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Holzschwang

12.05.2019

Streifzug durch Holzschwang: Wo einst reiche Ulmer Familien wohnten

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4 Bilder
Der Neu-Ulmer Stadtteil Holzschwang hat heute 942 Einwohner. Das Dorf ist noch recht landwirtschaftlich geprägt, unser Bild zeigt es aus der Luft von Süden her.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Im Neu-Ulmer Stadtteil Holzschwang gibt es Schlösser, ein Bauernmuseum und eine Kirche mit imposantem Glockenturm. Außerdem zwei Relikte aus blutiger Vergangenheit.

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, tut in diesen Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Holzschwang.

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Der Stadtteil Holzschwang liegt gut 6000 Meter östlich des Neu-Ulmer Rathauses. Der noch recht landwirtschaftlich geprägte Ort zählte zum Jahreswechsel 942 Einwohner, womit er den neunten Platz unter den 14 Stadtteilen Neu-Ulms belegt. Seine Grundfläche beläuft sich auf acht Quadratkilometer, die das Dorf an die vierte Stelle rücken. Auffälligstes Bauwerk am Ort ist der von weither ins Auge stechende stämmige Glockenturm der Georgskirche auf dem Höhenrücken zwischen Iller- und Rottal.

Ein Blick auf die Georgskirche von Holzschwang

Kräftige, wulstförmige Gesimse trennen die vier Stockwerke des Turms voneinander. Der mit Ziegeln gedeckte, hohe achteckige Spitzhelm steigt aus vier steilen Giebeln hervor. Die Kirchenschiffswände dürften schon im 14. Jahrhundert aufgerichtet worden sein. Turm, Chor und Sakristei werden dagegen erst ins frühe 16. Jahrhundert gesetzt. Dieser Zeitpunkt ergibt sich aus der Überlieferung, dass der Ulmer Glockengießer Jörg Kastner im Jahr 1513 die Apostelglocke auf dem Turm geliefert habe. Im Gegensatz zum auffällig verzierten Glockenturm erweisen sich Äußeres wie auch Inneres des Kirchenbaus als eher schlicht – wie es sich wohl für ein evangelisches Gotteshaus gehört. Schon 1531 hatte die Freie und Reichsstadt Ulm im „letzten Ort der ulmischen Herrschaft jenseits der Donau“ die Reformation eingeführt. Dennoch schmückten die Holzschwanger noch um 1770 ihre Langhausdecke mit einigem Stuck, und 1911 kamen eine Kanzel und ein Altar im Stil des Neubarock in die Kirche. Der achteckige Taufstein aus rotem Marmor wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufgestellt.

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An heute kaum mehr verständliche Feindseligkeiten zwischen den Konfessionen im Land und ihre teils absurden Folgen erinnern Grabsteine im Chor der Georgskirche. Sie stammen von der protestantischen Familie Katzpoeckh, die im Jahr 1563 die Ortsherrschaft und das Schloss im nahe gelegenen katholischen Oberhausen erworben hatte, das heute zur Stadt Weißenhorn zählt. Weil die Katzpoeckhs mit dem Erwerb Oberhausens aber nicht zum katholischen Glauben konvertiert waren, blieben ihnen die dortige Kirche wie auch der Friedhof versperrt. Blieb ihnen nur, sich im acht Kilometer entfernten protestantischen Holzschwang um Grabstellen zu bemühen. Die wohl recht toleranten Holzschwanger wiesen die Bittsteller tatsächlich nicht ab, wie sie auch den Grabstein ihres vor der Reformation 1464 gestorbenen katholischen Pfarrers Conrat Schimpin nicht aus der Kirche warfen, als der Ort von Ulm aus reformiert wurde.

Mitten im Dorf steht ein von Ulmer Patriziern erbautes Schloss

Mitten im Dorf steht das 1561 von Ulmer Patriziern errichtete Schloss, ein Renaissancebau mit Ecktürmen, der 200 Jahre später ein barockes Portal erhielt. Als weiteres Schloss liegt nördlich des Holzschwanger Ortskerns Neubronn, ein dreigeschossiger Satteldachbau mit vier Ecktürmen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Auf halbem Weg zwischen Holzschwang und Neubronn schließlich wartet sogar der unscheinbare Weiler Tiefenbach mit einem Schloss auf, das heute zu einem landwirtschaftlichen Betrieb gehört. Alle diese Schlösser wurden von wohlhabenden Ulmer Patrizierfamilien als Sommersitz errichtet, woraus sich mit der Zeit der Landschaftsname „Ulmer Winkel“ entwickelte.

Sogar ein Museum weist Holzschwang auf. Landwirt Christian Bühler hat sein Bauernmuseum in der eigenen großen Scheune von 1898 eingerichtet. Seit 1997 ist es von Mai bis Oktober am ersten Sonntag im Monat geöffnet. Es ist mit allem ausgestattet, was ein schwäbisches Dorf in der jüngeren Vergangenheit ausmachte. Aber sie haben inzwischen ausgedient – die Schusterwerkstatt und die erste Mielewaschmaschine, die Arbeitsgeräte und all die Haushaltsutensilien von einst. Muntere gereimte Texte erklären, welchem Zweck die Gerätschaften dienten. Vom Museum aus fällt der Blick auf eine Hauswand, in der noch immer Einschusslöcher vom Luftangriff auf den Ort am 1. März 1945 zeugen.

Einen angenehmen Platz für eine kurze Rast hat sich der Gartenbauverein zu seinem hundertjährigen Bestehen geschenkt. Am Hang, der sich vom östlichen Ortsrand sanft in den weiten Leibigrund senkt, hat er zwei Flursteine aus Karpatengranit aufgestellt. Ein älterer Ahorn wuchs dort schon länger. Die Stadt Neu-Ulm hat einen Tisch mit zwei Bänken in den Schatten Baums gestiftet. Die Gartenfreunde haben den Platz liebevoll geschmückt. Eine Linde, eine Blutbuche, Pfaffenhütchen und ein paar Sträucher haben sie im Halbkreis eingepflanzt. Sommertags blühen Tagetes, Rosen, Stiefmütterchen und Astern. Radler, Wanderer, Spaziergänger, die hier eine Weile rasten, genießen einen schönen Ausblick auf die ihnen zu Füßen liegenden Wälder, die das Flüsschen Leibi von Süd nach Nord durchfließt. Nur einen Kilometer südlich der Flursteine des Gartenbauvereins liegt beim Wäldchen Mutzenberg der südlichste Punkt des gut 80 Quadratkilometer großen Stadtbezirks Neu-Ulm. Zwei Steinkreuze stehen seit uralten Zeiten im Ort. Die Sage berichtet, zwei Ritter hätten sich an dieser Stelle im Zweikampf gegenseitig erschlagen. Allerdings wird auch erzählt, es handle sich um Sühnekreuze, die als Buße für ein Verbrechen aufgestellt wurden.

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