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Roggenburg

29.01.2019

Seminar macht Interessierte fit für das Rokoko

Pater Roman Löschinger (rechts) zeigte den Teilnehmern der Schulung die Roggenburger Klosterkirche.
Bild: Ralph Manhalter

Im Kloster Roggenburg lassen sich 30 Teilnehmer zu Führern schulen. Sie erfahren Interessantes über den Weißenhorner Maler Franz Martin Kuen, der vor 300 Jahren geboren wurde.

Franz Martin Kuen (1719-1779) ist der vielleicht größte Maler, den die Region hervorgebracht hat. Seine prächtigen Deckenfresken schmücken viele Kirchen des Landkreises. Entsprechend groß wird der 300. Geburtstag des Rokokokünstlers in diesem Jahr begangen – und entsprechend wichtig ist eine gründliche Vorbereitung auf dieses Ereignis. Die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) im Landkreis Neu-Ulm hat zum Auftakt des Franz-Martin-Kuen-Jubiläumsjahres eine Fortbildung für Gästeführer veranstaltet. Rund 30 Teilnehmer waren in das Bildungszentrum des Klosters Roggenburg gekommen, um sich in künstlerischen und touristischen Fragen unterstützen zu lassen.

„Schwäbische Frömmigkeit in venezianischem Glanz“: Das Motto der im Juli öffnenden Ausstellung im Kloster war dann auch wegweisend für die fünfstündige Veranstaltung. Wie Pater Roman Löschinger, Leiter des Bildungszentrums am Kloster, erläuterte, war die im 17. Jahrhundert erstmals in Italien praktizierte Deckenmalerei erst wenige Jahrzehnte vor dem Wirken Kuens nach Deutschland gekommen. Dabei nahm sie recht bald an Dramatik und Theatralik zu, was an den zahlreichen Kirchenfresken in der Umgebung beobachtet werden kann. Die Gotteshäuser des 18. Jahrhunderts boten das „Public Viewing“ von heute, konstatierte Löschinger. Von der auf Lateinisch gehaltenen heiligen Messe habe das Volk sowieso nichts verstanden, also habe es sich beim Betrachten der farbenfrohen Gemälde vergnügt.

In Roggenburg legte der Abt Wert auf eine fromme Darstellung

In die Biografie Kuens führte der Leiter des Weißenhorner Heimatmuseums Matthias Kunze ein, der dem aufmerksamen Zuhörer gleich noch einen breiten Einblick in die Kunstszene des Barock und Rokoko gewährte. So erfuhr der Besucher, dass die Maler sich häufig Vorbilder nahmen und diese mit ihren Werken oft nur geringfügig variierten. Auch gab es so etwas wie einen „Katalog“, aus welchem sich der interessierte Bauherr Motive und Kompositionen zusammenstellen konnte. Letztendlich blieb dem Künstler nicht mehr allzu viel freie Hand, wie zu erfahren war: In Roggenburg beispielsweise legte der Abt großen Wert auf eine fromme Darstellung. Anders in oberschwäbischen Klöstern; dort seien die Geistlichen jener Zeit viel aufgeschlossener gewesen.

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Dabei musste manch Teilnehmer bedauernd zur Kenntnis nehmen, dass die von Kuen geschaffenen Kuppelgemälde in Roggenburg nicht mehr existieren. Die heutige Bemalung stellt eine neubarocke Schöpfung des Jahres 1900 dar, nachdem die originalen Fresken 1845 bei einem Einsturz der Decke zerstört wurden. Stattdessen glänzt der Jubilar im Verborgenen. Neben drei Deckenbildern in der Eingangshalle schmücken die großartigsten Werke die Sakristei und das Refektorium. Dort ist auch Originelles zu entdecken: Der Hundefreund Kuen verewigte gar sein Lieblingstier in einer Eckkartusche.

Die angehenden Gästeführer staunten ob der Festlichkeit und gleichzeitiger Dynamik der Kunstwerke. Gott fühlen und sehen sollte der Mensch, schlug Pater Roman einen Bogen zum Verständnis der vormodernen Glaubenswelten. Diese standen dann auch im Mittelpunkt eines Vortrags von Ulrich Hoffmann, Beiratsvorsitzender der KEB. Täglich konfrontiert mit Leid und Tod, war die Sehnsucht nach etwas Ausgleichendem groß. Das „carpe diem“ („Nutze den Tag“) stand in steter Wechselbeziehung zum „memento mori“ („Gedenke der Sterblichkeit“), brachte Hoffmann die Lebenspraxis des Barockzeitalters zum Ausdruck.

Wie die anfangs erwähnte Begeisterung vom Gästeführer auf den Besucher überspringen soll, wurde von Löschinger abschließend launig dargelegt. Dabei dürfe der Referent auch durchaus mal eingestehen, dass er nicht auf jede Frage eine Antwort zu geben vermag. Wichtig sei hingegen, die Führungen nicht routiniert ablaufen zu lassen, sondern stattdessen dem Kunstfreund den Eindruck zu vermitteln, als sähe man das alles selbst zum ersten Mal.

Mit derlei Fachkompetenz und Insiderwissen ausgestattet, darf man den ersten Kuen-Führungen mit Freude entgegensehen.

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