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Bellenberg

24.09.2019

Sie nennen ihn den Falafel-König

Den Teig für die Falafel aus Kichererbsen fertigt Assaad Touki nach einem besonderen Rezept, das sein Geheimnis bleiben soll. Die Kunst der Falafel-Herstellung hat er von anderen Arabern gelernt.
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Den Teig für die Falafel aus Kichererbsen fertigt Assaad Touki nach einem besonderen Rezept, das sein Geheimnis bleiben soll. Die Kunst der Falafel-Herstellung hat er von anderen Arabern gelernt.

Assaad Touki flüchtete einst vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach Deutschland. Heute ist er für seine arabischen Spezialitäten über Bellenberg hinaus bekannt.

Wer Bellenberg auf der Ortsstraße durchquert, dem fällt Assads Falafelstation ins Auge. Zu Essenszeiten stehen die Kunden auch mal Schlange oder verspeisen gleich an Ort und Stelle die nach orientalischen Gewürzen duftenden Spezialitäten. Schon über zehn Jahre bereitet Assaad Touki für Laufkundschaft köstliche Falafel zu. Das geht auch auf Vorbestellung und die Zahl der Stammkunden ist beachtlich.

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Wie das kleine Holzhäuschen in die Wohnlandschaft Bellenbergs passt? „Gut“, sagt Touki mit einladender Geste. „Wir haben ganz tolle Nachbarn.“ Hinter seinem Falafelladen verberge sich eine lange Geschichte. Eine wie aus Tausendundeiner Nacht vielleicht, nur um einiges realistischer. Touki erzählt sie – sicherlich nicht zum ersten Mal – bei einem Tässchen arabischen Kaffees.

Die Liebe führte Assaad Touki nach Bellenberg

Er wurde 1954 in Beirut im Libanon geboren, sein Vater kam in Haifa im heutigen Israel zur Welt, seine Vorfahren waren Beduinen. Der Palästinenser wuchs im libanesischen Flüchtlingslager auf und ist dem kleinen Staat im Nahen Osten für vieles dankbar. „Es ist das freiheitlichste aller arabischen Länder mit Christen, Moslems und anderen Religionsvertretern“, ist Touki überzeugt. Wegen des Bürgerkriegs flüchtete er als 17-Jähriger nach Berlin und beantragte Asyl. Er habe es schwer gehabt, sagt er: Von Anfang an gearbeitet, Deutsch gelernt und nach zehn Jahren Duldung die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen. Unterstützung erhielt er von seinem Onkel in Frankfurt am Main. Doch um nach seiner Anerkennung eine Ausbildung zu machen, war er zu alt. „Davor konnte ich keine Lehrstelle finden. Wer bildet Leute aus, die jederzeit zurückgeschickt werden können?“, sagt Touki. Es sei schlimm gewesen, mit 17 Jahren nicht mehr weiterlernen zu dürfen. „Am liebsten wäre ich Jurist geworden, weil ich so viel Ungerechtigkeit gesehen habe.“

Sie nennen ihn den Falafel-König

Zehn Jahre lebte er in Berlin, dann verschlug es ihn 1981 nach Illertissen. Bei einer Firma in Dietenheim fand er Arbeit. Der Liebe wegen kam Touki nach Bellenberg. 1983 heiratete er seine Frau Sigrid. Sie wohnen in idyllischer Lage an der Ortsausfahrt Richtung Vöhringen. Touki hat vier Kinder und drei Enkelkinder. Die Idee, im eigenen Wohnort einen Falafelverkauf einzurichten, entstand nach und nach. Touki arbeitete in verschiedenen Jobs: Unter anderem half er in einem arabischen Bistro in Ulm mit und war bei Veranstaltungen im Ulmer Zelt dabei. „In dieser Zeit brach die Rinderseuche BSE aus und alle im Zelt wollten Falafel essen“, erinnert er sich. Die Nachfrage sei enorm gewesen. Mittlerweile steht das Falafelhäuschen schon elf Jahre neben seinem Wohnhaus in Bellenberg. Ein winziger Eingangsbereich empfängt die Kunden. Im dahinter liegenden Garten hat es sich Touki so eingerichtet, dass Beruf und Freizeit ineinander übergehen können. Denn bei Assaad’s Falafel wird von Montag bis Samstag von 11 bis 20 Uhr gekocht. Nur an Sonn- und Feiertagen ist geschlossen. „Ich bin im richtigen Beruf angekommen“, sagt der 65-Jährige. Der Anfang sei schwer gewesen. Aber inzwischen würden ihn viele den Falafel-König nennen – eine Ehre für ihn.

Sein Falafel-Rezept bleibt ein Geheimnis

Schon manche Kunden wollten sein Rezept erfahren. Den Teig für die Bällchen bereite Touki aus pürierten Kichererbsen zu. Doch die Frage nach weiteren Zutaten beantwortet er mit einem geheimnisvollen Lächeln. Für eine Portion Falafel belegt er das Fladenbrot mit zwei frittierten Bällchen und zwei frittierten Scheiben Halloumi-Käse. Dazu kommen etwas arabische Sesam-Joghurtsoße, Harissa-Paste, ein Spezial-Rettich sowie Zwiebeln, Tomate, Gurke und Eissalat. Das Gericht sei eine Arme-Leute-Speise – billig, nahrhaft, uralt und in Arabien und Nordafrika beliebt. Touki bezieht fast alle Zutaten aus arabischen oder nordafrikanischen Regionen.

Viele seiner Freunde lernte der schwäbische Araber – wie seine Gäste ihn auch betiteln – über seine Leidenschaft für die arabische Trommel, die Darabuka, kennen. In der Region hat sich Touki durch Auftritte mit Mittelaltergruppen oder als Trommellehrer in der Musikschule Dreiklang einen Namen gemacht. „Mit zwölf Jahren bekam ich meine erste Trommel, davor habe ich auf Töpfen herumgeklopft“, erinnert sich Touki. Er habe gespürt, wie er damit die Kinder im Flüchtlingslager aufheitern konnte.

Warum gerade die Trommel sein Instrument wurde, auch dazu gibt es eine Geschichte. „Sogar eine besonders schöne“, sagt er nachdenklich. Denn viele der Rhythmen erinnern an seine beduinischen Vorfahren. Wenn die Stämme abends ihren Kaffee zubereiteten, entwickelten sich aus den wiederkehrenden Bewegungen beim Zerstoßen der gerösteten Kaffeebohnen verschiedene Rhythmen, weiß Touki. „Sie haben schon vielen Beduinen das Leben gerettet.“ Wenn sie vom Sandsturm überrascht wurden und die nächste Oase suchten, konnten sich die Beduinen an den rhythmischen Geräuschen orientieren, die am Boden wahrnehmbar waren.

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