteile haben, „das kann ein Pferd nicht, es nimmt den Menschen genau so wahr, wie er vor ihm steht“.

Die Trainerin stellt nun zwei Pylonen in der Halle auf und ruft der jungen Frau zu: „Führe Plendi mal in einer Acht um die Hütchen.“ Plötzlich folgt das Pferd und läuft Achter um die Pylonen, als ob es nie etwas anderes gemacht hätte. Am Ende nimmt Mikulla für sich mit: „Mit einer Aufgabe war es leichter, vorher wusste ich nicht so recht, wo ich hinlaufen will.“ Birnbaum ergänzt: Mit dem Ziel vor Augen, um die Pylonen zu laufen, hat die Frau eine ganz andere Körpersprache ausgestrahlt – inklusive eines stringenten und zielgerichteten Schritts. Die 62-Jährige erzählt, dass ihr Ziel als Trainerin ist, aktiv zuzuhören und nur Impulse zum Nachdenken zu geben. Dadurch kommen die Teilnehmer meist selber darauf, was sie für sich herausziehen können. Eigentlich ist erst der Nachmittag eines Trainings für die Analyse mithilfe einer Videoaufzeichnung und den Transfer in den Alltag gedacht. Doch ein Feedback gibt es den ganzen Tag über auch direkt. Die Trainerin ist mit Mikulla zufrieden: „In dem Moment, in dem du merkst, du darfst führen, geht’s auch.“ Und ermuntert: „Trau dir mehr zu.“

Ein Rat: Pferde lassen sich nicht manipulieren

Die anderen Teilnehmer haben gut aufgepasst und Birnbaums Rat beherzigt: Pferde lassen sich nicht manipulieren und können sich andersrum nicht verstellen. Wer klare Ansagen macht, dem folgen sie auch. Kerstin Mateja setzt die Aufgabe gut um, ihr laufen sogar beide Tiere hinterher. „Du warst am Ende die Leitstute“, sagt Birnbaum zu ihr. In der Welt der Pferde übernimmt diese gemeinsam mit dem Leithengst die Führung. Und wie die Leittiere das Vertrauen der Herde gewonnen haben, müssen dies auch die Menschen tun. Wenn die sensiblen Tiere spüren, dass jemand unsicher ist, haben sie zu wenig Vertrauen – und bleiben aus Instinkt stehen. Bei den Tieren ist dieser Instinkt überlebenswichtig: Eine Herde braucht eine Führung und Vertrauen zu dieser.

Auch ins Berufsleben lasse sich das übertragen. „Wenn jemand Vertrauen zu einer Führungskraft hat, folgt er dieser lieber und auch ein Stück weit von innen heraus“, so Birnbaum. Dies mache Arbeit erfolgreicher und fördere gutes Betriebsklima. Ethische Werte sind der 62-Jährigen ohnehin sehr wichtig. „Eine gute Führungskraft verbindet Fachkompetenz und Empathie für die Mitarbeiter“, sagt sie. Bei den Seminaren versucht sie, das auch den Chefs nahezubringen – mithilfe der Pferde, die auch in der Hinsicht sofort ihr Feedback geben.

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