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Ulm

28.01.2019

Theater: Die Liebe in den Zeiten des Terrors

Wie aus dem unauffälligen Jonas der radikalislamische Yunus wird, zeigt eindrucksvoll die Inszenierung von „Jihad Baby“ im Podium des Theaters Ulm.
Bild: Jochen Klenk

Das Jugendstück „Jihad Baby“ ist in Ulm eindrucksvoll inszeniert und geht vor allem am Ende unter die Haut.

„Yunus“ lautet das arabische Wort für „Taube“. Jona, ein Schüler, der zum Islam konvertiert und fortan „Yunus al-Almani“ heißt, träumt zwar davon, ein imposanter Held und Wortführer zu sein, doch er ist ein Hasenherz, ein Täubchen, das viel Zuwendung bräuchte und sich als Null fühlt. Wie Jona in die Fänge des radikalen Islam gerät, wie ein Junge mit starkem Bedürfnis nach Beachtung zum Salafisten wird, das zeigt Daniel Ratthei s Stück „ Jihad Baby “ im Podium des Theaters Ulm eindrucksvoll. Das ist nicht zuletzt dem körperlich, sprachlich und von seiner Präsenz her extrem starken Auftritt von Lukas Schrenk in der Titelrolle zu verdanken. Charlotte van Kerckhoven hat ein wichtiges Stück inszeniert, das die Mechanismen jeder Art von Radikalisierung verdeutlicht – aber nicht nur für Jugendliche ab 14. Gerade die Fehlinterpretationen von Jonas Klassenlehrer Wehmeyer lassen ahnen, wie wenig Wissen im Alltag präsent ist, um solche Entwicklungen früh zu erkennen.

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Das "Jihad Baby" hat ein Kindergesicht

Jona ist das „Jihad Baby“. Er hat ein fast noch kindliches Gesicht, die ersten Barthärchen sprießen langsam. Und sein Babyface sieht sehr „deutsch“ aus: Ein ideales Werkzeug für den radikalen Islam, das unauffällig agieren und lange unbemerkt bleiben kann. Und Jonas ist willig. Er wäre sowieso sehr viel lieber Araber oder Türke wie sein Freund Musa, denn Araber und Türken sind viel cooler, weil sie sich wehren können, sagt Jona. So wie sein Freund Musa. Die lockenden, verheißungsvollen Worte des Predigers Claude Pirol (im Video: Stephan Clemens) – unschwer als Anspielung an den Salafistenprediger Pierre Vogel erkennbar – faszinieren ihn und geben ihm das Glücksgefühl, in der Masse der Muslime aufzugehen, die weltweit zur gleichen Minute in die gleiche Richtung gen Mekka beten. Doch gerade, als Jona konvertiert, trifft er in einem Klub auf Jenny. Sie ist das erste Mädchen, in das er sich verliebt, und sie entpuppt sich als Tochter des verhassten Lehrers Wehmeyer. Ein Kind aus der „guten“ Wohngegend, das nicht in der Umgebung der Fatih-Moschee wohnt, sondern in einem der Bürgerhäuser weiter draußen.

Die Söhne als "Jihad-Nationalmannschaft"

Jona will sich nicht entscheiden müssen zwischen dem Islam und der selbstbewussten Jenny, die auf seine Fantasien vom Leben in Syrien mit elf gemeinsamen Söhnen, der „Nationalmannschaft vom Jihad“, mit Spott reagiert.

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Jona/Yunus lernt, mit der Gruppe junger Muslime der Fatih-Moschee Präsenz zu zeigen in der Stadt. Man wirbt für den Koran, man „säubert“ einen Park von Junkies. Und Musa bringt ihn zu Kreshnik, einem Kosovaren, der den Kampfeinsatz des 16-Jährigen im Namen Allahs plant. Yunus kauft Waffen an und beginnt dennoch langsam zu spüren, dass er zurück will in jene Zeit, als er noch Jona war. Das Paradies, liegt das nicht viel eher bei Jenny, die zu treffen seiner religiösen Hinwendung nach ein Tabu ist?

"Allahu akbar!" - und es knallt

Die pragmatische, selbstironische Sprache des Jugendstücks – ohne künstlich auf einen Teenie-Slang abzuheben – schafft eine authentische und sehr glaubwürdige Atmosphäre. Hätte es für Jona einen Rückweg geben können, wenn sein Umfeld früher reagiert hätte? Die Frage bleibt offen. Jonas, der Kampfmaschine sein will, kann doch nicht aus seiner Haut. Selbst beim „Allahu akbar!“-Ruf hat er kein Messer in der Hand, sondern einen Rhabarberstängel. Das aber weiß die Polizei nicht, als der Schuss fällt. Ein schwer zu ertragendes Ende eines jungen Lebens – aber ein überzeugendes, unter die Haut gehendes Ende des Stückes.

Die nächsten Aufführungen sind am 31. Januar und am 7., 8., 11., 19. und 26. Februar.

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