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Ulm

06.05.2019

Schriftstellerin Thea Dorn spricht über die Facetten der Heimat

Thea Dorn sieht zwei Seiten in unserer Gesellschaft.
Bild: Stefan Kümmritz

Schriftstellerin Thea Dorn spricht in der Stadtbibliothek Ulm über Freiheit, Europa und Patriotismus - und erzählt, warum sie sich als Kosmopolitin bezeichnet.

Viele denken, Heimat ist eben das Land, in dem man geboren wurde und in dem man lebt. Aber Heimat kann viel mehr sein. Die vielseitige Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin Thea Dorn machte am Freitagabend bei der Auftaktveranstaltung des Internationalen Festes in Ulm im Gespräch mit Dramaturgin Nilufar K. Münzing vom Theater Ulm deutlich, was sie unter Heimat versteht und wie die Menschen mit diesem Begriff umgehen sollten. Das Motto der Veranstaltung im vollen Saal der Ulmer Stadtbibliothek entsprach dem Titel ihres neuen Buches „Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“. Dabei wartete Dorn auch mit einer Art (kultureller) Liebeserklärung an ein einiges Europa auf.

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Patrioten. Bei diesem Wort haben einige gleich den von rechten Kräften missbrauchten Begriff Patriotismus im Kopf. „Ich kann stundenlang erzählen, was mir an Deutschland kostbar ist“, bekannte die höchst selbstbewusste, beredte 48-Jährige. Auch über ein Deutschland mit dem Islam könne sie sehr gut reden. Nur beim radikalen Islamismus höre es auf. Aber generell sei es doch so: „Ich muss nicht brüllen: Deutschland den Deutschen!“

Schriftstellerin Thea Dorn in Ulm: Freiheit der Kultur hat eine besondere Stellung

Thea Dorn, die in Offenbach geboren wurde, wartete mit einem Zitat des Dichters Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) auf, das sie besonders liebt: „Heimat ist dort, wo ich mich nicht erklären muss.“ Die Schriftstellerin deutete das Zitat etwas um: „Heimat ist der Ort, an dem ich mich nicht rechtfertigen muss, wie ich lebe.“ Freiheit. Dabei habe auch die Freiheit der Kultur eine besondere Stellung: „Die Kultur hat Strahlkraft entwickelt. Wenn einem da nicht das Herz aufgeht, ist er kein Patriot, sondern ein Rassist.“

Schriftstellerin Thea Dorn spricht über die Facetten der Heimat

Dorn berichtete von einem Syrer, den sie kennt. Er kam nach Deutschland, kannte kaum Wälder und begann hier trotzdem eine Ausbildung zum Forstwirt. Bis dahin konnte er nicht nachvollziehen, was die Menschen an Wäldern so lieben. „Inzwischen ist er Förster“, erzählte die Autorin, „und ist von den Waldkulturen begeistert.“ Man könne eben auch mit anderen Kulturen heimisch werden.

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Dorn brachte Heimat auch mit dem Grundgesetz in Verbindung. „Bei uns kann man in der Heimat frei leben“, so die Schriftstellerin. Das sei festgeschrieben. „Eine gute Freundin von mir ist in Istanbul geboren. Sie kam nach Deutschland und sie liebt das Grundgesetz, weil es ihr die Möglichkeit gibt, frei zu leben. In der Türkei hätte sie diese nicht gehabt.“

Europa hat für Thea Dorn einen hohen Stellenwert

Dorn hat ein Problem damit, dass manche Menschen auf Begriffe wie Heimat oder Patriotismus „allergisch reagieren“ und sie gleich mit Nationalismus in Verbindung bringen würden. „Bin ich schon rechts, wenn ich sage, ich liebe meine Heimat?“, fragte sie ins schweigende, höchst aufmerksame Publikum und sieht schon zwei Seiten („Die bürgerliche Mitte steht ratlos dazwischen“) in unserer Gesellschaft. „Wollen wir uns auseinander dividieren lassen wie in den USA? Da geht die Spaltung sogar durch Familien.“ Die politische und durchaus auch die kulturelle, die patriotische. Dorn: „Wenn Rüpel wie Donald Trump an die Macht kommen, bin ich lieber linksliberal als Mitte.“

Europa hat für Dorn einen hohen Stellenwert: „In Europa hat das Abenteuer Individualität begonnen. Die eigene Persönlichkeit ist sehr gut.“ Aber in Europa lebten Menschen mit ganz unterschiedlicher kultureller Prägung. „Ich bin Kosmopolitin. Das ist einfacher, denn deutsch sein ist auch ein heikles, kompliziertes Vergnügen. Es gibt Menschen, die haben mehrere Heimaten.“

Nach Ausflügen in die Geschichte Deutschlands und Europas gab Thea Dorn den Besuchern unter anderem mit auf den Weg: „Das wichtigste Wesensmerkmal der europäischen Kultur sollte in unserer technikbegeisterten, datenüberfluteten Welt, in der der Mensch bald keine Chance mehr hat, sein, durch Bildung ein würdiges Individuum zu werden.“ Von „oben“ dürfe es nicht gesteuert werden, sondern durch Zusammenrücken. Die Autorin schloss mit einem Zitat des Lyrikers Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843): „Man muss das Eigene so gut lernen wie das Fremde.“

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