1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. So sehen Senioren frühere Obdachlose, die im Heim wohnen

Neu-Ulm/Ulm

10.01.2019

So sehen Senioren frühere Obdachlose, die im Heim wohnen

Ein früherer Obdachloser vor dem Caritas-Seniorenzentrum Albertus Magnus in Neu-Ulm, wo er jetzt lebt.
Bild: Alexander Kaya

Walter Gebauer, Leiter des Seniorenzentrums Albertus Magnus in Neu-Ulm, spricht im Interview über frühere Obdachlose im Heim.

Herr Gebauer, Sie leiten das Seniorenzentrum Albertus Magnus in Neu-Ulm. Wie kamen sie darauf, pflegebedürftige Obdachlose aufzunehmen?

Ich habe schon vor meiner Zeit hier mit ehemaligen Obdachlosen zusammengearbeitet. Das wissen die meisten Sozialarbeiter in der Gegend. Deshalb kommen sie auf mich zu, wenn ein Obdachloser pflegebedürftig ist. Bei uns leben seit sieben Jahren ehemalige Obdachlose. Das klappt nur, weil sich meine Mitarbeiter darauf einlassen.

Was meinen Sie damit?

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Die ehemaligen Obdachlosen sind um einiges jünger als unsere anderen Bewohner, das macht die Integration schwieriger. Außerdem haben sie abweichende Interessen, auch im Hinblick auf Sexualität.

Lesen Sie auch: Der Bettler aus dem Neu-Ulmer Altenheim

Einer der früheren Obdachlosen hatte eine Freundin. War das ein Problem?

Nein, sie hat einfach bei ihm im Zimmer übernachtet. Das war für uns in Ordnung. Schwieriger ist das Thema Körperhygiene.

Wie meinen Sie das?

Wenn ehemalige Obdachlose sich nicht waschen lassen wollen, können wir sie zwar motivieren, aber nicht zwingen. Unsere Mitarbeiter müssen hinnehmen, dass jemand ungepflegt wirkt. Darauf mussten wir sie vorbereiten. Sie sollen nicht das Gefühl haben, dass sie ihre Arbeit nicht gut machen.

Es gab auch eine Schlägerei unter früher obdachlosen Bewohnern. Schadet das dem Ruf des Seniorenzentrums?

Es ist nicht schön, wenn die Polizei wegen einer Schlägerei ins Altenheim gerufen und dort angepöbelt wird. Aber alle Bewohner haben das Recht auf Selbstbestimmung – natürlich mit Grenzen. Wir versuchen, die Anwesenheit der ehemaligen Obdachlosen möglichst transparent zu gestalten. Jeder, der mit uns zu tun hat, weiß Bescheid.

Was sagen die anderen Bewohner?

Sie stehen den ehemaligen Obdachlosen mit einer Mischung aus Akzeptanz, Bewunderung und Besorgnis gegenüber. Ein Beispiel: Einer der ehemaligen Obdachlosen hatte einen Stammplatz, an dem man ihn meist sehr betrunken aufgefunden hat. Eine Bewohnerin hat ihn dort gesehen und mich informiert. Sie wollte ihm unbedingt helfen. Wir haben sie beruhigt und ihn zurück in sein Zimmer gebracht.

Ist es für die Angehörigen ein Problem, dass die Bewohner beispielsweise mit Alkoholikern zusammenleben?

In all den Jahren ist keiner deswegen an mich herangetreten, was mich selbst überrascht. Das heißt nicht, dass nicht darüber geredet wird. Aber niemand hat deshalb seine Mutter aus dem Heim geholt.

Gab es häufiger Handgreiflichkeiten?

Nein, ich habe mit den beiden Streithähnen Tacheles geredet. Da helfen nur klare Ansagen.

Musste schon einmal ein ehemaliger Obdachloser das Heim verlassen?

Ja, der Mann hat mit Tellern nach Mitarbeitern geworfen, ist auf eine Kollegin losgegangen und wurde auch immer wieder verbal ausfallend. Als ich eingreifen wollte, hat er nach mir geschlagen. Ich habe ihm den Heimvertrag gekündigt.

Gibt es Tage, an denen Sie Ihre Entscheidung bereuen?

Nein. Für meine Mitarbeiter, die sehr engagiert sind, tut es mir leid. Für mich ist es eine Aufgabe unter vielen.

Interview: Sandra Lohrmann

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20KAYA0757.tif
Neu-Ulm

Patrouillen und Videoüberwachung am Obdachlosenheim

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden