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Roggenburger Sommer

20.05.2019

Shakespeare verjüngt

„Ein Sommernachtstraum“ als musikalisch-literarischer Abend. Ulrich Scheinhammer-Schmid und Katharina Jäger hatten allein anhand der ständig zu wechselnden Kopfbedeckungen in der Klosterbibliothek viel zu tun.
Bild: Dagmar Hub

Die Komödie „Ein Sommernachtstraum“ wurde im Ambiente der Klosterbibliothek ins 21. Jahrhundert versetzt. Das funktioniert nicht immer

Der erste Mensch, der William Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ ins Deutsche übersetzte, war ein Schwabe: Der Biberacher Ratsschreiber Christoph Martin Wieland machte sich 1761/61 an die Mammutaufgabe.

Im 21. Jahrhundert löste Ulrich Scheinhammer-Schmid, früher Lehrer für Deutsch am Weißenhorner Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium, die Aufgabe für sich, Shakespeares Versmaß mit neuen Reimen zu füllen und sich vor allem in der Sprache der vier Teenager Hermia, Lysander, Helena und Demetrius am Heute zu orientieren.

Die Lesung des Textes – etwas zu klavierlastig durch zahlreiche Musikstücke Felix Mendelssohn-Bartholdys, aber auch anderer Komponisten – verlangte Ulrich Scheinhammer-Schmid und Katharina Jäger viel ab. Allein angesichts der Menge im Stück handelnder Personen und Geistwesen und der sie kennzeichnenden Kopfbedeckungen und Kronen, die es zu wechseln gilt: Lila und rosafarbene Käppis für die beiden Liebespaare, Kronen für König Theseus und seine Braut Hippolyta, deren Hochzeit gefeiert wird, Laubschmuck und Laubkronen für die Waldwesen, Straßenmützen für die Handwerker und ein glitzernd blaues Käppi für den immer auch zu schadenden Scherzen bereiten Puck.

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Das funktioniert gut, und gut kommt beim Publikum auch die Komik des in neue Worte und absichtlich missglückte Verse gegossenen Spiels der Laientheatergruppe um Zimmermann Peter Squenz an, die Katharina Jäger mitunter auch noch bewusst rhythmisch falsch betont. In der Welt sowohl des Königshofes als auch des Elfenkönigshofes lässt Ulrich Scheinhammer-Schmid auch heute in kunstvoller Verssprache parlieren. Schwierig aber wird es immer dann, wenn sich Menschen, die keine Jugendlichen mehr sind, an der Sprache Jugendlicher versuchen. Wenn sich die beiden Freundinnen Hermia und Helena, die eigentlich doch Rivalinnen sind, gegenseitig „Lady“ und „Girl“ nennen, passt das zwar ins Reimschema, nicht aber unbedingt zur Sprache der Cappuccino-Mädels, die mit Beauty-Case und Sprudelflasche im Wald von Athen unterwegs sind und sich gegenseitig anfiesen.

Auf der Handlungsebene – etwa wenn Helena den Fluchtplan an Demetrius per SMS schickt – gelingt die Anpassung an die Gegenwart wesentlich besser.

Die erotisch-sexuellen Andeutungen, die Shakespeare reichlich in die (wohl zu einer Hochzeit verfassten) Komödie packte, die aber in August Wilhelm Schlegels berühmter Textfassung weitgehend verharmlost oder gestrichen wurden, lässt Scheinhammer-Schmid wieder aufleben: Da geht es deutlich um den indischen Lustknaben, um dessentwillen sich der Elfenkönig und seine Frau Titania zerstritten haben, weil beide ihn haben wollen, und auch im Entzücken Titanias über die Männlichkeit des Esels kommen die erotischen Andeutungen nicht zu kurz.

Eine (musikalische) Straffung des ersten Teils hätte dem Abend trotz der einfühlsamen Interpretationen von Ute und Akira Sagawa gutgetan – zumal der Abend in der sehr kalten Klosterbibliothek von der schwülen Atmosphäre eines Sommernachtstraums weit entfernt war und das Publikum in Winterjacken saß.

Der „Roggenburger Sommer“ setzt sich fort am Sonntag, 26. Mai, mit einem Konzert des Kölner Domorganisten Winfried Bönig. Beginn: 16 Uhr in der Klosterkirche.

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