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Ulm

04.11.2018

Theater Ulm: Sie spielt gerne mit Puppen

Im Kreis ihrer Puppen: die Schauspielerin Franziska Maria Pößl. Rechts im Bild ist Mascha Riotlawa, die Heldin ihres neuen Stückes, zu sehen.
Bild: Alexander Kaya

Die 27-jährige Schauspielerin Franziska Maria Pößl zeigt zum Start einer neuen Reihe in der Podium-Bar ihr besonderes Talent. Für Kinder ist das Stück allerdings nicht gedacht.

Mascha Riotlawa funkelt einen mit strengen, weit aufgerissenen Augen an, die linke Augenbraue ist arrogant hochgezogen. Immer wieder legt sie die Hand nachdenklich ans Kinn oder fährt mit ihr durchs lange, braune Haar. Eine kluge, aber gefährliche Frau, das sieht man, und noch dazu ist sie Professorin für Gender Studies an der Uni Köln. Doch dann nimmt Franziska Maria Pößl die Hand aus ihrem Kopf – und Mascha Riotlawa ist nur noch eine Puppe, die auf ihren großen Einsatz am Sonntag, 4. November, in der Podium-Bar wartet.

Dann gibt es dort die erste Ausgabe von „Chapeau!“, ein neues Format, bei dem Mitglieder des Ulmer Theaterensembles sich von einer ungewohnten Seite zeigen können. „Ich bin schon megaaufgeregt“, sagt die 27-jährige Pößl, sonst nicht Puppen-, sondern Schauspielerin. Seit 2017 arbeitet die gebürtige Nürnbergerin am Haus, sie zog auf der Bühne unter anderem bei „Die Krönung Richards III.“ in den Kampf und kreischte als Teenietochter in „Der Geizige“. Derzeit ist sie in „Lupus in fabula“ zu sehen. Weil die Proben für ihre nächste Produktion „Zeit der Kannibalen“ noch nicht begonnen haben, verfügte sie zuletzt über Tagesfreizeit – und hat diese genutzt, um das Puppentheater-Stück „Hilfe, die Emanzen kommen! Eine Puppe spricht Tacheles“ vorzubereiten. Es ist der erste Abend, den Pößl ganz alleine verantwortet, auch wenn sie von Korrepetitorin Eva Llorente Díaz am Klavier begleitet wird.

Zum Auszug bekam sie einen Akkuschrauber geschenkt

Um ein Geschlechterklischee zu bemühen: Mädchen spielen gerne mit Puppen. „Ich habe als Kind auch gerne mit Autos gespielt“, protestiert die Schauspielerin und lacht. Und zum Auszug bekam sie von ihrer Mama einen Akkuschrauber geschenkt. Tatsächlich kam sie ganz anders zu ihrer Spezialfähigkeit, die sie jetzt auch in Ulm unter Beweis stellen kann. Es begann an einer privaten Schauspielschule in Berlin. Dort sollte sie einen Monolog vorbereiten, doch der Text, den sie zeigen wollte, war ein Dialog. Ihre Dozentin Heike Irmert ermunterte sie, doch eine Puppe als Gegenüber zu benutzen. Die junge Fränkin war zunächst irritiert, probierte es dann aber aus – und war angefixt. Ein weiterer Dozent, Alexis Krüger, verschaffte ihr das erste Engagement an der Puppe: Zwei Jahre lang war Pößl Co-Spielerin des Hasen Basti in der Kika-Kinderserie „Siebenstein“. 2015, mittlerweile an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, baute sie ihre erste Klappmaulpuppe „Maneki Neko“, eine japanische Winkekatze. Und die Zuschauer liebten sie.

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Franziska Maria Pößl sieht sich in diesem Bereich dennoch als Amateurin. „Ich würde mich als Schauspielerin mit Puppenspieler-Skills bezeichnen. Andere haben das studiert.“ Aber das Spiel mit einer Puppe biete einem ganz andere Möglichkeiten. „Man erreicht die Leute anders, weil man sie über die Fantasie anspricht“, erklärt die 27-Jährige. So geschehen bei der Kulturnacht, als Pößl im Theaterlabyrinth ihre Winkekatze zum Einsatz brachte. „Zwei Mädchen sind extra noch einmal zurückgekommen, um die Katze zu streicheln.“

Franziska Pößl will "mit Sexismus auf Sexismus hinweisen"

Mascha Riotlawa dürfte bei „Chapeau!“ allerdings niemand streicheln wollen. Denn sie sieht nicht nur zum Fürchten aus – sie ist auch noch eine mies gelaunte Sexistin, die über andere Frauen schimpft, die angeblich „die ganze Zeit nur rumheulen“. Moment: eine Gender-Studies-Dozentin als Sexistin? Genau mit diesem Zwiespalt spielt „Hilfe, die Emanzen kommen“, mit Worten, aber auch mit Songs. „Ich will mit Sexismus auf Sexismus hinweisen“, sagt die 27-Jährige, mit Worten, aber auch mit Musik. „Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, wie viele sexistische Lieder es gibt.“ Eine Anklage soll das etwa 45-minütige Programm nicht werden, eher humorvolles Kabarett.

Pößl freut sich, endlich auch in Ulm ihre Puppenkünste zu zeigen – und würde es gerne auch einmal bei einem „normalen“ Bühnenstück tun. Ob sie vom Puppentheater auch als Schauspielerin profitiert hat? „Ich habe dabei gelernt, mehr mit dem Körper zu spielen“, sagt sie und greift zu Demonstrationszwecken zur Winkekatze. Und man ist ganz gerührt, wie traurig so eine Puppe schauen kann, wenn ihr von Franziska Maria Pößl Leben eingehaucht wird.

„Chapeau!“ beginnt um 19.30 Uhr in der Podium-Bar. Jeder Besucher zahlt nur so viel, wie er möchte.

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