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17.02.2019

Stadtjubiläum: Wie Gerlenhofen zu Neu-Ulm kam

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4 Bilder
Gerlenhofen von oben: Nicht zu übersehen sind die Teigwarenfabrik (hier oben im Bild) sowie die Pfarrkirche St. Maria Königin (unten links zu sehen). In dem Neu-Ulmer Ortsteil wohnten zum 30. Juni 2018 insgesamt 2586 Menschen.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Der Neu-Ulmer Ortsteil Gerlenhofen blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Warum sich die Bürger 1972 entschlossen, lieber zu Neu-Ulm als zu Senden gehören zu wollen und nach wem der Ort benannt ist.

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, tut in den kommenden Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Gerlenhofen.

Der Stadtteil Gerlenhofen liegt knapp 6000 Meter südöstlich des Neu-Ulmer Rathauses. Am Ort selbst lebten am 30. Juni 2018 auf 5,4 Quadratkilometern Grundfläche 2586 Menschen. Das sind 479 je Quadratkilometer. Gemessen an der Zahl seiner Einwohner erreicht Gerlenhofen unter den 14 Stadtteilen Platz 6, nach der Fläche Rang 8. Der Ort an der Illertalbahn blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Der Namensendung „hofen“ folgend, hat der Ort schon im 9. Jahrhundert bestanden. Bischof Ulrich von Augsburg hat im Juni 973 in „Gerilehova“ übernachtet.

Am 1. Juli 1972 gab Gerlenhofen als eine der ersten Gemeinden im Altlandkreis Neu-Ulm seine Eigenständigkeit auf. Dass sich seine Bürger mit 76 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen für den Beitritt zur Stadt Neu-Ulm aussprachen, war nicht selbstverständlich. Denn da buhlten auch die Nachbarorte Senden und Ay um die Gunst der Gerlenhofer. Das Dörfchen Ay hatte angesichts der gewichtigeren Konkurrenz keine Chance und zog sich bald aus dem ungleichen Rennen zurück.

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Senden konnte mit Neu-Ulm nicht mithalten

Die damalige Marktgemeinde Senden warf ihre enge Nachbarschaft in die Waagschale, konnte aber mit den Neu-Ulmer Angeboten nicht mithalten: Die Stadt versprach, eine Mehrzweckhalle ins Dorf zu stellen, die fehlende Kanalisation zu verlegen, Straßen auszubauen und ein neues Baugebiet auszuweisen. Den Ausschlag für die Entscheidung pro Neu-Ulm gab aber schließlich wohl, dass die überwiegende Mehrheit der Gerlenhofer Arbeitnehmer nach Ulm und Neu-Ulm pendelten und nun auch von dort verwaltet werden wollten.

Die Stadt Neu-Ulm hat ihre Versprechen eins nach dem anderen eingelöst. Was nicht bedeutet, alle Sorgen seien behoben. Zur Jubiläumsfeier 25 Jahre Eingemeindung im Jahr 1997 wurde der Oberbürgermeisterin Beate Merk die neue Wunschliste vorgetragen. Am Bahnhof sollten wieder Züge halten, Lärmschutz hinüber zur Autobahn und zur alten B19 sei nötig, die Ulrichshalle gehöre modernisiert, die Volksschule generalsaniert. Nicht alles hat die Stadt in den zwei Jahrzehnten seither abgearbeitet. Immerhin aber kommt nächstens eine neue Mehrzweckhalle als Ersatz für den Ulrichsbau aufs Dorf.

Am Schutzgebiet Plessenteich wurden 231 Vogelarten beobachtet

Das Bild einer ländlichen Stadtgemeinde vermittelt Gerlenhofen bis heute. Da will sich der Silokomplex einer Teigwarenfabrik am nordöstlichen Ortsrand nicht so recht einfügen, auch nicht so ganz am anderen Ortsende die 1960 von Erwin Böhm entworfene, etwas sehr groß geratene Pfarrkirche St. Maria Königin. Aber sie enthält immerhin ein paar Kunstwerke aus der spätgotischen Wolfgangkirche in der Ortsmitte, darunter eine um 1500 in Gregor Erharts Ulmer Werkstatt entstandene Muttergottes. Am Bahnübergang mit dem dankmalgeschützten Bahnhofsgebäude unterhält die Schutzgemeinschaft für den Neu-Ulmer Lebensraum – GAU – ihre Geschäftsstelle. Außerhalb des Orts liegt das vom GAU betreute Schutzgebiet Plessenteich mit bisher 231 dort beobachteten Vogelarten.

Vor 1046 Jahren hat Augsburgs Bischof Ulrich den Ort Gerilehova besucht. Der frühere Neu-Ulmer Kreisheimatpfleger Horst Gaiser und der Heidenheimer Oberstudienrat Heinz Bühler haben vor Zeiten untersucht, was Ulrich nach Gerlenhofen trieb. Die Stadt Neu-Ulm hat ihre Erkenntnisse in einer Schrift zur 1000-Jahr-Feier des Stadtteils im Jahr 1973 veröffentlicht. Es klingt nach einer Abschiedsreise für immer, die Ulrich, der 19 Jahre zuvor gemeinsam mit dem späteren Kaiser Otto der Große in der Lechfeldschlacht die Ungarn besiegt hatte, im Jahr 973 unternahm.

Mit stattlichem Gefolge besuchte er zunächst zwei Neffen in Wittislingen bei Dillingen, wo die Eltern bestattet sind. Ulrich ordnete dort erneut an, die Pfarrkirche so zu erweitern, dass die Gräber nicht ständig durch den vom Dach strömenden Regen überschwemmt würden. Wohl über Günzburg und den noch im 16. Jahrhundert nachweisbaren Illerübergang bei Unterkirchberg erreichte Ulrich Gerilehova, wo er übernachtete. Der Ort zählte nach Oberstudienrat Bühlers Ermittlungen zum Hausgut der weitverbreiteten Familie des Bischofs, die sich um einige Ecken herum auf Karl den Großen und dessen Ehefrau Hildegard zurückführen lässt.

Gerlenhofens Ortswappen erinnert mit dem Fisch als Attribut des heiligen Ulrich und dem Erzbischöflichen Kreuz an seinen frühen Ortsherrn. Benannt ist Gerlenhofen jedoch nach einem Gerold aus Königin Hildegards Familie. Bühler lehnt Gerold I. als Namengeber allerdings ab. Insofern irren die Straßenschilder in Gerlenhofen. Gerold I. war Hildegards Vater und saß im Kraichgau. Bühler weist für den Zeitraum 780 bis 900 vier Generationen in Hildegards Familie mit dem Namen Gerold nach. Unter ihnen sollte der richtige Gerold wohl zu finden sein.

Die Reise des Bischofs führte von Gerlenhofen weiter nach Obersulmetingen westlich von Laupheim. Nach Ansicht der Obersulmetinger wurde Ulrich im Jahr 890 auf der dortigen Burg geboren. Wenig spricht dafür. Auf dem Umweg über Amendingen bei Memmingen, wo es die Nachfolge des jüngst gestorbenen Abtes im Kloster Ottobeuren, eines weiteren Neffen Ulrichs, zu regeln galt, kehrte der Bischof nach Augsburg zurück. Gut einen Monat nach seinem Aufenthalt in Gerlenhofen ist er am 4. Juli 973 an seinem Bischofssitz gestorben. Er wurde 83 Jahre alt. Weit verbreitet war zu seiner Zeit eine angeblich von ihm selbst verfasste, bis heute wohl aktuelle Schrift, in der behauptet wurde, der Zölibat sei bibelwidrig, und die Sittenlosigkeit der Geistlichen könne nur durch kirchliche Heirat der Weltpriester beendet werden.

Lesen Sie hier mehr über die Bürgerprojekte zum Neu-Ulmer Jubiläum: So feiern die Neu-Ulmer nächstes Jahr ihr Stadtjubiläum

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